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Para-Reiten

Zurück im Leben - Gianna Regenbrecht träumt von Paris 2024

Münster

Wenn Gianna Regenbrecht in diesen Tagen den Fernseher anschaltet, um die Paralympics in Tokio zu verfolgen, dann tut sie das vor allem aus Interesse – aber ein wenig auch als Fortbildung und Blick in die Zukunft. Denn in drei Jahren in Paris will die Münsteranerin nicht mehr vor der Mattscheibe sitzen, sondern auf dem Pferd im Fokus der Fernsehkameras.

Von André Fischer

Ein tolles Gespann: Gianna Regenbrecht und die elfjährige westfälische Stute Selma. Foto: Janine Honert

Februar 2014 – ein nasskalter Sonntag. Gianna Regenbrecht ist 20 Jahre jung, hat ihr Abitur gerade in der Tasche. Sie ist eine sehr gute Reiterin, verdient sich etwas Taschengeld, indem sie für andere Leute Pferde sattelt. Sie steht mitten im Leben – doch danach ist alles anders. Der Vierbeiner, auf dem sie sitzt, erschrickt, steigt und verliert das Gleichgewicht. Die junge Frau wird unter dem fallenden Ross begraben. Sie selbst kann sich an den Unfall nicht erinnern. „Zum Glück“, sagt sie. Ein Rettungshubschrauber bringt Gianna in eine Klinik nach Hamm. Der zweite Lendenwirbel ist zersplittert, Fragmente sind ins Rückenmark eingedrungen. Die erschütternde Diagnose lautet: inkomplette Querschnittslähmung.

Mit Selma auf Gut Havichhorst

Hinter den Wipfeln der Baumreihen inmitten der Natur vor den Toren Münsters erhebt sich das schmucke Gut Havichhorst. An der Gräfte des Hauses beginnt mit dem Stall für die Lehrgangspferde der gesamte Komplex der Westfälischen Reit- und Fahrschule, der aus neun Gebäuden besteht und eine der eindrucksvollsten Reitanlagen des Münsterlandes ist. Es ist die neue sportliche Heimat einer inzwischen 27-jährigen selbstbewussten Frau, die ihr neues Leben im Rollstuhl nach dem tragischen Unfall annimmt. Mit Anlaufzeit. „Ich musste viel lernen, ein Leben im Rollstuhl ist wirklich eine 180-Grad-Wende“, verrät sie. „Ganz normale Dinge aus dem Alltag musste ich neu erlernen.“ Sie schafft es, arbeitet sich zurück ins Hier und Heute, sitzt wieder auf dem Rücken der elfjährigen westfälischen Stute Selma. Und träumt von den Paralympics 2024 in Paris.

Der schwere Weg zurück ins Leben

Bis hierher ist es ein weiter, mühevoller Weg. Gianna muss auch auf dem Pferd lernen, mit ihrem neuen Körpergefühl umzugehen und ohne funktionierende Beine verständliche Signale zu geben. Die Ausbildung zur Tierarzthelferin bricht sie ab, ihr Berufswunsch, Tierärztin für Nutz- und Großtiere, ist für gehandicapte Menschen kaum leistbar. Auch wenn sie wenige Schritte mit Gehhilfen machen kann, weil Restfunktionen der Bewegung beziehungsweise der Sinneswahrnehmung erhalten geblieben sind, ist sie im Alltag auf ihren „Aktiv-Rolli“ angewiesen. Und der sieht richtig gut aus, mit speziellen Reifen aus England. „Die habe ich im Internet bestellt. Wenn ich schon jeden Tag mit dem Rollstuhl unterwegs bin, dann achte ich natürlich auch auf die Optik, es ist mein Accessoire!“

Karriere nimmt Fahrt auf

Der Wunsch, wieder aufs Pferd zu steigen, begleitet sie schon während der vielen stationären Aufenthalte und Reha-Maßnahmen. Auch wenn Familie und Freund Marius anfangs skeptisch sind – diese Frau weiß, was sie will. In der Hippotherapie, einer Form des therapeutischen Reitens, bei dem der von neurologischen Bewegungsstörungen betroffene Patient im Fokus steht, findet Regenbrecht Halt, schöpft neuen Mut. My Little Hero, das 20 Jahre alte Norweger-Pony ihrer Trainerin Claudia Mense in Lippstadt, trägt sie in der Dressur unter Anleitung von Mense bis zum ersten Para-Turnier in Berlin. Die Karriere nimmt Fahrt auf.

Mit dem Umzug nach Münster und der Aufnahme eines Medizinstudiums ist sie mehr denn je sich selbst überlassen. Das prägt. „Ich fühle mich gar nicht eingeschränkt, brauche nur Hilfe, wenn ich aufs Pferd möchte.“ Sonst ist sie mobil, fährt ein Auto mit Handgas. Lebt ihren Traum. Die Berufung in den Bundeskader der deutschen Nachwuchsreiter 2020 ist für sie die Bestätigung, weiterzumachen. Mit Selma reitet sie in Mannheim, München und Kronenberg (Niederlande) drei Qualifikationsturniere für die Spiele in Tokio – und ist längst nicht satt. „Selma gibt alles, ich liebe sie. Aber sie ist nicht das klassische Dressurpferd. Für einen ausdrucksstarken Mitteltrab muss sie sich schon sehr mühen.“ Sie sucht nach einer vierbeinigen Alternative.

Perfektes Umfeld

In der Westfälischen Reit- und Fahrschule bei Ausbilder und Pferdewirtschaftsmeister Jörg Jacobs findet Regenbrecht perfekte Bedingungen vor. Kurze Wege – und gepflastert. Ein Vorteil, wenn der Rollstuhl der ständige Begleiter ist. „Wir fühlen uns sauwohl hier“, sagt die deutsche Para-Hoffnung in der Dressur.

Selma blickt derweil in die Natur. Sie genießt den Luxus, ein großes Fenster in ihrer Box zu haben. Silas, ein zweijähriger Dalmatiner-Rüde, hockt brav an der Seite Regenbrechts. „Es ist alles gut, wie es ist“, sagt Gianna. Sie hat zurück ins Leben gefunden – und will zu den Paralympics.

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