Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling

Triumphe und Tragödien: Die Geschichte des FC Liverpool

Münster

Das Timing war perfekt, allerdings reiner Zufall: Dietrich Schulze-Marmeling hatte schon lange vor, die Geschichte des FC Liverpool in einem Buch zu erzählen. „Weil mich der Verein, die Stadt und die Menschen faszinieren.“ Womit er nicht rechnete: Dass Liverpool kurz vor der geplanten Buch-Veröffentlichung die Champions-League gewinnen würde.

Carsten Voß

Wenn der FC Liverpool (hier im Bus vor dem Murrayfield Stadion von Edinburgh) auftaucht, sind die Fans aus dem Häuschen. Autor Dietrich Schulze-Marmeling hat der Geschichte der „Reds“ sein neues Buch gewidmet. Foto: dpa

Ihr neues Buch hat ein bisschen Verspätung …

Schulze-Marmeling: Als absehbar war, dass der FC Liverpool noch Meister werden und die Champions-League gewinnen konnte, habe ich abgewartet, was passieren würde. Nach dem Champions-League-Sieg musste ich dann einige Überstunden schieben. Dass ich mit dem Thema „FC Liverpool“ so ins Schwarze treffen würde, konnte ja keiner ahnen.

Jetzt thront Jürgen Klopp mit Henkelpott auf dem Titel Ihres Buches. Ist Klopp in Liverpool der Schlüssel zum Erfolg?

Schulze-Marmeling: Ihm ist der Verein auf den Leib geschneidert. Liverpool hat nicht dieselben finanziellen Möglichkeiten wie Manchester und Co., umso wichtiger sind die Qualität des Trainers und der Faktor Emotion. Klopp hat nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Umfeld mitgerissen. In Dortmund war es damals ähnlich. Dort hat er vom ersten Tag an den Verein neu elektrisiert – einen Verein, der ziemlich müde geworden war. Vergleichbar mit Liverpool.

Wieso war der FC Liverpool „müde“?

Schulze-Marmeling: Man kann dieses Phänomen bei Traditionsvereinen häufiger beobachten: Sie sind zu sehr in ihrer Geschichte verhaftet und bekommen zu spät mit, dass es dringend Zeit für einen Modernisierungsschub wäre. Mit Gründung der Premier-League 1992 bekam der Verein riesige Probleme, war ein bisschen ausgedörrt. Ausländische Investoren machten Teams wie Chelsea oder Manchester City groß und setzten den Traditionsverein Liverpool unter Zugzwang. Dort begann die Modernisierung erst verspätet, auch mit Hilfe kontinentaleuropäischer Trainer. Bis heute konnte man die Premier League nicht gewinnen, lieferte sich allerdings in der letzten Saison einen phänomenalen Zweikampf mit Manchester City. In Europa war man seit der Jahrtausendwende erfolgreicher als United, City und Chelsea.

Die „Reds“ haben auch in Deutschland viele Anhänger. Was haben sie, was andere nicht haben?

Schulze-Marmeling: Neben Manchester United war Liverpool für viele Deutsche immer der Inbegriff des englischen Fußballs. Es gab in der Vergangenheit legendäre Duelle mit deutschen Clubs - mit Dortmund, Bayern oder Mönchengladbach. Hinzu kommt ein Fußball-Romantizismus, von dem besonders Traditionsvereine profitieren. Und schließlich: Wer immer schon Jürgen Klopp mochte, hofft auch, dass er in Liverpool erfolgreich ist.

Liverpool steht für große Geschichten und große Dramen – bei den Kata­strophen von Heysel und Hillsborough kamen weit über 100 Menschen ums Leben.

