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Fußball

„Tore zählen nur, wenn ihr jubelt“: Wie ein Alexianer-Team bei Preußen trainiert

Münster

Seit 2011 wird bei den Alexianer-Behindertenwerkstätten Fußball gespielt. Corona brachte die Truppe aus dem Rhythmus, aber jetzt ist sie wieder da. Die Trainingseinheiten bei Preußen Münster lohnen sich für die leidenschaftlichen Kicker.

Von Johan Sühling

„Fußball ist unser Leben“: Die Aktiven der Alexianer-Werkstätten sind mit Freude und Leidenschaft dabei, wenn das runde Leder rollt. Auch die Trainer des SC Preußen Münster lassen sich von der Begeisterung ihrer Schützlinge anstecken. Foto: Johan Sühling

Die Sonne steht tief an diesem für die Jahreszeit eigentlich viel zu warmen Mittag. Die Spieler freut es. Auf lange Klamotten ist noch niemand umgestiegen. In zwei Teams ist die Gruppe aufgeteilt. Eine Hälfte läuft in Burgunderrot auf, die andere hat neongelbe Leibchen über die Shirts gezogen. Alle jagen dem Ball hinterher, frieren muss hier also niemand.

Der Torwart drückt sich sogar vor dem Aufwärmtraining, bis es zum Abschlusskick kommt. „Jetzt machen wir noch ein Spiel. Tore zählen aber nur, wenn ihr auch jubelt“, verkündet Athletiktrainer Dominik Krüßmann und grinst bis über beide Ohren. Die Stimmung ist ausgelassen, wenn sich die Alexianer-Werkstätten zum Fußballtraining treffen.

„Der Umgang miteinander ist schon ein anderer“

Eigentlich also alles wie bei einer klassischen Amateurmannschaft – taktisch vielleicht noch etwas wilder, aber dieselbe reine Freude am Kicken ist zu spüren. Was dabei gar nicht auffällt: Die Spieler und Spielerinnen haben alle eine Behinderung, die ihnen die Teilnahme am normalen Arbeitsmarkt unmöglich macht. Stattdessen sind sie in den Alexianer-Werkstätten angestellt. Ein Job, der den Menschen durchaus Spaß macht. Etwa im Gartenbau oder im Verpackungsbereich sind sie beschäftigt. Dennoch bleibt der Fußball natürlich ein besonderes Highlight in ihrem Alltag. „Der Umgang miteinander ist schon ein anderer“, findet Trainer Johannes Paus mit Blick auf die sonstige Arbeit in den Werkstätten. Sportliche Aktivität hilft. Paus selbst ist Gruppenleiter im Bereich Gartenbau.

Athletiktrainer Dominik Krüßmann (l.) im Gespräch mit Kicker Heiko Bartsch (mit Brille). Foto: Johan Sühling

Immer mittwochs trifft sich die Mannschaft zum Fußballtraining. Im Sommer, als Preußen Münster in der Sommerpause war, war das Team auf dem Platz hinter dem Stadion anzutreffen. Die Zusammenarbeit mit den Adlerträgern läuft gut, Julian Pecorilli und Krüßmann aus der U 17 unterstützen die Truppe als Athletik- und Techniktrainer. Sie nehmen sich viel Zeit und geben jedem individuelle Tipps. Wie genau muss die Fußhaltung aussehen, wie viel Kraft stecke ich in einen Pass? Die beiden Übungsleiter sind mit vollem Elan bei der Sache.

2:1-Erfolg gegen ein Stadtrat-Team

Mit Erfolg, wie Ende Oktober auch die Fußball-Mannschaft aus dem Stadtrat feststellen musste. In einem Spiel im Stadion gewannen die Alexianer-Kicker mit 2:1. „Das war natürlich Gänsehaut pur“, denkt Paus an den Tag zurück. Normalerweise feuern viele der Spieler die Preußen selbst von den Rängen an – nun durften sie selbst auf dem Rasen stehen. Rund 700 geladene Gäste waren dem Ruf gefolgt. Eine großartige Atmosphäre und ein einmaliges Erlebnis für die Jungs und Mädchen mit Handicap. „Da haben wir uns vom Stadtrat viel Lob abgeholt“, so Paus. „Häufig wird dort über behinderte Menschen gesprochen, da hatten sie auch mal die Chance, behinderte Menschen kennenzulernen“, pflichtet ihm auch die Betreuerin Mareike Erlenkötter-Fiekers bei. Der Stadtrat pochte bereits auf eine Revanche. Zuvor steht noch ein Spiel gegen den FC Bundestag an.

2011, das ist ein Jahr, an das in der Runde gerne zurückgedacht wird. Damals wurden die Kicker der Alexianer-Werkstätten in Münster Deutscher Meister. Doch die Rotation in den Werkstätten ist groß, kaum einer der Kicker von vor zwölf Jahren ist noch dabei.

Zurück aus der Corona-Pause

Einen spürbaren Einschnitt hinterließ auch die Corona-Zwangspause, die vor dem Hobby-Fußball nicht haltmachte: Als das Training nicht möglich war, löste sich die Mannschaft auf, erst in der zweiten Hälfte 2021 baute Paus das Team wieder neu auf, dann kam die Zusammenarbeit mit den Preußen. Es läuft gut. Mittlerweile sind Spieler und Spielerinnen aus ganz Münster Teil der Truppe.

Auch Alexianer-Spieler Sven Kohlmann hat Spaß am Kicken bei den Preußen. Foto: Johan Sühling

Auch die Ambitionen sind mittlerweile andere: Spaß und Bewegung stehen im Vordergrund, Gewinnen ist da eher zweitrangig. „Wenn wir 7:7 spielen, haben wir alles richtig gemacht“, findet Paus. Ehrenamtlich ist er nebenher noch Trainer der U 12 von GW Amelsbüren. Er sagt, Fußball sei für ihn das Größte.

Nach den Dehnübungen, dem Pass- und Techniktraining ist es dann endlich so weit: Es kommt zum Abschlussspiel. Und Krüßmann macht seine Drohung wahr – wird nicht gejubelt, zählt das Tor nicht. Doch die Aktiven haben gut aufgepasst und feiern neunmal: Das Spiel endet mit 5:4 für das Team ohne Leibchen. Alles richtig gemacht also …

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