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Fußball: EM

Niederlande erst Prügelknabe, jetzt Mitfavorit

Amsterdam

Die Niederlande haben zweimal gewonnen, sind fürs Achtelfinale qualifiziert und sogar schon sicherer Gruppensieger. Da gibt es doch nicht viel zu meckern. Ein bisschen schon, das Gebilde im Land ist fragil. Und mit dem Torwart rechnete sowieso niemand.

Von Alexander Heflikund

Marschiert munter vorneweg: Maarten Stekelenburg (rechts) hat sich gegen Foto: Imago/ANPt

Frank de Boer hat den Blick. Er kann so ernst schauen, er blickt seinem Gegenüber selbst in virtuellen Pressekonferenzen so tief in die Augen. Da kann einer leicht erschrecken. Man kann es als Drohung verstehen, ja keine falsche Frage zu stellen – und der Tenor lautet ungefähr so, dass die Medien doch schon genug Verqueres geschrieben haben über ihn und seine Mannschaft. Vorsicht ­also. Der „Bondscoach“, wie der Trainer der niederländischen Nationalmannschaft genannt wird, weiß, was ihm droht, wenn die aktuelle, zarte Erfolgsserie reißt.

Maximal das Achtelfinale, hatten die Experten vor dem Turnier gesagt, werde Oranje schaffen. Nun, nach dem bereits feststehenden Gruppensieg, kann die Reise nach Budapest zum Achtelfinale bereits organisiert werden, das letzte Vorrundenspiel gegen Nordmazedonien taugt lediglich noch zum Durchlauferhitzer. Auf einmal ist Holland ein Turnierfavorit. Dem Coach geht das zu schnell.

Alle Trümpfe in der Hand

De Boer reagiert darauf praktisch nicht, er sagt nur Sätze wie: „Man muss als Team während eines Turniers wachsen.“ Und dann noch: „Wir werden die Fehler abstellen müssen.“ Er hat nach dem 3:2 über die Ukraine und dem souveränen 2:0 über Österreich alle Trümpfe selbst in der Hand. Alle, die an ihm gezweifelt haben, geben gerade Ruhe. Das Über-Ich Johan Cruyff hat sich aus den Fußball-Diskussionen für den Augenblick zurückgezogen, die holländische Leitdebatte über 4-3-3 oder 5-3-2 oder auch 4711 ruht.

„Jetzt spielen sie auch noch zu null“, vermeldete der „Telegraaf“, was fast wie ein Vorwurf klang nach dem 2:0 über Österreich. Auch mit der de Boerschen Neuentdeckung hatte keiner so gerechnet: Denzel Dumfries, der Rechtsverteidiger, der sein Spiel eher wie ein Rechtsaußen pflegt, trifft, sorgt für besondere Momente, ist voll da. Auch der Kapitän von PSV Eindhoven meint fast schon kryptisch: „Ich versuche, Räume zu besetzen, in denen ich nach vorne gehen kann.“ Klarer wird er, wenn er sagt: „Fünf Tore geschossen zu haben, ist für uns großartig.“ Er war fast an allen beteiligt.

Cillessen meckert

Also geht die niederländische Fehlersuche weiter. Gefunden wird etwas bei Maarten Stekelenburg. Der Keeper-Oldie wird im September 39. Er steht für die Krise in der holländischen Torwartausbildung. Eigentlich sollte Jasper Cillessen (FC Valencia) das Tor hüten. Ah, dann ist da doch wieder einer, der sich beschwert. „Es wäre genug Zeit gewesen, damit ich dabei bin. Das ist bitter“, mosert er. Eine Corona-Erkrankung sorgte für Quarantäne und die Nicht-Nominierung. „Das ist bitter“ sagt auch de Boer, „aber ich brauche eben im Kader total fitte Spieler“.

Ist das Stekelenburg noch? Seine Zeit schien vorbei. Beim WM-Turnier 2010 in Südafrika glänzte er noch, spielte für AS Rom, FC Everton, FC Southampton, FC Fulham und AS Monaco, selten war er die erste Wahl. Seit 2016 bestritt er in vier Saisons gerade einmal 16 Spiele für Everton. Zum Karriereende wurde er als „Back-up“ für Andre Onana bei Ajax Amsterdam verpflichtet. Der wurde mit einer Doping-Sperre belegt. Stekelenburg spielte die letzten zwölf Spiele, rückte so ins erweiterte EM-Aufgebot und ersetzt nun Cillessen. Was kein gutes Licht auf Tim Krul vom britischen Zweitligisten Norwich City und Marco Bizot (AZ Alkmaar) wirft. Es ist Stekelenburgs Sommermärchen, keine Frage. Er sagt nur: „Vor der Saison wäre ich ausgelacht worden, hätte ich die Nummer 1 für die EM als Ziel genannt. Jetzt ist es die Belohnung für eine gute Saison.“

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