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Fußball: Regionalliga West

Preußen drehen in Lippstadt 0:2-Rückstand und lassen Sieg doch noch liegen

Lippstadt

Es war ein völlig verrückter Nachmittag – aber einer, der Preußen Münster im Aufstiegsrennen weh tat. Auch wenn der heißeste Kontrahent auch patzte. Denn nach einem 0:2-Rückstand bog der Spitzenreiter die Partie, führte fünf Minuten vor Schluss sogar und gab den Sieg doch noch aus den Händen.

Von Thomas Rellmann

Die Enttäuschung stand den Spielern von Preußen Münster nach dem Ende der Partie ins Gesicht geschrieben. Foto: Jürgen Peperhowe

Nach dem Abpfiff war die Gefühlswelt aller Preußen komplett auf links gedreht. „Erst mal ist da eine gewisse Leere, ich weiß gar nicht genau, was ich sagen soll“, meinte Verteidiger Robin Ziegele nach dem 3:3 (0:2) beim SV Lippstadt. „Erst ganz unten, dann ganz oben und dann das Gegentor in der letzten Minute ...“ Coach Sascha Hildmann war sogar etwas gefasster. „Wir haben nach der Pause viel investiert, aber hätten das dann auch über die Runden bringen müssen. Viel Zeit, sich zu ärgern, haben wir nicht. Dienstag geht es gegen Fortuna Köln ja schon weiter.“ Stürmer Gerrit Wegkamp, der die Führung besorgt hatte, betonte: „Vieles ist nicht so gelaufen, wie wir wollten. Aber wir haben dran geglaubt. Am Ende hätten wir alle einfach besser verteidigen müssen. Zur Pause wären wir mit einem Punkt wohl zufrieden gewesen.“

Eineinhalb Stunden nach dieser Aussage war sie fast schon wieder überholt. Denn der schärfste Aufstiegsrivale RW Essen kam zu Hause auch nicht über ein 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach II hinaus. Dabei kassierten die Hausherren fünf Minuten vor Schluss den Ausgleich. Damit bleibt der SCP auf Platz eins und hat weiter zwei Punkte Vorsprung.

Die Preußen wechselten zweimal in der Anfangsformation im Vergleich zum 2:0 auf Schalke. Darius Ghindovean kam für Jules Schwadorf, der mal eine Pause brauchte, ins halbrechte Mittelfeld. Außerdem ersetzte Ziegele den erneut am Fuß angeschlagenen Simon Scherder. Für Keeper Max Schulze Niehues (Rückenbeschwerden) reichte die Zeit nicht, also blieb Marko Dedovic im Kasten. Auf der Bank saßen 20 Akteure, auch die genesenen Dominik Klann und Manuel Farrona Pulido.

Die Gäste kamen etwas schleppend in Tritt, die ersten Minuten waren ein offener Schlagabtausch. Dann aber übernahm der Tabellenführer den Takt und hätte bald führen müssen. Darius Ghindovean bekam nach einer Hereingabe von Alexander Langlitz keinen Druck hinter den Ball, Henok Teklab jagte das Leder Sekunden später nur knapp am langen Pfosten vorbei (14.) – und dann knallte Nicolai Remberg nach sehr schöner Teklab-Vorarbeit völlig freistehend die Kugel über den Querbalken (15.).

Erster Gegentreffer nach 464 Minuten

Das rächte sich schnell. Einen harmlosen Rückpass von Marcel Hoffmeier bekam Dedovic nicht unter Kontrolle und schoss Viktor Maier an – drin das Ding (18.). Was für ein Aussetzer! Und der erste Gegentreffer nach 464 Minuten in der Liga. Doch von diesem Schock erholten sich die Münsteraner noch einigermaßen und spielten sich zwei Großchancen heraus, die im Titelrennen und auch sonst immer und überall einfach in Tore münden müssen. Erst schickte Julian Schauerte mit einem Steilpass Deniz Bindemann auf die Reise, der aber an Torhüter Christopher Balkenhoff scheiterte (21.). Dann spielten Teklab und Bindemann einen Konter optimal aus, sodass Langlitz allein vor dem Schlussmann auftauchte, ihn aber aus wenigen Metern anschoss (28.). Kaum zu glauben.

Stattdessen das 2:0 für die Hausherren, die bis dahin vor allem von Münsters Gedankenlosigkeit profitiert hatten anstatt selbst zu glänzen – in dieser Szene auch. Thomas Kok, Luke Hemmerich, Ghindovean und Hoffmeier, sie alle waren zu passiv gegen Vorlagegeber Tim Möller und Torschütze Henri Matter, der mit einem Schlenzer aus 16 Metern erfolgreich war (31.). Das war ein regelrechter Wirkungstreffer.

