Radsport: Kaum Rennen

Ein bisschen von der Rolle – „Zwift“ kein Ersatz für Venjakob

Senden

Katharina Venjakob hat 2020 ganze drei Rennen bestritten, vor Corona waren es 20 und mehr im Jahr. Weil keine unmittelbare Besserung in Sicht ist, fällt es der der Ex-Amateur-Weltmeisterin aus Senden entsprechend schwer, sich im Training zu quälen.

Von Florian Levenig

Gewohntes Bild: Katharina Venjakob vornweg. 2020 landete die Frau, die für den 1. FSV Köln startet, in zwei von drei Rennen auf dem Podium. Foto: red

Am Mittwoch auf Eurosport: 12 Uhr Türkei-Rundfahrt, 14 Uhr Volta a la Comunitat Valenciana, 15.30 Uhr Pfeil von Brabant. Drei Rennen. An einem Tag. Corona? Pah. Für Profis und Fans des Radsport sind es, so der Eindruck, paradiesische Zeiten. Für ambitionierte Hobbyfahrer wie Katharina Venjakob ist die Pandemie dagegen eher: ein Albtraum. Drei Rennen? So viele hat die Sendenerin 2020 im ganzen Jahr bestritten. Insofern ist ihre Frage berechtigt, „wie ich mich motivieren soll, abends, nach der Arbeit, aufs Rad zu steigen und mein Pensum abzuspulen? Wenn nicht im Entferntesten absehbar ist, wann der nächste Wettkampf ansteht.“

Ausdauersportarten funktionieren anders als, sagen wir, Fußball. Wo man nach längerer Zwangspause in der Regel binnen weniger Wochen wieder performt, als habe es das Virus nie gegeben. Setzt man dagegen mit dem Pedalieren eine Weile aus, fehlen gleich ein paar Tausend Trainingskilometer. Den Rückstand im weiteren Verlauf der Freiluftsaison aufholen? Unmöglich.

Bundesliga virtuell

Es ist ja nicht so, dass Venjakob im Winter die Beine hochgelegt hätte. Sogar eine „Zwift“-Rolle (WN, 13. April) habe sie sich zugelegt – und, nur Stunden nach der Lieferung, ein virtuelles Bundesligarennen bestritten. Eine nette Abwechslung, doch. Aber die Begeisterung habe sich, zumindest bei ihr, rasch gelegt. Stattdessen „eine gescheite Lohmann-Runde drehen – das wär’s“, seufzt die 31-Jährige. Sich sonntags mit anderen Radsportverrückten aus dem Großraum Münster zu jener legendären Ausfahrt mit Start und Ziel in Mecklenbeck verabreden. Im großen Pulk „um die Wette ballern“.

Oder, wie praktisch jedes Jahr um diese Zeit, die knackigen Einheiten auf Mallorca. Sich bei bestem Radsportwetter mit den Kollegen austauschen, über Wattwerte quatschen: Venjakob vermisst das schon sehr. Trainieren kann sie derzeit „nur“ mit ihrem Freund, Julian Woltering (siehe unten), und maximal einer weiteren Person. Dabei schätze sie „gerade dieses Gemeinschaftserlebnis. Wir sind ja keine Berufsrennfahrer, bei denen es tagein, tagaus nur um Leistung geht.“

Zeit für was Neues?

Wobei: Weit weg von den Profis war die Rechtspflegerin in der Vergangenheit nicht: Bei Deutschen Meisterschaften landete sie regelmäßig in den Top Ten. Sie ging für Maxx-solar und d.velop, zwei der besten Damen-Teams, in der Beletage an den Start. Missen mag sie diese Erfahrungen „auf keinen Fall“, ebenso wenig das Jahr im Regenbogen-Dress, nachdem sie 2015, in Dänemark, Amateur-Weltmeisterin auf der Straße und im Kampf gegen die Uhr geworden war. Aber: „Vielleicht ist ja jetzt, mit Anfang 30, Zeit für was Neues.“

Bloß nicht falsch verstehen: Venjakob liebt ihr Hobby. Auch glaubt die Allrounderin, die gleichermaßen klettern, sprinten und rollen kann, „dass mich, sobald die ersten Termine anstehen, auch das Rennfieber wieder packt“. Nur, um zur Eingangsfrage zurückzukehren, wann? Zumal es einen weiteren Punkt gebe, der ausnahmsweise nichts mit Corona zu tun hat, sie aber zusätzlich ausbremse: „Es gibt immer weniger Rennen für Frauen. Und wenn, dann tummeln sich da zehn, 15 Teilnehmerinnen. Bei den Profis tut sich gerade eine Menge. Die Preisgelder werden angeglichen, die Damen sind im Fernsehen präsenter. Aber bei uns Amateuren ist dieser Fortschritt leider noch nicht spürbar.“

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