1. www.wn.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. Preussen-muenster
  6. >
  7. Böllerwurf in Essen: Preußen siegt am grünen Tisch

  8. >

Fußball: Regionalliga West

Böllerwurf in Essen: Preußen siegt am grünen Tisch

Münster

Das Sportgericht des Westdeutschen Fußball-Verbandes (WDFV) hat in Duisburg entschieden: Preußen Münster erhält drei Punkte am grünen Tisch, das beim Spielstand von 1:1 abgebrochene Spitzenspiel bei RW Essen wird mit 2:0 für Münster gewertet. RWE kann Einspruch beim WDFV-Verbandsgericht einlegen.

Von Alexander Heflik

Nach dem Ausgleich der Preußen in der 73. Spielminute wurde der Böller geworfen. Daraufhin ging unter anderem SCP-Einwechselspieler Marvin Thiel zu Boden (3.v.r.). Foto: Jürgen Peperhowe

Das Urteil war fast schon erwartet worden. Preußen Münster hat nach dem Spielabbruch des Punktspiels bei RW Essen am 20. Februar beim Zwischenstand von 1:1 nun durch das Sportgericht des Westdeutschen Fußball-Verbandes (WDFV) den 2:0-Sieg und drei Punkte zugesprochen bekommen. Ligaprimus Essen wird gegen das erstinstanzliche Sportgerichtsurteil in Revision gehen.

Die Partie war in der 74. Minute vor 10 000 Zuschauer an der Essener Hafenstraße abgebrochen worden, nachdem ein Böller-Wurf die beiden Reservisten des SCP mit Marvin Thiel und Jannik Borgmann sowie Athletiktrainer Tim Geidies verletzt hatte. Stand Freitag übernahm der SC Preußen die Tabellenführung von RWE, wobei die Essener noch zwei Partien nachholen müssen. Münster spielt am Sonntag in Wuppertal, Essens Partie in Lippstadt ist abgesagt.

Der Täter, ein 29 Jahre alter Familienvater aus Marl wurde fünf Tage nach der Tat verhaftet, sein Motiv ist bislang unbekannt, er gilt nicht als klassischer RWE-Anhänger und war nur sporadisch bei den Partien anzutreffen. Er wird der gefährlichen Köperverletzung sowie der Herbeiführung einer Sprengstoff-Explosion anageklagt werden.Seit 13 Uhr tagt das Sportgericht des Westdeutschen Fußballverbands und wird entscheiden, wie die Regionalliga-Partie zwischen RW Essen und Preußen Münster nach dem Böllerwurf im Essener Stadion zu werten ist.

Nächste Instanz Verbandsgericht?

Der Regionalliga-Tabellenführer aus Essen musste in einem gekoppelten Verfahren auch noch für Pyrotechnik-Einsatz im Punktspiel gegen Borussia Mönchengladbach II rechtfertigen. Nachdem bereits 5000 Euro vornehmlich für die Ausschreitttungen im Hinspiel zwischen Münster und Essen in einem Verfahren am 4. November als Strafe verhängt worden waren, folgte nun das nächste Urteil. Weitere 15 000 Euro muss RWE hinnehmen, zudem ein Heimspiel ohne Stehränge auskommen. "Irgendwann ist es zappenduster", befand Kammer-Vorsitzender Hubert Jung.

RW Essen kann gegen das Urteil der Spielwertung in Berufung gehen, dann würde sich vermutlich zeitnah das WDFV-Verbandsgericht damit beschäftigen. Den Vorsitz dürfte Werner Maier inne haben. Würde das Urteil dort bestätigt und die Möglichkeit der Revision eingeräumt werden, käme möglicherweise noch die DFB-Sportgerichtsbarkeit zum Einsatz. Gibt es keine Revisionschance nach dem zweiten WDFV-Urteil, wäre dieses Urteil dann rechtskräftig.

13:01 Uhr: Verhandlungsstart

Eine Minute nach 13 Uhr ging die Verhandlung im Sitzungssaal der Sportschule Wedau los. Schiedsrichter Christian Scheper wurde als Zeuge zugeschaltet, er ist aktuell an Corona erkrankt. Auch Münsters Reservist Jannik Borgmann war erkrankt. Hauptzeuge Marvin Thiel war vor Ort, aber am Freitag, zwölf Tage nach dem Spielabbruch, noch krankgeschrieben. Er hatte sich in Essen ein Knalltrauma zugezogen.

RWE akzeptiert Spielabbruch nicht

Für RWE vertrat Dr. Thomas Hermes die Interessen. Er stellte zu Beginn infrage, inwieweit der Schiedsrichter den Spielabbruch durchführen durfte. „Für uns lagen die Voraussetzungen für einen Spielabbruch nicht vor. Unstrittig trifft RW Essen und die Mannschaft keine Schuld an dem Abbruch.“ Das war die Quintessenz nach der knapp zehnminütigen Einlassung.

Für Münster äußerte sich zunächst Anwalt Simeon Scheuermann von Duvinage-Lawyers aus München. Er ließ keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Spielabbruchs. Und: „Der gastgebende Verein ist auch für die Ausschreitungen von Zuschauern verantwortlich.“ Das wäre nicht nur beim WDFV so, sondern auch in vergleichbaren Fällen beim Deutschen Fußball-Bund, beim europäischen Verband Uefa oder in der Sportgerichtsbarkeit beim CAS.

