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Rudern: Junioren-WM

Von Medaillen und Krebsen: Münsteraner Sextett blickt auf Varese zurück

Münster

Ein halbes Dutzend des RV Münster nahm an den Junioren-Weltmeisterschaften im italienischen Varese teil. Sechs Aktive, sechs Geschichten – wir erzählen sie.

Erinnerungen an Italien fallen leichter bei 30 Grad in Münster (v. l.):  Emanuel Wieczorek, Vinzent Kuhn, Kieran Holthues, Sarah Grauer, Tjorven Schneider, Trainer Thorsten Kortmann und David Wieczorek Foto: Ansgar Griebel

Ortstermin am Bootshaus des RV Münster bei Südseefeeling am Dortmund-Ems-Kanal, das Ufer ist bevölkert von Sonnenanbetern und -anbeterinnen, auf dem Wasser suchen Standup-Paddler ihren Weg durch Badende und fantastische Tierwesen. Von den Aktiven des Rudervereins Münster geht an diesem Tag keine Gefahr aus, sie lassen es aktuell ruhig angehen, die Trainingseinheiten werden auf die Rennräder verlagert, die Saison hat ihre Höhepunkte hinter sich – den finalen Rennherbst mit den Landesmeisterschaften gehen die Ruderer und Ruderinnen vergleichsweise entspannt an. Trainer Thorsten Kortmann und seine sechs WM-Fahrer suchen sich ein schattiges Plätzchen und berichten von aufregenden Tagen im italienischen Varese.

Sechs Aktive, sechs Geschichten: Naturgemäß fallen die von Tjorven Schneider, Vinzent Kuhn und Kieran Holthues dabei etwas euphorischer aus, sie haben als Souvenirs Bronzemedaillen aus Italien mitgebracht. Bei Sarah Grauer sowie David und Emanuel Wieczorek beschränkt sich die Ausbeute vor allem auf Renneinteiler der Konkurrenten und Konkurrentinnen – die beliebteste Währung an der Tauschbörse auf internationalen Wettkämpfen.

Kieran Holthues geht aktuell meist im grünen Anzug der irischen Nationalmannschaft aufs Wasser, die Wieczorek-Zwillinge sind im Schweizer Dress oder im US-Outfit unterwegs – gelohnt haben sich die Welttitelkämpfe der Junioren für alle. Spätestens im Rückblick: „Ein paar Tage habe ich gebraucht, aber jetzt kann ich wirklich mit Stolz zurückblicken“, sagt beispielsweise Sarah Grauer, die von ihrer ersten WM statt einer Aufnahme vom Siegerpodest das Zielfoto im Gepäck hatte. Ihr Vierer wurde auf dieser Aufnahme als Vierter identifiziert, mit bloßem Auge war das nicht zu erkennen. „Weil es so knapp war, war es natürlich auch ärgerlich“, sagt die 17-Jährige von der Marienschule, „aber jetzt bleiben die tollen Erinnerungen.“

Schneider: „Das hat am längsten gedauert“

Dieser Rückblick fällt Tjorven Schneider naturgemäß noch etwas leichter: Auch für die Schülerin des Hittorf-Gymnasiums war es die erste WM – und dann gleich im Achter und dann mit Zwischenstation am Siegersteg. „Das hat schon etwas gedauert, bis das alles verarbeitet war“, sagt die 17-Jährige. „Die Nominierung hat sich ja über einen längeren Zeitraum entwickelt, den Achter-Platz habe ich ziemlich schnell realisiert, den hatte ich mir auch als klares Ziel gesetzt – die Bronzemedaille zu realisieren, das hat wohl am längsten gedauert.“ Fazit: Super, gerne wieder.