Schulze-Marmeling: Diese Mischung aus Triumph und Tragödie macht den Mythos FC Liverpool aus. Die Erinnerungen lasten noch heute schwer auf der Liverpooler Seele. Gleichzeitig ist die Identifikation in der Stadt mit dem Fußball, mit diesem Club, auch mit dem zweiten Liverpooler Verein, FC Everton, extrem hoch. Beide Clubs stehen für das einzigartige Lebensgefühl in dieser Stadt, das auch durch die Musik genährt wird. Liverpool und die Beatles, Liverpool und die Musik – der so genannte „Mersey Beat“ – wurden immer in einem Atemzug genannt. Das gibt es bei keinem anderen Verein. Songs der Beatles wurden auf den Rängen von Anfield (Stadion des FC Liverpool, die Red.) gesungen, teils abgewandelt und auf die Mannschaft umgetextet. Die engste Verbindung zum Club hatten allerdings „Gerry and the Pacemakers“, die den Song „You‘ll never walk alone“ neu interpretiert hatten und damit zu der Stadion-Hymne schlechthin machten. In Anfield verschmolzen zwei Populärkulturen – Fußball und Beat-Musik – zu einem neuen Ganzen.

Autor Dietrich Schulze-Marmeling mit seinem Buch „Der FC Bayern und seine Juden“. Foto: Wilfried Gerharz

Sie schreiben, dass es den FC Liverpool ohne Bier nie gegeben hätte.

Schulze-Marmeling: Ja, das lag an John Houlding, dem Präsidenten des FC Everton. Houlding war Bierbrauer, ihm gehörte auch das Stadion an der Anfield Road, damals noch Spielstätte des FC Everton. Houlding wollte 1892 die Pacht fürs Stadion mehr als verdoppeln, außerdem beanspruchte er das Recht für den Getränkeverkauf im Stadion für sich. Das führte zum Bruch: Everton zog aus Anfield aus, Houlding stand ohne Mannschaft da. Er gründete den FC Liverpool und kaufte ein Team aus lauter Schotten zusammen, das wieder die Zuschauer ins Stadion trieb – und den Bierabsatz ankurbelte.

Weiß irgendjemand in Liverpool, dass sich ein Deutscher um die Vereinschronik verdient gemacht hat?

Schulze-Marmeling: Nur Freunde aus Liverpool und Kollegen aus Journalismus und Fußballforschung wissen davon, vom Verein vermutlich niemand. Das ist aber auch nicht wichtig. Ich schreibe Bücher, um einer Geschichte, die mich persönlich interessiert, auf den Grund zu gehen. Ich schiele da weder auf den Markt noch auf Clubverantwortliche. Mich interessieren Vereine, die eine gewisse sozial-historische und kulturelle Schwere haben, bei denen es auch um den Fußball herum richtig was zu erzählen gibt. Dass das in diesem Falle mit einem Champions-League-Sieg korrespondiert, ist nichts als Zufall.

Der Autor – der Verein

Zum Autor: Dietrich Schulze-Marmeling gilt als einer der besten deutschen Buchautoren in Sachen Fußballgeschichte. Für „Der FC Bayern und seine Juden“ wurde der Altenberger 2011 mit dem Preis „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichnet. In diesem Jahr ist er mit „Ausgespielt? – Die Krise des deutschen Fußballs“ und „Der Fall Özil. Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus“ sogar doppelt nominiert. Das hat es in der Geschichte des Preises noch nie gegeben.Die Chronik „Reds.

Die Geschichte des FC Liverpool“ erscheint im August (Werkstatt-Verlag, 19,90 Euro).

Zum Verein: Der FC Liverpool gehört zu den weltweit renommiertesten Vereinen, holte 18 nationale Titel, gewann dreimal den Uefa-Cup und sechsmal den Europapokal der Landesmeister, der inzwischen „Champions League“ heißt. Dunkle Kapitel waren die Katastrophe von Heysel (1985), als Liverpool-Fans den Block von Juventus-Turin-Anhängern stürmten und 39 Menschen getötet wurden, sowie die Hillsborough-Tragödie (1989), als in einem überfüllten Stadion 96 Menschen ums Leben kamen.

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