Lippstadt übernimmt das Kommando

Denn anschließend war die Überlegenheit des Favoriten dahin. Lippstadt übernahm plötzlich das Kommando, drückte, presste und ließ keine Angriffe mehr zu. Im Gegenteil. Phil Halbauer verpasste nur haarscharf das dritte Tor (36.). Dedovic rehabilitierte sich sogar ein Stück weit, als er gegen Maier in guter Position parierte (42.). Der SCP war von der Rolle, raffte sich erst gegen Ende der Halbzeit samt viereinhalb Minuten Nachspielzeit halbwegs auf. Ghindoveans Kopfball (45.+2) war immerhin ein Lebenszeichen.

Zur Pause kam Wegkamp für Kok, Remberg übernahm die Sechs. Lippstadt hatte natürlich sehr viel Zeit beim Ausführen von Abstößen und Einwürfen, und so wurde es kein schöner Kick. Aber einer mit verrückten Wendungen. Zunächst lud der SVL den Spitzenreiter, der jetzt eine Extraportion Willen einbrachte, zweimal zum Toreschießen ein. Erst segelte Balkenhoff an einer Hemmerich-Ecke vorbei, so dass Ziegele frei ins leere Tor einköpfen durfte (54.). Dann unterliefen Kai Bastian Evers eine Kerze und ein schwacher Klärungsversuch. So ermöglichte er Langlitz die gefühlvolle Flanke, die am langen Pfosten der kleine Teklab mit der Stirn über die Linie drückte (60.). Ausgleich!! Münster war wieder da, die Zuschauer konnten es kaum fassen, wie schnell das ging.

Kwadwo kommt zum Pflichtspieldebüt

Danach aber beruhigte sich das Geschehen erst mal, beide Seiten mussten sich neu sortieren. Ein Ghindovean-Freistoß, der über die Latte strich (63.) war vorerst die einzige Szene. Die Aufholjagd hatte Kraft gekostet. Die Einwechslung von Manfred Kwadwo war ein Highlight zwischendurch, schließlich kam der Pechvogel nach zwei Verletzungen zu seinem Pflichtspieldebüt (79.).

Doch dann nahm das Spiel plötzlich Fahrt auf. Nach einer weiteren Hemmerich-Ecke, bei der Balkenhoff schlecht aussah, flipperte der Ball durch den Fünfer, ehe Wegkamp ihn  ins lange Eck drückte (84.). Wahnsinn! Die Preußen hatten das Ding gedreht. Was für ein Moment in diesem Titelrennen!

Vergebene Chancen rächen sich

Doch halt, es war noch nicht Schluss. Teklab, Kwadwo, vor allem aber Dahlke vergaben mehrere Konter in der Schlussphase. Der Stürmer zielte unter anderem zweimal zu ungenau (90., 90.+1). „Das müssen wir anders ausspielen. Zur Eckfahne laufen, den Ball halten oder das Tor machen“, sagte Hildmann. Und das rächte sich. Die Abwehr war für einen Moment total unaufmerksam. Eine Hereingabe rauschte an Schauerte und dem gerade eingewechselten Valentin Henneke, auch an Dedovic vorbei. Am langen Pfosten drückte der eingewechselte Paolo Maiella den Ball mit letzter Kraft über die Linie - 3:3 (90.+2). Münster ließ zwei Punkte liegen und hat nun das schwere Nachholspiel gegen Köln vor der Nase. Ob diese wilde Partie bis dahin abgehakt ist?

SVL: Balkenhoff - Schubert, Steringer, Evers - Woitzyk (65. Schlüsselburg), Möller, Heiserholt, Halbauer (85. Henneke) - Matter - Karimani (80. Mika), Maier (80. Maiella)

SCP: Dedovic - Schauerte, Ziegele, Hoffmeier, Hemmerich - Kok (46. Wegkamp) - Remberg, Ghindovean (69. Schwadorf) - Langlitz (79. Kwadwo), Bindemann (57. Dahlke), Teklab

Schiedsrichter: Robin Delfs (Bottrop) - Tore: 1:0 Maier (18.), 2:0 Matter (31.), 2:1 Ziegele (54.), 2:2 Teklab (60.), 2:3 Wegkamp (84.), 3:3 Maiella (90.+2) - Zuschauer: 800 - Gelb: Schubert, Heiserholt, Möller / Teklab, Remberg, Schauerte

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