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32. Sommerspiele werden in Tokio eröffnet

Olympia im Zwiespalt

Münster/Tokio

Die Olympischen Spiele in Tokio werden eröffnet. Kurz vor dem Anzünden der Flamme müssen die Organisatoren einen Höchstwert bei den Corona-Fällen vermelden.

Von Jürgen Beckgerd

Mit Fahne und Masken: Laura Ludwig und Patrick Hausding werden die deutsche Mannschaft als Fahnenträger ins Stadion führen Foto: dpa

Kurz vor der Eröffnungsfeier der Sommerspiele in Tokio haben die Organisatoren 19 weitere Corona-Fälle im Zusammenhang mit Olympia veröffentlicht. Das ist der bisherige Höchstwert seit Beginn der Erfassung der Tests am 1. Juli. Damit stieg die Zahl der positiven Tests auf insgesamt 106. Wie das Organisationskomitee in dem am Freitag veröffentlichten Tagesbericht bekanntgab, gehören zu den Betroffenen drei Athletinnen oder Athleten, die nicht aus Japan kommen. Namen oder Herkunftsländer werden vom Organisationskomitee nicht genannt.

 Ein Fest wird die Eröffnungsfeier wohl nicht; der Zeremonie mit dem Einmarsch der ­Athleten wohnen nur rund 950 Gäste im 68.000 Zuschauer fassenden Kasumigaoka National Stadium bei. Kaiser Naruhito ist vor Ort, die Entourage des Olympischen Komitees mit Präsident Thomas Bach auch, zudem einige Politiker.

Die pandemiegeschwächte Welt hält immer noch den Atem an. Ein Jahr nach dem ursprünglich geplanten Datum und fünf Jahre nach den letzten Sommerspielen in Rio de Janeiro werden an diesem Freitag (13 Uhr/ZDF) die 32. Olympischen Spiele in Tokio eröffnet. Angesichts der steigenden Inzidenz­zahlen in Tokio, wo Ministerpräsident Yoshihidi Suga den Notstand bis Mitte August verlängert hat, sind die Spiele ohnehin umstritten.

33 Sportarten - 339 Entscheidungen

339 Entscheidungen und damit mehr denn je stehen in 33 Sportarten auf dem Programm. Neu dabei sind Wettbewerbe auf dem Skateboard, dem Surfbrett und an der Kletterwand. Auch Karate fand Aufnahme, Baseball und Softball kehren zurück.

Nicht mit dabei sind allerdings die Zuschauer. Die Olympischen werden zu TV-Spielen – ausländischen Fans wurde die Einreise verwehrt, auch Japaner dürfen nicht in die Arenen.

Zehn Jahre nach den Katastrophen von Fukushima sollten die 2013 nach Japan vergebenen Spiele eigentlich im Zeichen des Wiederaufbaus stehen. Die Pandemie legt nun den Finger in eine weitere Wunde. Dennoch hoffen IOC und die Organisatoren auf ein Ende der Debatten um den Sinn von Olympia in dieser Zeit.

Gedämpfte Erwartungen

„Mit den Olympischen Spielen in Tokio setzen wir ein Zeichen für unser Vertrauen in die Zukunft“, sagte Bach. Die 11.000 Olympiateilnehmer fiebern dem Beginn des Sportspektakels natürlich entgegen. „Bei einer Absage hätten wir eine ganze Generation von Athleten verloren“, sagte Bach. Viele Sportlerinnen und Sportler haben oft Jahre auf diese Wettkämpfe hintrainiert.

430 Athletinnen und Athleten sind für Deutschland am Start. Sie werden an­geführt von den Fahnenträgern Laura Ludwig (Beachvolleyball) und Wasserspringer Patrick Hausding. Die sportlichen Erwartungen sind gedämpft, klare Gold-Favoriten gibt es wenige. 

Kommentar: Viel steht auf dem Spiel

In Zeiten der Banken- und Finanzkrise hieß es: „Too big to fail“. Und so wurde auch gehandelt. Nun sehen wir den Olympischen Spielen entgegen – und wieder gilt: „Zu groß, um zu scheitern“. Um im Bild zu bleiben: Für Tokio und das Olympische Komitee stehen rund zwölf Milliarden Euro auf dem Spiel, die in die 2020 turnusgemäß angesetzten Spiele investiert wurden. Nach der pandemiebedingten Verschiebung sind dafür geschätzt noch mal so viel auf der Rechnung.

Darf die olympische Idee aufgewogen werden in harte Währung? Das Verbindende, Fröhliche, Enthusiastische, Atmosphärische und bestenfalls Weltumspannende – ­also fast alles, was Olympia ausmacht – wird diesmal fehlen. Das größte Sportfest der Welt lädt sein Publikum aus. Aus den Festspielen werden Trauerspiele, werden TV-Spiele. Von dem „Erfolg Olympias“, wie ihn Be­für­worter in Japan erwarten, ist so wenig übrig geblieben: Hauptsache, das Sportfest wird nicht zu einem pandemischen Superspreader.

Ein Trost ist das Vertrauen in spannende sportliche Wettkämpfe. Also in das Elementare der Olympischen Idee, das dem Emotionalen vorausgeht. Weltweit haben die Athleten auf 2020 hingearbeitet, trainiert und gelebt. Nun haben sie ein Jahr lang weitertrainiert und weiter­geschuftet. Sie haben sich wohl bessere Spiele verdient. Schade, dass sie den Lohn des Publikums nicht erleben können.

Gastgeber Japan hat einfach Pech, aber das Gesicht gewahrt. Das IOC kommt durch die Einhaltung der Werbeverträge auch ohne Zuschauer auf seine Kosten. Die olympische Idee muss in drei Jahren in Paris wieder­belebt werden.

von Jürgen Beckgerd

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