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Fußball: Regionalliga West

Traumstart, Leistungseinbruch, absolute Ekstase – Preußen-Wahnsinn in Wattenscheid

Wattenscheid

Schwer zu greifen, was da in der Lohrheide passierte. Auch die dritte Auswärtsaufgabe binnen einer Woche bewältigte der Spitzenreiter. Durch das 5:4 (4:1) bei Wattenscheid 09 festigte Preußen Münster Platz eins. Das Geschehen in der Endphase ließ sich kaum in Worte fassen.

Von Thomas Rellmann

Entfesselte Preußen und konsternierte Wattenscheider nach Simon Scherders (r.) Last-Minute-Siegtreffer. Foto: Jürgen Peperhowe

Wo waren Sie am 26. November 2022? Viele Fans von Preußen Münster werden darauf künftig eine Antwort kennen: in der Lohrheide. Dort passierten unglaubliche Szenen. Die Adler schenkten einen großen Vorsprung weg und kamen doch noch mal wieder. Am Ende hieß es daher: Auftakt in die Rückrunde geglückt! Preußen Münster gewann bei der SG Wattenscheid 09 auch die dritte Partie der englischen Woche und baute den Vorsprung an der Spitze fürs Erste aus. Dem 5:4 (4:1)-Endstand ging eine mehr als kuriose Partie mit vielen kleinen Geschichten voraus. Ins Wanken geriet der Favorit mehrmals, sogar in Überzahl kassierte er den Ausgleich. Das war wahrlich nicht souverän, obwohl die Begegnung früh entschieden wirkte. Doch dann kam Simon Scherder …

Kapitän Marc Lorenz war nicht gerade happy: „Sowas darf nicht passieren“, schimpfte er. Aber natürlich nahm er die Party mit den Anhängern mit. Genau wie Held Scherder: „Im Moment überwiegt die Freude, aber natürlich müssen wir analysieren, wie wir den Vorsprung aus der Hand geben konnten.“ Keeper Max Schulze Niehues verspürte „pure Erleichterung“. Und Coach Sascha Hildmann betonte: „Alles können wir gar nicht analysieren, es ist so viel passiert. Wir haben eine gute erste Halbzeit gezeigt, doch dann den Gegner stark gemacht mit einem Elfmeter, der Quatsch war. Auch beim zweiten haben wir den Ball nicht sauber geklärt. Dann nimmt so ein Spiel Fahrt auf. Gott sei Dank haben wir den Schlusspunkt gesetzt, da sind dann alle aus dem Sattel gegangen. Wir haben eine schlechte zweite Hälfte gespielt, aber wir freuen uns wahnsinnig. Ich hoffe, es trägt uns weiter. Wir werden jetzt feiern.“

Oubeyapwa rückt in die Startelf

Der Herbstmeister begann mit einer Änderung in der Startelf. Shaibou Oubeyapwa durfte nach seinen zwei Assists beim 3:1 in Gelsenkirchen am Mittwoch diesmal von Beginn an als Zehner ran, Yassine Bouchama musste auf die Bank.

Mit 15 Minuten Verspätung ging’s los, weil die Einlasskontrollen bei den zahlreichen Auswärtsfans länger dauerten. Dann aber war gleich Stimmung drin, nicht nur auf den Rängen. Der Gast setzte zunächst nicht auf kompromisslose Dominanz, sondern überließ auch dem Gegner den Ball. Julian Meier prüfte Max Schulze Niehues aus der Distanz (5.), der SCP-Keeper musste kurz darauf richtig eingreifen, als Nico Lucas sich durchs Mittelfeld dribbelte und Kim Sané einsetzte. Das war eine ganz dicke Chance (9.)! Doch was machte der Spitzenreiter? Antwortete gleich in der nächsten Aktion mit der Führung. Dennis Grote spielte einen Traumball auf Andrew Wooten, der ganz cool blieb vor dem Kasten und die Kugel zum 1:0 ins lange Eck chippte (10.).

Wegkamp verwandelt Abpraller zum 2:0

Dann eine unglaubliche Szene: Oubeyapwa schickte wieder Wooten mit einem hohen Pass auf die Reise, der Torjäger lupfte das Leder über Schlussmann Kilian Neufeld hinweg, hatte das leere Tor vor der Nase, bekam das Spielgerät aber nicht unter Kontrolle und traf nur den Pfosten. Chance vertan? Nicht ganz. Oubeyapwa blieb wach, gab den Abpraller an Gerrit Wegkamp weiter, der aus zwölf Metern cool blieb und das 2:0 erzielte (12.).

Münster hatte alles im Griff, schaltete gut um, ließ den Hausherren ein paar Räume und fing doch alles ab. Kurz vor der Pause fiel dann das 3:0. Bei einer Ecke rammte Dennis Lerche am Fünfmeterraum Alexander Hahn um, Schiedsrichter Lars Aarts deutete sofort auf den Punkt, von wo Kapitän Marc Lorenz den Elfmeter sicher verwandelte (40.). Randnotiz: Henok Teklab hätte auch gern geschossen, ließ daran auch keinen Zweifel, musste aber dem Routinier den Vortritt lassen.

Schnelle Reaktion nach dem Tor für die Gastgeber

Auf der anderen Seite gab es dann aber auch wenig später einen Strafstoß. Oubeyapwa ließ versehentlich bei einem Klärungsversuch den im Rücken anrauschenden Phil Britscho über die Klinge springen – und Julian Meier Schulze Niehues keine Chance (43.). Doch wieder reagierte der SCP vorbildlich. Nur eine Minute später: Flanke Lorenz, Kopfball Wegkamp, drin – so einfach ist das manchmal (44.). Für den Goalgetter der fünfte Auswärts-Doppelpack der Saison und zugleich die Führung in der Torjägerliste der Weststaffel!

