Leichtathletik: Deutsche Seniorenmeisterschaften in Erfurt

Titelkämpfe ohne Rühlow

Steinfurt

Die eine hat wieder einen Titel gesammelt, die andere hat aufgehört: Lotte Leiß und Anne Chatrine Rühlow waren jahrelang Steinfurts fleißigste Teilnehmer bei Deutschen Seniorenmeisterschaften, selbst im hohen Alter noch. Doch damit ist es nun vorbei – zumindest für eine der beiden.

Günter Saborowski

Lotte Leiß mit Speer: Die 87-Jährige holte bei den Meisterschaften in Erfurt ihren 57. Titel. Anne Chatrine Rühlow (kl. Bild) hingegen hat ihre Kugel und den Diskus eingemottet. Sie hatte Probleme mit den Knien und war der Meinung, es sei jetzt genug. Foto: Ralf Görlitz

Jahrelang wurde die Stadt Steinfurt bei Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Senioren von zwei Damen repräsentiert, die in ihren jüngeren Tagen Deutschlands Farben sogar international vertreten durften. Die eine ist mit 87 Jahren immer noch aktiv und hat jetzt in Erfurt ihren 57. Titel geholt, die andere hat mit 83 Jahren ihre Sportgeräte an den Nagel gehängt.

Bei den Seniorenmeisterschaften „Halle und Winterwurf“ ging Lotte Leiß für den TV Borghorst in der Altersklasse W 85 an den Start . Sie war mit 87 Jahren die älteste Teilnehmerin bei den Frauen, aber nicht die schlechteste, auch wenn sie nur noch aus dem Stand wirft. Im Speerwurf reichten 11,42 Metern bei böigem Wind zum Sieg vor Wanda Krampl (Obererdingen, 10,44m). Der Diskus landete bei 11,27 Metern. Eng war es im Hammerwurf, wo Christa Winkelmann aus Krefeld vor dem letzten Durchgang noch knapp mit 19,78 Metern führte, bevor die Burgsteinfurterin in ihrem letzten Versuch 20,20 Meter schaffte und so ihre drei Titel aus dem Vorjahr verteidigte.

Dabei sind ihr Medaillen und Titel gar nicht so wichtig: „Man trifft die alten Kumpel wieder, die man schon so lange kennt. Manchmal entstehen daraus richtige Freundschaften.“ So wie 1960, als Lotte Leiß für Olympia in Rom nominiert war, ein Muskelriss im Oberarm ihre Teilnahme aber unmöglich machte. „In der Zeitschrift Leichtathletik hatte ich damals gelesen, dass die DDR-Meisterin Inge Schwalbe von Dynamo Berlin wegen einer Verletzung ebenfalls nicht starten konnte. Ich habe ihr geschrieben, und wir sind seitdem Freunde“, erzählt Leiß.

67 Jahre Leistungssport mit außergewöhnlichen Erfolgen hat Anne Chatrine Rühlow auf dem Buckel. Ihr letzter Auftritt war im Juli 2019 bei der DM im thüringischen Leinefelden. Zwischen ihrem Weltrekord 1954 bei den Juniorinnen und heute liegen 535 Meistertitel. Doch nun ist Schluss. „Mit 83 Jahren habe ich gedacht, es reicht jetzt. Außerdem machen meine Knie das alles nicht mehr mit“, nennt Rühlow ihre Gründe für das Karriereende und findet das „sehr vernünftig“.

Das Problem Verletzung oder Verschleiß kennt Lotte Leiß indes nicht. „Vor vier Jahren bin ich beim Hammerwurf einmal nach vorne aus dem Ring gestürzt und habe mir die Hand gebrochen. Das war‘s aber auch. Ich habe allerdings auch nie viel trainiert. Vieles ist mir in den Schoß gefallen, wahrscheinlich durch Vererbung von meinem Vater“, lag wohl einiges bei Leißens in den Genen. Dabei war es mehr dem Zufall geschuldet, dass sie überhaupt zur Leichtathletik und zum Werfen fand. „Beim Feldhandball hat ein Trainer gesehen, dass ich gut werfen konnte. Der hat mich angesprochen und mir einen alten Speer in die Hand gedrückt. Bei den Westfalenmeisterschaften kurz darauf bin ich direkt Erste geworden“, erzählt die 87-Jährige von ihrem sportlichen Werdegang. Ans Aufhören so wie Rühlow hat sie bislang noch keinen Gedanken verschwendet.

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