Scheuermann: „Gesundheit der Spieler angegriffen“

Und, so Scheuermann weiter: „Die Gesundheit der Spieler wurde angegriffen. Das Spiel wurde nicht abgebrochen, weil der SC Preußen nicht weiterspielen wollte, sondern weil Spieler nicht mehr einsatzfähig waren. Wann, wenn nicht in so einem Fall, soll ein Spiel abgebrochen werden.“ Münsters Rechtsvertreter, das war klar, setzte eindeutig auf Wertung der Partie für Münster.

Gössing: „Der Knall war mächtig“

Der WDFV-Sicherheitsbeauftragte Egbert Gössing war in seiner Kontrollfunktion am Spieltag vor Ort. Nun war er der erste Zeuge. Er sprach von einem „medial hochgepushten Spiel“, in dem es aber keine Beanstandungen gerade im Bereich der Gäste-Fans und heimischen Fans bis zum Abbruch gab. Ja, Schmähgesänge unter der Gürtellinie hätte es gegeben, was aber nicht weiter schlimm gewesen wäre. Zur Explosion sagte Gössing: „Ich habe schon manches schwere Spiel verfolgt. Aber dieser Knall war mächtig.“ Gössing lobte bei der Unterbrechung und dann bei Abbruch des Spiels die „diplomatische und besonnene Art des Schiedsrichters“.

RWE-Chef Uhlig spricht von Einzeltat

Essens Vorstandsvorsitzender Marcus Uhlig sprach bei seiner Einlassung von einer Einzeltat. „Fünf Tage nach der Tat wurde der Täter gefasst. Für sein Motiv gibt es keine Hinweise. Er war kein Dauerkarten-Inhaber, hat keine administrative Verbindung zu Fangruppierungen und ist nur sporadisch im Stadion.“ RW Essen wollte damit klarstellen, dass dieser Böller-Wurf kein Teil einer RWE-Fankultur sei. Die vom Club für valide Hinweise zur Täterermittlung ausgelobten 5000 Euro sollen nun, so Uhlig, unter den Hinweisgebern verteilt werden.

Scheper: „Ich brach das Spiel ab“

Schiedsrichter Christian Scheper fasste die Lage so zusammen: „Ich hörte einen Knall, konnte den nicht lokalisieren. Dann sah ich Spieler von Preußen Münster am Boden liegen, knieend und die Ohren haltend. Unter diesen Umständen konnte das Spiel nicht fortgesetzt werden.“ Zunächst unterbrach er für eine Viertelstunde und zog sich mit seinem Team in die Kabine zurück. Es gab den Gedanken, die Partie fortzuführen, dann aber noch einmal die Seiten zu tauschen, damit sich Münsters Reservisten vor dem SCP-Fanblock warmmachen könnten und die Essener vor ihrem eigenen Anhang.

Scheper sagt, er hätte zwei Alternativen gehabt - zum einen die Fortsetzung, zum anderen den Abbruch. „Nach einer 15-minütigen Pause trafen sich die Verantwortlichen beider Vereine und ich wieder. Münster hatte die beiden verletzten Spieler Thiel und Borgmann. Ich habe entschieden, die Partie abzubrechen.“ Essens juristischer Vertreter Hermes stellte das in Zweifel, Münster hätte bei Wiederaufnahme ja auch noch gewinnen können, und wenn sich Spieler verletzten, dann würde  ein Spiel ja auch nicht abgebrochen werden. Scheper erwiderte: „Für mich wurde eine Grenze überschritten. Für mich war der Abbruch unausweichlich, weil Spieler verletzt wurden.“ Seine Motivation für den Spielabbruch war nicht, dass er weitere Böller-Würfe befürchtete. Scheper: „Oberste Priorität hatte für mich die Gesundheit der Spieler.“

Linienrichter Lübberstedt: „Immer transparent“

Linienrichter Jan Lübberstedt bestätigte die Aussagen von Christian Scheper: „Es war immer transparent bei den Gesprächen. Münsters Sportchef Peter Niemeyer hat uns gesagt, dass zwei Spieler verletzt sind. Es war unsere Entscheidung, das Spiel abzubrechen.“

Marvin Thiel leidet immer noch unter den Folgen

Als letzter Zeuge wurde Marvin Thiel gehört, es war um 15.07 Uhr. Sein Rückblick: „Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt. Wir freuten uns noch über unseren Ausgleich, eine halbe Minute später kam ein Geräusch auf, dann hatte ich ein Piepen im Ohr, stand im Rauch und war orientierungslos.“ Thiel erlitt in Essen ein Knalltrauma, wurde von Mannschaftsarzt Dr. Cornelius Müller-Rensmann notfallmäßig behandelt, ein zweiter Arzt aus dem Sanitätsdienst diagnostizierte ebenfalls die Verletzung. In der Folge hörte Thiel tagelang schlecht, es ging ihm schlecht und er hatte Kopfschmerzen. An Profitraining ist noch nicht wieder zu denken. „Während der Belastung wird mir schlecht und schwarz vor Augen“, erzählte Thiel. Wann er wieder voll belastbar ist, bleibt offen. Der Sportgerichts-Vorsitzende Hubert Jung fasste es markig zusammen: „Das ist schon Scheiße.“ Thiel bestätigte das.

Um 15.30 Uhr an diesem Freitag war dann alles gesagt, das vierköpfige Gremium des WDFV-Sportgerichtes zog sich zur Beratung zurück.

Startseite
ANZEIGE