Nach dem Wechsel kam Simon Scherder für den verwarnten Thomas Kok aufs Feld und übernahm den mittleren Posten der Dreierkette. Er sah nach nur wenigen Momenten den nächsten Elfmeter. Grote und Schulze Niehues schoben sich im Sechzehner den Ball zu, Niko Koulis ließ ihn dann etwas prallen, wieder preschte Britscho dazwischen und wurde getroffen – Lerche knallte die Kugel zum 2:4 in den Winkel (48.). Anders als nach dem ersten Gegentor nahm Wattenscheid aber nun Fahrt auf und forderte nach einer Rettungsaktion von Nicolai Remberg Handelfmeter (51.). Schulze Niehues musste nach einem Britscho-Freistoß eine Glanztat gegen den freistehenden Tim Brdaric anbringen (52.), dann zischte ein Schuss von Tom Sindermann haarscharf vorbei (53.).

Tabellenführer SCP gehörig unter Druck

Auf der anderen Seite verfehlte Teklab mit einer Flanke knapp den Kasten (54.). Für ihn und Oubeyapwa war danach Schluss, mit Alexander Langlitz und Bouchama kamen zwei Neue, die mithelfen mussten, dass die Dinge nicht aus dem Ruder liefen. Verkehrte Welt, der Vorletzte setzte den Tabellenführer gehörig unter Druck. Die Wechsel brachten Stabilität, doch sogleich folgte ein weiterer Rückschlag. Hahn musste nach einem Lerche-Check angeknockt runter, es kam Dildar Atmaca zu seinem zweiten Einsatz, Coach Sascha Hildmann stellte gezwungenermaßen auf Viererkette um. Noch bevor der Einwechselspieler auf dem Rasen war, kriegte auch noch Wegkamp einen Schlag an die Schläfe. Er machte aber weiter, sonst wären die Preußen in Unterzahl gewesen.

Fußball gespielt wurde minutenlang im Prinzip gar nicht. Langlitz gab der Partie dann eine neue Wendung. Er suchte den Zweikampf mit Lerche, wurde ebenfalls umgerannt – und schon hatte der SGW-Stürmer seine Ampelkarte (65.). Er ging frustriert vom Platz und provozierte dabei mit großem Elan die Preußen-Kurve. Von der freundschaftlichen Atmosphäre war nichts mehr geblieben.

Plötzlich wird es noch mal spannend

Der gute Steve Tunga setzt für die Gastgeber noch einen Freistoß über den Querbalken (68.). Die Münsteraner, jetzt wieder mit einer Dreierreihe hinten, hofften, die Schlussphase dann doch entspannt über die Bühne zu bekommen. Doch Wegkamp (73.) und vor allem Wooten (77.) ließen etwas fahrlässig das fünfte Tor liegen. Und plötzlich wurde es noch mal spannend. Umut Yildiz spielte Doppelpass mit Lucas und verlud dann Schulze Niehues (78.). 3:4 – jetzt hatte der Aufsteiger zu zehnt das Momentum wieder für sich. Langlitz hätte die Entscheidung herbeiführen müssen, traf nach Atmaca-Vorarbeit aber nur den Pfosten (84.), Bouchama scheiterte an Torhüter Neufeld (85.).

SCP-Trainer Sascha Hildmann

So wurden die letzten Minuten inklusive WM-üblicher XXL-Nachspielzeit zum reinen Zitterspiel. Das war nicht gut vom SCP, auch wenn die Lohrheider eine grandiose Moral zeigten. Und sie wurden tatsächlich noch belohnt. Einen langen Wattenscheider Freistoß aus der eigenen Hälfte verpassten alle Münsteraner, Scherder fälschte das Leder mit der Brust noch ab, am Schluss ging der Ball auch an Schulze Niehues vorbei, der gerufen hatte. Brdaric bedankte sich artig und schob den Ball ins leere Tor (90.+1). Doch das war noch nicht das letzte Wort. Plötzlich warf der SCP wieder alles nach vorn. Scherder köpfte frei aufs Tor, doch Neufeld parierte herausragend (90.+5). Noch mal Ecke! Lorenz brachte sie rein, und wieder war Scherder oder wer auch immer da und drückte das Leder in die Maschen. 90.+7!!! Der helle Wahnsinn. Verdient? War den Gästen egal. Es brachen alle Dämme, Zuschauer stürmten in Ekstase auf den Rasen. Diesen Moment werden sie wohl alle nie wieder vergessen.

SG: Neufeld – Sindermann, Brdaric, Schurig, Britscho – Tunga – Lucas (86. Jessey), Meier (46. Canbulut) – Sané (46. Yildiz), Lerche, Renke (60. Kesim)

SCP: Schulze Niehues – Koulis, Kok (46. Scherder), Hahn (64. Atmaca) – Teklab (55. Langlitz), Remberg, Grote, Lorenz – Oubeyapwa (55. Bouchama) – Wegkamp, Wooten

Schiedsrichter: Lars Aarts (Goch)

Tore: 0:1 Wooten (10.), 0:2 Wegkamp (12.), 0:3 Lorenz (40./FE), 1:3 Meier (43./FE), 1:4 Wegkamp (44.), 2:4 Lerche (48./FE), 3:4 Yildiz (78.), 4:4 Brdaric (90.+1), 4:5 Scherder (90.+7)

Zuschauer: 2701

Gelb: Brdaric, Renke / Kok, Koulis, Grote

Gelb-Rot: Lerche (65.)

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