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Fußball: Oberliga

Traum begraben und trotzdem happy: Preußens Marvin Kehl

Münster

Jahrelang ordnete Marvin Kehl dem Traum vom Profifußball alles unter, bastelte in Hamburg an seiner Karriere. Der Traum platzte, Kehl spielt inzwischen für Preußen Münster II in der Oberliga  – und gibt auch schon mal den Alleinunterhalter.

Von Jonas Austermann

Gleich schlägt es ein: Marvin Kehl (Mitte) trifft gegen die Sportfreunde Siegen zum 1:0 für Preußen Münster II.  Foto: Pascal Koopmann

Am 14. November 2015 war Marvin Kehl seinem Traum ganz nah: Als Spieler der U19 des FC St. Pauli durfte er im Test bei den Zweitliga-Profis ran. 1:1 endete der Kick gegen den VfL Osnabrück.

„Ich stand damals gar nicht auf dem Spielberichtsbogen, aber als nach Abpfiff einige Kinder mit Autogrammwünschen kamen, sollte ich auf dem Zettel hinter meinem Namen unterschreiben“, erzählt der heute 25-Jährige und lacht. Das entspricht dem Naturell des Mannes, der inzwischen für Preußen Münsters Oberligateam aufläuft. Seinen Traum vom Profifußball hat er inzwischen begraben, auch wenn das durchaus schmerzhaft war.

Kehl verrät: „Ich war zu klein und zu dick“

Unsere Zeitung erreicht Kehl in seiner Heimat Kellinghusen in Schleswig-Holstein, nördlich von Hamburg, gleich bei Itzehoe. 8000 Einwohner leben da – oder wie Kehl sagt: „Früher habe ich hier ‘ne Stunde auf den Bus gewartet.“

Und der junge Kicker war viel mit den „Öffis“ unterwegs. Nach den fußballerischen Anfängen beim VfL Kellinghusen – Trainer war Kehls Papa – ging es für eine Saison nach Itzehoe. „Dann hat St. Pauli mich gesichtet, aber ich war zu klein und zu dick.“

Also nahm Kehl einen Umweg über die SG Padenstedt und wechselte eben ein Jahr später zum Club vom berühmten Millerntor. „Das waren ein paar glorreiche Jahre“, sagt das Nordlicht und gibt zu: „Obwohl ich Fan vom Hamburger SV bin. Aber die haben mir halt kein Angebot gemacht.“

Marvin Kehl (rechts) im Trikot des Oberligisten FC St. Pauli II im Sommer 2014 Foto: Imago/Bergmann

Jeweils zwei Jahre spielte Kehl für die U 17 und U 19 von St. Pauli, schaffte anschließend auch den Sprung in die zweite Mannschaft. Er spielte Junioren-Bundesliga und später Regionalliga. „Der Traum vom Profifußball war mein primäres Ziel“, sagt Kehl.

Münster-Wiedersehen mit Borusse Schmidt

Vier, fünf, sechs Tage in der Woche stieg in er in den Zug gen Hamburg. Drei, vier Stunden kostete das locker. Halb so schlimm, weil Kehl zumindest in der U 17 nicht alleine fuhr: Wilko Schmidt, der heute für Bezirksligist Borussia Münster spielt, war immer dabei. Das Duo kannte sich aus der Heimat. Heute teilen sie das (keinesfalls tragische) Schicksal, richtig gute Kicker zu sein – nur eben ohne es zum Profi geschafft zu haben.

Kehl ging von St. Pauli zum Lüneburger SK in die Regionalliga, Trainer Rainer Zobel aber „hat mich nicht eingebaut“. Nach etwas mehr als einem Jahr zog Kehl einen Schlussstrich, begrub seinen großen Traum. „Ich war viel verletzt“, sagt der 25-Jährige. „Mein Körper ist nicht für den Profisport gemacht.“

Kieran Schulze-Marmeling, Trainer von Preußen Münster II

In Neumünster spielt er mit vielen Freunden zusammen noch Oberliga, studiert in Hamburg BWL. Für das anschließende Lehramtsstudium stellt sich 2020 die Frage: Kiel oder Münster? Antwort bekannt.

„Auf einer Hausparty habe ich Sören Wald kennengelernt, der mir von Preußens Zweiter berichtet hat“, erzählt Kehl. Er trainiert dort mit, spät im Sommer. „Es hätte klappen können, aber Preußen suchte damals einen 1,85-Meter-Brocken für den Sturm – und das bin ich weiß Gott nicht.“

Kehl: „Da hinterfragt man sich schon“

Also geht Kehl zu Westfalia Kinderhaus, spielt dort Westfalenliga und gibt zu: „Anfangs war es schon hart, weil es wieder eine Liga runterging. Wenn man ein paar Jahre vorher noch mit den Pauli-Profis trainiert hat und dann – bei allem Respekt – in einer Westfalenliga-Mannschaft nur so mitschwimmt, hinterfragt man sich schon.“

Heute sieht Kehl das viel entspannter. Mit 25 Jahren gehört er zu den Oldies bei Preußen II, passt nicht so richtig ins Beuteschema. Deshalb kam die Anfrage vor dieser Saison auch überraschend für Kehl.

Nach Abpfiff gegen die Sportfreunde Siegen jubelte Marvin Kehl mit Francesco Di Pierro über den 2:1-Auswärtssieg von Preußen Münster II. Foto: Pascal Koopmann

„Marvin ist eine absolute Bereicherung für uns“, sagt Trainer Kieran Schulze-Marmeling. „Wir sind sehr froh, dass wir das gemacht haben.“ Er lobt seinen neuen „Zocker“ für „den ersten Kontakt, eine beeindruckende Beidfüßigkeit“ oder auch das Verhalten „in den Sekunden, bevor er an den Ball kommt“. Und abseits des Platzes? „Marvin ist ein smarter Typ mit einem Riesen-Herz, der einen sehr guten Blick für die Mannschaft hat“, sagt Schulze-Marmeling. „Er ist der Typ, der an einem Donnerstag nach dem Training im Besprechungsraum zum Filmgucken einlädt und zehn Mann zusammenbekommt.“

Schulze-Marmeling – oder doch Guardiola?

Der Trainer ist happy - und der Spieler ist es auch. „So einen gut strukturierten Coach hatte ich noch nie, nicht mal bei St. Pauli. Wir wissen in jeder Situation, was wir machen müssen - sei es im Aufbauspiel, bei Rückstand oder bei Standards“, sagt Kehl – und hat den Schalk schon wieder im Nacken. „Manchmal weiß ich bei den Videoanalysen nicht, ob Kieran da vor uns steht oder doch Pep Guardiola.“

Seit Donnerstag lebt Kehl übrigens im WG-Zimmer von Wilko Schmidt im Kreuzviertel. Nach dessen Erasmus wollen die beiden zusammenwohnen. „Wilko ist auch der Vermittler meiner Freundin“, sagt Kehl und freut sich: über Nordlicht-Power in Münster.

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