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Leichtathetik: Stabhochsprung

Silke Spiegelburg: „Wir zahlen alle einen hohen Preis“

Münster

Es ist keine leichte Aufgabe, eine Stab an den Nagel zu hängen, aber Silke Spiegelburg zieht es durch. Die 32-Jährige beendet ihre beeindruckende Karriere als Stabhochspringer und blickt zurück auf eine erfolgreiche Laufbahn mit vielen emotionalen Momenten.

wn

Mit 15 Jahren gewann sie Gold bei den Jugend-Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Debrecen (Ungarn), drei Jahre später war sie schon bei Olympia in Athen dabei. Ihr Stern ging aber so richtig in Münster auf: In den Osmohallen sprang Silke Spiegelburg 2005 mit 4,48 Metern Junioren-Weltrekord und löste damals keine Geringere als Jelena ­Issin­bajewa, den damals kommenden Star der Szene, aus Russland ab. In diesem Monat erklärte Stabhochspringerin Silke Spiegelburg, geboren in Georgsmarienhütte und ursprünglich beim TV Lengerich zu Hause, ihren Rücktritt vom Leistungssport. Unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd sprach mit der ­32-Jährigen über die vielen Aufs und Abs (davon gab es ebenfalls einige), über Olympia, Doping und Weltreisen.

Frau Spiegelburg, was hat den Ausschlag gegeben für Ihren doch etwas überraschenden Rückzug?

Silke Spiegelburg: Da kamen mehrere Dinge zusammen. Ich wache auf und frage mich: Hast du mit 32 noch Lust daran? Und: Wie sieht die Zukunft nach dem Sport aus? Der Rückzug jetzt war eine Summe aus allem. Verletzungen kamen erst 2014 hinzu, dann aber schlagartig.

Linda Stahl, die Speerwurf-Europameisterin von 2010, sagte einmal, sie konnte zum Schluss nur noch unter Schmerzmitteln werfen. Ist das der Preis für jahrelangen Spitzensport?

Spiegelburg: Den habe ich nicht bezahlt, ich war nicht der Typ dafür, aber ich war glücklicherweise meistens schmerzfrei, bis auf die DM 2018 vielleicht. Aber sicher: Wir zahlen alle einen hohen Preis mit Spritzen gegen dies und das, ständigen Physio- und Chirotherapien. Das gehörte auch für mich dazu.

Die Leichtathletik insgesamt steht ja nach den Doping- und Bestechungsvorwürfen in der Kritik . . .

Spiegelburg: Gut, wenn alles ans Licht kommt, vielleicht wird aber auch nie alles aufgeklärt. Der Kampf gegen Doping muss auf allen Ebenen forciert werden, beispielsweise durch mehr Geld für die Forschung. Aber es bleibt ein harter Kampf. Und Korruption? Man muss nur an die Fifa denken oder an den Radsport: Ich bin sicher, dass nach und nach alles aufgedeckt wird.

Die Kritik wächst, auch an den Spitzen(fach)verbänden und dem DOSB. Stichwort: Athletenvereinigung. Weil sich die Sporter „überrumpelt, ausgeschmiert und ignoriert“ sehen, wie es die FAZ einmal schrieb. Ist da etwas dran?

Spiegelburg: Ich finde es cool, dass es die Athletenvereinigung gibt und damit mehr Mitsprache. Die Athleten sind doch das Wichtigste im Sport, dann sollten sie auch gut ausgebildet und finanziell abgesichert sein. Und zwar auch beispielsweise ohne die Bundeswehr, wenn man den Dienst an der Waffe nicht leisten will. Die Deutsche Sporthilfe als Stiftung ist da besonders wichtig, auch, dass die Trainer gerecht bezahlt werden.

Sie haben neben dem Leistungssport auch eine akademische Ausbildung abgeschlossen. Das immer unter einen Hut zu bringen, war wohl nicht ganz so einfach . . .

Spiegelburg: Definitiv nicht. Ich hatte das Glück, dass die Uni Köln Rücksicht beispielsweise bei Prüfungsterminen genommen hat. Ich konnte das Diplom zwar nicht zu Ende bringen, weil der Studiengang (Gesundheitsökonomie) auslief, aber ich habe den Bachelor.

In Deutschland ist die duale Karriere Bestandteil der aktuellen Spitzensportreform, die nun angestoßen ist. Wie wirkt das auf Sie, werden da die richtigen Weichen gestellt?

Spiegelburg: Das wird sich wohl erst in den nächsten Jahren zeigen, ob’s in die richtige Richtung läuft. Die Deutsche Sporthilfe tut ja schon sehr viel, ich war ja selbst Stipendiatin, die schaffen auch wichtige Kontakte zur Wirtschaft . . .

Gestatten Sie noch einen Blick zurück auf Ihre Laufbahn: Was waren denn für Sie die schönsten Momente im Sport?

Spiegelburg: Ich war bei drei Olympischen Spielen dabei! Das waren ganz besondere Momente. 2001 war ich das erste Mal im Nationaltrikot bei einer Meisterschaft – mit Hymne und Fahne und allem drum und dran. Und Münster: Das werde ich nie vergessen, natürlich auch nicht die EM 2009 in Berlin, im eigenen Land.

Und was waren die schlimmsten Momente in Ihrer Karriere? In Erinnerung bleiben ja auch die bitterlichen Tränen bei der WM 2013 in Moskau, der EM 2012 in Helsinki, Olympia 2012 in London und – ja, auch in Berlin – 2009? Sie wurden jeweils Vierte . . .

Spiegelburg: Stimmt. Der bitterste Moment war in London. Ich war als Weltjahresbeste angereist und wurde Vierte, der Traum von einer olympischen Medaille: geplatzt. Mann, war das bitter.

Wie betrachten Sie den Spitzensport nun mit einigem Anstand?

Spiegelburg: Er hat mir sehr viel gegeben, ich habe viele Menschen kennengelernt, denen ich ohne den Sport nie begegnet wäre. Ich könnte weltweit jemanden besuchen und würde überall unterkommen. Manchmal fehlte mir aber auch die Zeit, die Länder zu erkunden. Ein Tag Anreise, ein Tag Wettkampf, ein Tag Abreise.

Sie sagten, Sie bleiben dem Sport erhalten – wie?

Spiegelburg: Ich trainiere jetzt zwei Mal in der Woche Kinder in der allgemeinen Leichtathletik beim VfB Stuttgart. In der Nachwuchsarbeit tun sich die Stabhochspringer in Deutschland etwas schwer. Aber man kann sich die Talente ja nicht backen. Zudem bin ich dabei, mich im Bereich berufliche Gesundheitsförderung selbstständig zu machen.

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