Rudern

Aus der Olympia-Traum – Ida Kruse und Felix Brummel auf neuen Wegen

Münster

An diesem Wochenende werden auf dem Rotsee in Luzern die letzten Tickets für die Olympischen Spiele verteilt. Ida Kruse und Felix Brummel vom RV Münster werden diese Entscheidung entspannt von den heimischen Sofas aus verfolgen, ihr lang gehegter und gepflegter Olympia-Traum ist im Vorfeld geplatzt. Dennoch war die lange und aufopferungsvolle Vorbereitung nicht umsonst.

Ansgar Griebel

2019 noch gemeinsam auf Olympiakurs: Felix Brummel und Ida Kruse. Brummel musste ein Jahr später passen, vor wenigen Wochen endete auch Kruses Tokio-Traum. Foto: RVM

Die Olympischen Spiele sind der Traum eines jeden Leistungssportlers. Der dazugehörige Gedanke treibt die Athletinnen und Athleten an, er lässt wenig Raum für Abschweifungen und Müßiggang und erleichtert den massiven Verzicht auf private Annehmlichkeiten und berufliche Fortschritte. Doch die Tickets für das größte und begehrteste Sportfest der Welt sind rar – und nur ein Bruchteil aller Aktiven wird im Sommer nach Tokio aufbrechen dürfen. Für alle anderen gibt es nichts zu Lachen im Land des Lächelns. Ida Kruse und Felix Brummel vom Ruderverein Münster werden die Wettbewerbe auf der Olympischen Regattastrecke im Tokioter Hafen am Bildschirm verfolgen – wenn überhaupt.

Brummel-Aus schon 2020

Der 26-jährige Brummel war bereits im Frühjahr 2020 im schwer durchschaubaren und nicht immer nachvollziehbaren Nominierungs-Labyrinth des Deutschen Ruderverbandes steckengeblieben – und hat nach kurzer und reiflicher Überlegung seine Leistungssportkarriere nach vielen entbehrungsreichen Jahren beendet. Brummel steuert stattdessen seinem Master in „Sales Engineering und Product-Management“ an der Ruhr-Universität Bochum entgegen.

Kruse bis zuletzt im Boot

Im Ruderboot saß der hoch veranlagte Athlet seither nicht mehr, aber er führte in den vergangenen Wochen lange Telefongespräche mit Vereinskameradin Ida Kruse, die sich urplötzlich sportlich ebenfalls in einer Sackgasse befindet. Sie ist mit erst 24 Jahren immer noch im besten Ruderinnen-Alter und hat mit dem Leistungssport noch nicht abgeschlossen, gönnt sich aber zumindest eine kurze Auszeit. Auch ihr Rollsitz im Deutschland-Achter hat sich vor wenigen Wochen überraschend als Schleudersitz erwiesen. „Im vergangenen Jahr habe ich das bei Felix miterlebt, jetzt bin ich in einer ähnlichen Situation. Natürlich tauschen wir uns da aus“, so Kruse.

