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Fußball: Kreisliga B

„Weiß nicht, wie lange wir noch antreten“: Türkiyems trauriger Geburtstag

Münster

Der SC Türkiyem kämpft – am Sonntag auf dem Platz gegen den 1. FC Gievenbeck III, vor allem aber ums Überleben. Nach 20 Jahren fehlen dem Club die Spieler, der Nachwuchs und mehr und mehr die Fantasie, wie es in Zukunft weitergehen soll.

Von Ansgar Griebel

Der SC Türkiyem Münster blickt auf eine lange und ereignisreiche Clubgeschichte zurück. der Blick in die Zukunft dagegen ist sehr, sehr unsicher. Wie es weitergeht für den Club, der vor 20 Jahren gegründet wurde, ist ungewiss. Foto: SC Türkiyem

Der SC Türkiyem wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Einen Grund zum Feiern gibt es aber nicht, für Glückwünsche sind die Verantwortlichen derzeit nicht in der richtigen Stimmung. Wobei so ein „Alles Gute“ durchaus angemessen wäre. „Ich weiß nicht, wie lange wir noch antreten“, sagt Halil Gündogdu, der gemeinsam mit Manager Mustafa Yildirim den Club mit viel Herzblut am Leben hält. Wie lange das gut geht? „Ganz ehrlich, keine Ahnung.“

Gündogdu war schon vor 20 Jahren am Start, als sein inzwischen verstorbener Bruder Veli den Club mit aus der Taufe gehoben hatte. Auch sein anderer Bruder, Ali Gündogdu (52), ist ein Mann der ersten Stunde, – gemeinsam könnten sie jetzt auch den Weg des Clubs bis zum bitteren Ende gehen. Kein Nachwuchs, keine Spieler, keine Zukunft – so einfach wie schmerzhaft lautet die Botschaft.

„Wir waren vor drei Jahren schon mal fast so weit“, sagt Yildirim. Damals kamen zwei Trainer und einige Spieler neu zum Club, hauchten dem B-Ligisten Leben und Qualität ein. „Da haben wir sogar am Aufstieg geschnuppert.“ Doch exakt dieser Hilfskonvoi hat sich vor der aktuellen Spielzeit überraschend und kurzfristig wieder abgemeldet und sich dem FC Mecklenbeck angeschlossen, der am 15. September nächster Gegner des SC Türkiyem wäre, wenn – ja, wenn Trainer Hamza Kaya ein Team zusammenbekommt.

Bester Mann zum Auftakt? Ein 52-Jähriger

Den Saisonauftakt hat das Team kampflos verstreichen lassen müssen, am zweiten Spieltag setzte es eine 0:3-Niederlage gegen BG Gimbte. Bester Mann bei den Gastgebern der 52-jährige Ali Gündogdu. „Das sagt doch alles“, so Bruder Halil. „Ali hält sich ja auch fit und ist in Form, aber gegen die jungen Kerle ...“

Halil Gündogdu selbst hatte ebenfalls ein Trikot übergezogen, „für den äußersten Notfall, aber ich kann das nicht mehr, das ist eigentlich Unsinn“. Ali und Halil spielten einst für Greven 09 in der Landesliga, jetzt steht das verspätete Karriereende in der Kreisliga B1 bevor, gemeinsam mit Nadir und Dogan Gündogdu, den Söhnen von Veli und Ali. Die Familie ist an Bord – für eine funktionierende Mannschaft auf Dauer zu wenig.

Yildirim, der einst vom TuS Saxonia zum SC Türkiyem wechselte, hat ausreichend gültige Spielerpässe zur Auswahl, deren Besitzer die Schuhe allerdings längst an den Nagel gehängt haben. „Und junge Leute kommen nicht“, sagt Halil Gündogdu. Als der Exodus einer nahezu kompletten Elf nach Mecklenbeck bekannt wurde, stand die Saison schon vor der Tür, Spieler und Verantwortliche quälten die sozialen Netzwerke, fragten Freunde und Bekannte – spannten das Fußball-Netzwerk des Online-Magazins Heimspiel ein. Es reichte dann zu dem einen Spiel gegen Gimbte, bei dem sich gleich vier Spieler verletzten. „Und das war doch auch nicht anders zu erwarten“, so Halil Gündogdu.

„Die Aufgabe des SC Türkiyem ist geschafft“

Die Mannschaft spielt und trainiert auf dem Ascheplatz an der Sentruper Höhe. „Die jungen Leute sind doch längst die besten Kunstrasen gewöhnt, auf Asche will keiner mehr spielen“, so Gündogdu. Ein Vereinsheim gibt es auch nicht: Trainieren, spielen – und tschüss. „So funktioniert das eben nicht. So entwickelt sich kein Vereinsleben. Ich weiß auch nicht, warum wir uns das noch antun. Eigentlich hat der Verein seinen Zweck ja komplett erfüllt.“

Zurückgezogen, aufgelöst, vergessen

Sein Bruder Veli und dessen Mitstreiter seien vor 20 Jahren angetreten, die jungen Türken von der Straße auf den Fußballplatz zu holen. „Inzwischen ist das die dritte Generation, die haben alle einen deutschen Pass, sind integriert, da, wo sie wohnen – und da spielen sie auch Fußball. Bei uns sind wir auch längst multikulti auf dem Platz. Das war die Aufgabe des SC Türkiyem, das ist geschafft“, sagt Halil Gündogdu.

SC Türkiyem gibt nicht kampflos auf

Noch sind die Lichter nicht ganz ausgegangen – aber die Dämmerung hat über der Sentruper Höhe eingesetzt, es wird früh dunkel in diesen Tagen. Doch noch ist das letzte Spiel nicht abgepfiffen – kampflos wird an der Sentruper Höhe niemand aufgeben. Für die Partie am Sonntag beim 1. FC Gievenbeck III haben sich beim Training 13 Aktive angemeldet. „Nicht viel, aber wir treten immerhin an“, so Gündogdu. Mustafa Yildirim dreht weiter unermüdlich die Werbetrommel: „Wer Lust hat, Fußball zu spielen, soll kommen. Wir freuen uns über jeden Spieler.“

Im Jahr 2023 soll, so heißt es, sogar endlich ein Kunstrasen an die Sentruper Höhe kommen. Darauf ließe sich auch ein 21. Vereinsgeburtstag feiern.

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