Tjorven Schneider (3.v.l.) feierte am Siegersteg von Varese die Bronzemedaille mit dem deutschen U-17-Juniorinnen-Achter. Foto: Detlev Seb

Wiederholungstäter waren die Jungs aus der Truppe ohnehin: Das Quartett hat bereits WM-Erfahrung gesammelt und wechselt in der kommenden Saison aus der U-19- in die U-23-Gruppe. Der Abschied fällt Vinzent Kuhn und Kieran Holthues dabei aus gegebenem Anlass etwas leichter als den Wieczoreks. Im Zweier war für das RVM-Duo alles drin, Bronze am Ende „top“, wie Kuhn bestätigt. „Da gab es keine klaren Favoriten, in den Vorläufen hatte jeder jeden geschlagen. Wir wollten eine Medaille, der zweite Platz wäre schön gewesen, aber wir sind super zufrieden mit Platz drei.“

Holthues hatte bereits WM-Silber gesammelt und freute sich über den Farbwechsel: „Silber hatte ich ja schon, mal was anderes“, bilanziert der angehende Abiturient des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums und verweist auf das Schicksal der Titelverteidiger, die im Finale nur auf Rang fünf ins Ziel kamen: „Da nehme ich doch lieber von Silber auf Bronze, als von Gold auf den fünften Platz.“

Kuhn: „Alle 500 Meter einen Krebs gefangen“

Kortmann hatte seinen Schützlingen als Marschroute eine 7:35-Minuten-Zeit ins Logbuch geschrieben, Kieran und Vinzent ließen Taten folgen. „War ja nicht zu ahnen, dass diese Zeit nur für Rang drei reichte“, versucht sich der Trainer aus der Verantwortung zureden. „War nicht seine Schuld“, folgt postwendend die Entwarnung. „Wir haben einfach zu viele Krebse gefangen“, so Kuhn, „ungefähr einen alle 500 Meter.“

Krebse zu fangen, hält naturgemäß auf – wenn das Ruderblatt beim Ausholen am Wasser hängenbleibt, dann gehen Tempo, Rhythmus und entscheidende Sekunden verloren. Das bekam auch Emanuel Wieczorek zu spüren, der im deutschen Vierer mit Steuermann bis zur 1000-m-Marke um die Spitze mitruderte, ehe sich die Besatzung ein monumentales Schalentier einfingen: „Das hat richtig was gekostet, da sind wir fast komplett stehengeblieben“, erinnert sich Emanuel mit Grausen – am Ende dann Rang sechs. „Damit bin ich überhaupt nicht zufrieden, die gesamte WM war aber okay für mich.“ Immerhin hatte er es vom Ersatzfahrer im Vorjahr jetzt ins Boot geschafft – im Gegensatz zu Bruder David, der die Kameraden mit Kühlwesten versorgen musste und Handlangerdienste leistete, wie schon bei der letzten Weltmeisterschaft in Plovdiv.

Bronze auch für den deutschen Zweier made in Münster: Vinzent Kuhn und Kieran Holthues Foto: Detlev Seyb

Haarscharf hatte er bei der Besetzung der Boote einen Rollsitz verpasst. Dass er am Ende einziger Sieger der RVM-Abordnung war, blieb ein schwacher Trost. Im traditionellen Rennen der Ersatzleute hatte das deutsche U-17-Boot den Bug vorn. Es liegt in der Natur der Zwillinge aus dem Sportinternat, in der kommenden Rennsaison erneut anzugreifen. Am Pascal-Gymnasium steht 2023 zudem das Abitur an, auch Kieran Holthues, Sarah Grauer und Tjorven Schneider müssen Schule und Sport unter einen Hut bringen. „Das geht“, sagt Vinzent Kuhn, „ich hab es ja auch geschafft.“ Kuhn hat nach dem Abi gerade seinen Bundesfreiwilligendienst beim RV Münster gestartet – mithin die optimalen Trainingsbedingungen. Aber auch die anderen fünf wollen neben der Hochschulreife erneut WM-Reife unter Beweis stellen.

Im ersten U-23-Jahr geht es für die vier jungen Männer zur WM ins bestens bekannte bulgarische Plovdiv, Sarah Grauer und Tjorven Schneider haben im letzten U-17-Jahr ein noch reizvolleres Ziel: Ihre Welttitelkämpfe dienen als olympische Generalprobe in Paris. Da kann man am Dortmund-Ems-Kanal schon mal ins Träumen geraten ...

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