Münsters Ruderer und die Olympischen Spiele

Münsters Ruderclubs pflegen traditionell eigentlich eine enge und sehr gute Beziehung zu den Olympischen Sommerspielen – und blühen im Zeichen der Ringe auf. 1972 saß Peter Funnekötter vom ARV Münster im westdeutschen Vierer ohne Steuermann, der auf der Regattastrecke in Oberschleißheim zu Bronze fuhr – geschlagen unter anderem vom nicht ganz zweifelsfreien DDR-Quartett mit reichlich Dopinggerüchten im Kielwasser. 1984 sicherte sich Ellen Becker vom RV Münster gemeinsam mit Iris Völkner in Los Angeles die Bronzemedaille im Zweier, allerdings ohne die starke Konkurrenz aus dem Ostblock. Vier Jahre später ruderte Vereinskollege Andreas Lütkefels im Vierer mit Steuermann auf Platz sechs in Seoul. Wieder nur vier Jahre später sorgte RVM-Ruderer Peter Hoeltzenbein in Barcelona gemeinsam mit Colin von Etingshausen sogar für eine Silbermedaille. In Atlanta 1996 schwänzte Münster ausnahmsweise die Spiele, war dann im neuen Jahrtausend in Sydney aber wieder an Bord. Philipp Stüer vom RVM kam als Ersatzmann zwar nicht zum Einsatz im Vierer, war in Australien aber Teil der Olympischen Familie. In Athen war der Münsteraner dann mittendrin statt nur dabei. Sein Vierer gewann mit neuem olympischen Rekord den Vorlauf, patzte im Halbfinale und belegte schließlich als Sieger des B-Finales Platz sieben. 2008 begann das asiatische Olympiatrauma Münsters. Stüer war im Achter auf Kurs zu seinen dritten Spielen, ehe die komplette Besetzung kurz vor dem Abflug in einer Nacht- und Nebelaktion ausgetauscht wurde. Felix Brummel und Ida Kruse mussten zwölf bzw. 13 Jahre später Tokio aus ihren Reiseplänen streichen. So ganz ohne Münster wird es in Japan dann aber doch nicht gehen: Rolf Warnke, Vize-Präsident des Deutschen Ruderverbandes, ist als Schiedsrichter an der Regattastrecke.

Im Jahr 2010 hatte Kruse ihre Ruderkarriere gestartet, nur vier Jahre später war sie bereits als Ersatz-Ruderin für die Junioren-WM nominiert – und seither in jeder Altersklasse für den DRV am Start. Zuletzt hatte sie beim Studium in den USA ihren Platz im Kreis der besten deutschen Ruderinnen noch gefestigt, dann aber mit massiven Rückenproblemen zwischenzeitlich kurz den Anschluss verloren. Bei den Europameisterschaften 2020 fuhr sie in einem nicht eingefahrenen Vierer mit Abstand der Konkurrenz hinterher, doch Riemen-Trainer Tom Morris war vom Potenzial der Münsteranerin überzeugt und holte sie ins deutsche Flaggschiff.

Nach dem ernüchternden fünften Platz unter sechs Nationen bei der EM 2021 auf dem Lago di Varese aber startete Morris dann erneut das Personalkarussell und rekrutierte vor allem auf Kruses Steuerbordseite frische Kräfte. Zwei Ruderinnen starten jetzt im Zweier – ohne ernsthafte Olympiahoffnungen, für Kruse bot sich kein Plan B an. „Natürlich ist das enttäuschend und frustrierend, aber das ist auch Teil des Leistungssports, da gehört so etwas auch dazu“, sagt sie. All der jahrelange Verzicht also umsonst? „Nein“, sagt Kruse mit Nachdruck. „Natürlich ist Olympia für alle Sportler das große Ziel. Aber auf dem Weg dahin nimmt man soviel mit. So viele Begegnungen und Freunde, die im und für das weitere Leben wichtig sind. Ohne den Sport wäre ich sicher nicht in die USA gekommen. Außerdem hat mich der Sport diszipliniert, eine Eigenschaft, die in vielen Lebensbereichen sehr hilfreich ist. Das war bestimmt keine verlorenen Zeit. Man darf nicht alles nur an Medaillen und Regatten messen.“

Entscheidungen in Luzern

An diesem Wochenende werden in Luzern die letzten Tokio-Tickets verteilt, Athleten aus Münster sind nicht am Start. Kruse bleibt vorerst in Berlin und kümmert sich um ihre berufliche Weiterbildung. Aus den USA hat sie den Bachelor in „Natural Resource Management“ mitgebracht, dem Thema Nachhaltigkeit will sie sich weiterhin widmen. Vielleicht auch sportlich: „Ich habe gelesen, dass das Durchschnittsalter der Ruderinnen bei den Olympischen Spielen bei 28 Jahren liegt“, erzählt Kruse. Bei den Spielen von Paris 2024 wäre sie selbst erst 27.

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