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Fantasiewesen

Eine fabelhafte Welt auf Stelzen

Münster

Pferde aus durchscheinendem Organza, ein Hirsch in schimmerndem Weiß – wie kommt man auf solche magischen Wesen und lässt sie auf Stelzen und Hochstäben tanzen? Die Antwort haben Dorothee Molitor und Markus Eisolt.

Von Annegret Schwegmann

Dorothee Molitor mit einer ihrer Figuren Foto: Annegret Schwegmann

Neulich während eines Bürgerfests, auf dem Dorothee Molitor als Baumpieper mit moosgrauem Schnabel und einer Perücke durch die Menge stelzt, die so aussieht, als habe sie ihr langes Haar tief in die Böschung eines in geheimnisvollen Grün­tönen schimmernden Waldsees getaucht. Molitor neigt anmutig ihren Kopf und zwitschert mit einer Vogelpfeifermembran in ihrem Mund ein Lied, das so beseelt klingt, als entdecke sie als Jungvogel die Natur als Ort vollkommener Schönheit.

Der Passant, der sie schon seit einer Weile beobachtet und fasziniert über die Leichtfüßigkeit zu sein scheint, mit der sie Kinder zum Lachen und Staunen bringt, möchte – es ist ihm anzusehen – etwas Besonderes, etwas Geistreiches äußern und sagt schließlich dies: „Sie spielen wohl gern!?“ Die Stelzenläuferin nickt. Im Prinzip hat er so ihre ganze Lebensauffassung mit vier Worten auf den Punkt gebracht. Ja, Dorothee Molitor spielt gern. Und liebt die Natur. Mit Pantao, dem kleinen Familienunternehmen, das sie mit ihrem Ehemann Markus Eisolt betreibt, vereint sie das eine mit dem anderen.

Dorothee Molitor

Was das bedeutet? Nüchtern zusammengefasst: Molitor und Eisolt sind Stelzenläufer, gern auch Walkacts genannt, die auf unter Fantasiekostümen unsichtbaren Stelzen Zauber und Magie entfachen. Am Sonntag ist das beim Münster-Marathon zu erleben. Im Stadtteil Roxel werden sie auf Stäben Windpferde durch den Himmel reiten lassen. Durchscheinend wie die Luft mit einer Haut aus zartem Organza, an der der Wind leise zupft. „Die Windpferde bilden eine Art Tor, durch das die Teilnehmer laufen. Für die Sportler ist das toll.“ Und für die Passanten vermutlich ebenso.

Am Sonntag sind ihre zarten Windpferde auf dem Münster-Marathon in Roxel zu erleben. Foto: Pantao

„Eine Seele, die Herzen öffnet“

Ein Zeitsprung zurück zu dem Tag, an dem sich das Paar vor Jahrzehnten in Köln kennengelernt hat. Dorothee Molitor hatte ­gerade ihr erstes Naturwesen entworfen, einen 3,70 Meter hohen Pan als mythologische Gestalt. Eisolt gefielen beide – der Pan und die Künstlerin, die ihre Naturwesen mit Tänzern auf Festen inszenierte. Er brachte sie auf die Idee, ihre Wesen auf Stelzen zur Schau zu stellen. 60 bis 80 Zentimeter oberhalb des Bodens – das sollte reichen, um den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren.

Heute lebt das Paar mit seinen Kindern in Zülpich. In einem geräumigen Haus, groß genug für das Atelier und das Lager mit Natur- und Fabelwesen. Die Bestände wachsen immer weiter. Dorothee Molitor hat Figuren entwickelt, die Waldlicht, Windpferde, Wald- und Blütenelfen und Sonne heißen. Jedes Wesen wurzelt in der Natur. Und über eines müssen alle verfügen: „Über eine Seele“, sagt die 61-Jährige. „Über eine Seele, die Herzen öffnet.“

Die Künstler und ihre Geschöpfe: Dorothee Molitor entwickelt Naturwesen und inszeniert sie als magische Wunder auf Festen. Foto: Annegret Schwegmann

Bei ihr hat das schon früh funktioniert. Molitor hat am Gartentisch Platz genommen, nippt an einem Kräutertee, schließt die Augen und sitzt sofort wieder auf dem Lieblingsplatz ihrer Kindheit. „Mit meinem Drachen auf der Wiese neben einer Elster mit metallisch blauem Gefieder inmitten von Sauerampfer . . .“ Einen Augenaufschlag später befindet sie sich wieder im Hier und Jetzt. Sonderlich groß ist der Unterschied zwischen damals und heute nicht.

Arbeiten wie eine Chirurgin

Derzeit arbeitet sie an einer großen Schildkröte, die sie bereits aus Ton modelliert hat. Der Arbeitsschritt, der dann folgt, ist der schwierigste. „Sie bekommt eine Haut aus thermoplastischem Kunststoff.“ Und der muss dem Gipskorpus mit einem Heißluftföhn so exakt nachgezeichnet werden, dass sie sich dabei wie eine filigran arbeitende Chirurgin fühlt. Das winzige Pendant ist bereits vollendet. Die kleine Schildkröte werden Molitor und ihr 59-jähriger Mann auf Festen als Enkel des weisen gepanzerten Riesen vorstellen. „Er wird Kindern Tipps geben. Tipps, wie man Natur in die Stadt bringt.“

Die Künstler und ihre Geschöpfe: Dorothee Molitor entwickelt Naturwesen und inszeniert sie als magische Wunder auf Festen Foto: Pantao

Mit Kindern arbeitet das Paar besonders gern. Jahrelang hat es parallel zur Kieler Woche Kreativworkshops mit Kindern ausgerichtet. „Kinder staunen. Sie verlieben sich in die ­Wesen, erleben sie real. Ein Kind ist jeden Tag gekommen und hat gesucht: ,Vogelbaum, wo bist du?’“ Der Vogelbaum mit einer Stirn aus Blättern und einem so sattgelben Schnabel, dass er die Sonne reflektiert.

Aus der Realität wird fabelhafte Magie

Vor einer Weile haben ­Dorothee Molitor und Markus Eisolt mit einer Mutter gesprochen, die von ihrer Tochter erzählte. Über deren Bett hängt ein Foto der Sonne, das sie bei einem Fest von den Stelzenläufern gemacht hat. „Die Mutter erzählte, dass sie es jeden Tag lange betrachtet.“ Für die 61-Jährige ist das so, als habe sie in dem Mädchen eine Seelenverwandte gefunden. Einen Menschen, der ein bisschen so ist wie sie. Bereit zu staunen, vielleicht ein Leben lang.

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