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Leichtathletik

"Anfangs alles falsch gemacht": Wie Verena Vogt ohne Verein zu WM-Bronze lief

Münster

Als vereinslose Aktive qualifizierte sich Verena Vogt für die Altersklassen-Weltmeisterschaft und holte auch noch WM-Bronze. Die Münsteranerin aus dem Stadtteil Wolbeck findet nicht nur Radfahren toll, sondern auch den Zeitvertreib mit der Familie und ihren „Tuckis“.

Verena Vogt lief beim London-Marathon teilweise ein einsames Rennen. Foto: privat

Die Geschichte beginnt mit einem Marathon. Dem Volksbank-Münster-Marathon 2018. Damals, Corona war noch vorrangig für die meisten ein Bier, die Pandemie war weit, weit weg. Damals wurde Verena Vogt auf Rang fünf in der Frauenklasse geführt, das Feld „Verein/Stadt“ blieb leer, die Zeit von 3:03:40 Stunden war schon bemerkenswert. Nun, vier Jahre später, hat die heute 41-Jährige erst ihren vierten „Lauf-Klassiker“ in den Beinen. Und was für einen. In London lief die Gymnasiallehrerin aus Wolbeck, Fächer Sport und Erdkunde, den Marathon nicht nur in 2:47;06 Stunden überragend schnell, sondern gewann bei der Altersklassen-Weltmeisterschaft zugleich die Bronzemedaille. Bei der Siegerehrung stand Verena Vogt plötzlich neben dem schnellsten Läufer aller Zeiten auf dieser Strecke: Eliud Kipchoge, der eine Woche nach seinem Triumph in Berlin in London als Marken-Botschafter der Abbott-World-Marathon-Serie vor Ort war. Dahinter versteckt sich die WM in den Altersklassen ab 40 Jahren. Plaza-Hotel, Gala, Preisverleihung, nachhaltige Pokale aus Holz – vielleicht ist das der Moment, an dem die Läuferin merkte, dass das schon alles besonders war.

„Dabei habe ich bis drei Tage vor Anmeldeschluss gewartet, ob ich überhaupt in London starten soll“, blickt Vogt zurück und muss in Anbetracht des Erfolges lachen. In London waren in der AK 40 bis 44 nur die Britin Helen Gaunt (2:39:10 Stunden) und Natasha Bliss (USA/2:43:28 Stunden) schneller als sie. Vogts Durchschnittszeit liegt unter vier Minuten je Kilometer.

„Ich freue mich schon wieder auf das Radfahren“

Dabei ist Laufen, einen Marathon zu laufen, eine zeitaufwendige Sache. Ungezählte Kilometer kommen zusammen, nicht selten werden eine Vielzahl von Volksläufen zur Vorbereitung und auch zur Auflockerung des Asphaltschrubbens gerannt. „Nein, davor gruselt es mich, das regelmäßig zu machen“, sagt sie und fügt an: „Ich freue mich schon wieder auf das Radfahren.“

Sie ist eine Ausdauersportlerin ohne die ganz feste Anbindung an Clubs oder Teams, ohne Teilnahme an einer Vielzahl von Lauf-Events in der Region, ohne diesen Zwang. Offenbar kann Verena Vogt vor allem einfach lange Strecken ganz zügig rennen. Talent halt. Aber: „In Münster 2018 lief ich zu schnell an, war schlecht versorgt, habe alle Fehler gemacht, die man machen kann“, blickt sie zurück auf eine Zeit, die nur knapp über drei Stunden lag. Die große Mehrheit der Marathon-Enthusiasten kommt niemals in die Nähe einer solchen Marke.

Bei der Siegerehrung des London-Marathons traf sie Marathon-Weltrekordler und Superstar Eliud Kipchoge (Bild rechts, 2.v.r). Foto: privat

Marathonläufer müssen erst einmal finishen, die Zeit ist egal, unter vier Stunden zu bleiben ist dann ein weiterer Ritterschlag, „sub3“, also unter drei, ist fast schon Champions League – gerade im Frauen-Bereich.

In Leiden die WM geschnappt

Verena Vogt lief im zweiten Marathon bereits eine „sub3“-Zeit, 2021 in Münster als Vierte 2:56 Stunden. Wenig später rannte sie im niederländischen Leiden eine 2:48. Fast entschuldigend sagt sie: „Dort waren keine Eliteläufer am Start, da habe ich einfach mal gewonnen. Mit diesen beiden Läufen hatte ich die Qualifikation für London geschafft und bin zur WM eingeladen worden.“ Weit über 7000 Punkte wurden ihr gutgeschrieben, maximal hätte sie 8000 sammeln können. Wobei die Einladung nicht die Startgebühr beinhaltete, da wurden umgerechnet satte rund 400 Euro fällig. Bis zuletzt wartete sie ab, dann aber sagte sie zu, bezahlte die „Starting Fee“ und reiste mit ihrer Mutter und Schwester nach London. Die Familie blieb derweil daheim.

Die Reise nach London zahlte sich aus, nicht nur, weil Verena Vogt Bestzeit lief in ihrem erst vierten Marathon und WM-Bronze holte. Diese Auszeichnung ist wohl der Höhepunkt einer eher ungewöhnlichen Laufbahn als Ausdauersportlerin. Im Hochschulsport begann sie 2000 mit dem Radfahren. Beim Münsterland-Giro startete Vogt bei der Premiere im Jedermann-Rennen anno 2006. Die Leidenschaft für das Rad ist geblieben, die Hatz von Rennen zu Rennen zu kommen nicht. Das gilt auch für das Laufen. Ihre Trainingspläne zog sie sich aus dem Internet. Und: „Anfangs habe ich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“

Abschalten mit den Hühnern im Garten

Verena Vogt sammelt eben nicht Volksläufe in Serie, die sie vermutlich auch in Serie in ihrer Altersklasse gewinnen würde. Fanatismus ist etwas anderes. Für das WM-Rennen in London hat sie erst im Mai 2022 wieder ernsthaft angefangen zu trainieren, aber mit System.

Im Garten mit ihren „Tuckis“ schaltet die Gymnasiallehrerin dann ab. Foto: privat

Dass sie nun die Volksläufe landauf, landab besuchen wird, ist ausgeschlossen. Viel zu gerne ist die daheim, bei der Familie, den beiden Söhnen, sieben und neun Jahre alt. Und sie ist gerne bei ihren „Tuckis“. Es ist ihr ein Anliegen, darauf hinzuweisen. Beim Münster-Marathon 2021 stand als „Verein/Stadt“ dann „Vegane Zeiten“ hinter ihrem Namen und Rang vier. Es ist ihr wichtig, sie unterstützt „Rettet das Huhn“. Wenn Bauern nach gut einem Jahr ihre Legehennen abgeben, kommen sie nicht selten im Hause Vogt vorbei. Statt Abfallprodukt der Eierproduktion zu sein, machen es sich die Hühner im Garten bequem, eine Art Gnadenhof. „Unsere ,Tuckis’“ sagt Verena Vogt. dann. Und vegan geht es auch ganz gut, vegan kann auch sehr schnell und lange gelaufen werden.

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