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Leichtathletik: Serie zu 20 Jahren Marathon

Der einfühlsame Besenmann und sein Helfer-Trio

Münster

Jörg-Werner Degenhardt tritt beim Münster-Marathon in Erscheinung, wenn bei den Teilnehmern nichts mehr geht: Er ist Besenmann und sammelt jene ein, die aufgeben müssen. Über seine Aufgabe und die Gruppe, die am häufigsten aufhört.

Von Thomas Austermann

Der Besenmann, der nicht mehr allein ist: Jörg-Werner Degenhardt sammelt am Schluss des Feldes mit drei Mitstreitern die Läuferinnen und Läufer ein, die das Rennen nicht beenden können. Den Besen hält er dabei nur selten wirklich in der Hand. Foto: Thomas Austermann

Die Saubermänner kommen erst, wenn er das Feld geräumt hat. Nachdem der Letzte oder die Letzte durch ist, sorgen die Abfallwirtschaftsbetriebe an der Strecke des Münster-Marathons gründlich und schnell für die Spurenbeseitigung. Der „Besenmann“ Jörg-Werner Degenhardt gehört nicht zur Putzkolonne, auch wenn seine Jobbezeichnung das nahelegen könnte. Der 55-jährige Münsteraner ist seit 2008 als ehrenamtlicher Helfer zuständig für die Hilfeleistungen, die denjenigen zugutekommen, die erkennen müssen, dass der Weg zu weit ist.

Es gibt den Besenwagen und den Besenbus, in denen Degenhardt mitfährt. Aber er läuft oder geht auch. Alleine mit seiner Verantwortung ist er seit 2012 nicht mehr – aus dem einsamen „Besenmann“ wurde ein „Besenquartett“, weil seine Mitstreiterin Gabi und seine beiden Patenkinder Celine und Cedric zuverlässig an seiner Seite stehen. „Die Kids haben einmal gefragt, ob sie mitmachen dürfen. Seither sind sie dabei und reisen extra nach Münster an“, sagt Degenhardt – und ist froh drüber, die Solistenrolle abgelegt zu haben.

Besenmann läuft elf Kilometer

Denn die Aufgabe, die von 9 Uhr an bis etwa 15 Uhr auf der kompletten Strecke ansteht, ist nicht ohne. In Münster verfolgt zuerst ein Kleintransporter das Läuferfeld. In der City ist kein Platz für den großen Gelenkbus. Der wird erst ab Kilometer 16 eingesetzt, wenn es hinaus geht aus der Stadt. Degenhardt agiert nach einem ausgeklügelten Plan.

„Wir sind zunächst auch zu Fuß unterwegs, ganz am Ende des Feldes. Auch wenn ich kein Laufsportler bin, schaffe ich das konditionell.“ Bis Kilometer elf gehe das, und es gebe schon zu tun. Dann werden die vier per Begleitfahrzeug zum Treffpunkt Franz-Hitze-Haus gebracht. Von dort aus startet der Stadtwerke-Bus, der fortan jene aufsammelt, die aufgeben wollen oder müssen.

Degenhardt weiß inzwischen, wann und vor allem wie die Athletinnen und Athleten anzusprechen sind, die abzubauen drohen. Schon die Startläufer einer Staffel erwischt es bisweilen. „Die haben sich ganz viel vorgenommen und merken, wie schwer es werden kann.“ Auf dem ersten Abschnitt läuft oder geht er dann auf die Wackelkandidaten zu. „Wir machen Small Talk und versuchen, sie damit einzufangen. Wir motivieren jeden und jede.“

Zeitlimit als Eingreif-Tabelle

Das festgelegte Zeitlimit ist auch die gültige Eingreif-Tabelle für das „Besenquartett“. Weil die abgesperrte Strecke zügig wieder freizugeben ist, werden zu langsame und vom Bus überholte Teilnehmer angewiesen, auf dem Bürgersteig weiterzulaufen – oder aufzuhören und einzusteigen.

Viele Anekdoten am Schluss des Feldes

Im Bus warten Sanitäter für den Fall der Fälle, gibt es Wärmefolien nebst passender Verpflegung. Und gute Gespräche mit Degenhardt und Co. „Wer mag, redet mit uns. Erzwungen wird das nicht.“ Als geschickter Kommunikator aber findet der Diplom-Ingenieur, der auch als Architekt zugelassen ist, die richtigen Ansätze. „Eigentlich quatschen wir die ganze Zeit. Und hoffen, dass man uns zuhört.“

Diese Gruppe hört am häufigsten auf

15 Bus-Insassen, mehr nicht, gibt Degenhardt als bisherige Rekordanzahl seiner Ära an. Staffelteilnehmer stellen durch die Bank die Mehrheit. „Unterwegs kann ja auch jeder einfach aufhören. Das kriegen wir gar nicht mit.“

Bis ins Ziel fahren längst nicht alle mit. An zwei Stellen warten Shuttle-Busse für die Heimfahrt, die geht dann schneller. „Unser Besenbus muss ja die komplette Strecke abfahren. Das dauert.“ Im Ziel erwartet ihn, sein engagiertes Trio und die Ausgeschiedenen kein frenetischer Empfang. Wenn der Bus eintrifft, ist das Rennen schon gelaufen.

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