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Fußball: Bundesliga

Die Traurigkeit von Gelsenkirchen nach dem Schalker Abstieg

Münster

Schalke ist abgestiegen. Was das für die Stadt bedeutet, liegt auf der Hand. Der stolze Club war und ist das Aushängeschild Gelsenkirchens. Dort haben es die Menschen ohnehin nicht leicht. Der Schmerz, den der Fußballclub oft einbrachte, war am Dienstagabend größer als selten zuvor.

Jürgen Beckgerd

Szenen der trauernden Stadt (im Uhrzeigersinn): Ein Mann fegt im Ortsteil Schalke die Straße, das Bild von Clubidol Ernst Kuzorra an einer Hauswand, ein lädierter Schalke-Schriftzug und Foto: dpa

Geweint haben sie auf Schalke schon des Öfteren. Voller Selbstmitleid, echter Trauer oder aus purer Freude, je nachdem eben. In den 1980er Jahren ging es dreimal rauf und runter, da flossen die Tränen wie Sturzbäche in die Emscher. Geweint haben sie auch 2001 – als Meister der Herzen, der sie waren nach dem Vier-Minuten-Titel. Diese Tränen rührten die Welt. Und als Rudi Assauer zu Grabe getragen wurde. Einige Tausend saßen in der Arena und verfolgten den Trauergottesdienst für die Vereinsikone – live übertragen aus der Probsteikirche St. Urbanus.

Mit Tränen, Krisen, Not, mit Depressionen kennen sie sich aus in Gelsenkirchen. Ob es diesmal anders ist? Der vierte Bundesliga-Abstieg seit 1980/1981 ist nicht erst mit dem 0:1 vom Dienstag auf der Bielefelder Alm „passiert“ – Schalke hat Wochen, Monate des Leidens hinter sich. Zwei Siege aus 30 Saisonspielen, insgesamt nur 13 Punkte: Es wurde nicht plötzlich dunkel über der Stadt, der Region. Die Finsternis legte sich auf Gelsenkirchen nach dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach im Januar 2019. Seitdem gab es wenige Achtungserfolge – in dieser Saison genau zwei (gegen Hoffenheim und Augsburg).

Bewegte Region

Der Schalker Niedergang bewegt die Region, 160 000 Mitglieder überall und nicht zuletzt die Bürger der Stadt. Aber: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf Schalke 04 reduziert werden“, sagte Frank Baranowski einmal. Der ehemalige Oberbürgermeister Gelsenkirchens (bis 2020), weiß um die Bedeutung des Vereins. Fußball jedoch – auch zu Erstligazeiten – bringt wenig Jobs, dafür umso mehr Glanz in die Kommune, die ansonsten oft im Schatten steht. Gelsenkirchen, diese charakteristische, großartige Stadt hat große Probleme: eine im Verhältnis hohe Arbeitslosigkeit, Armutszuwanderung – der Kreis schließt sich. Immobilienpreise in Gelsenkirchen, so eine Prognose, könnten bis 2030 jährlich um 1,9 Prozent sinken. Eine mögliche Folge: Der Mittelstand zieht weg. Perspektiven? Auch unter diesem Aspekt ist die Traurigkeit mit dem Abstieg zu deuten. Gelsenkirchen und Schalke und die Region: Das passt. Ein wenig Licht drang durch, wenn die Kameras auf die Champions League gerichtet waren, auf die internationalen Stars, die großen Clubs, mit denen sich Schalke messen durfte. Im Grunde genommen war das die Sehnsucht, im Konzert der ganz Großen musizieren zu können. Schalke und Mittelmaß, das passte nie. Es war oft das große Rad, das gedreht werden musste. Koste es, was es wolle. Schalke geht mit rund 240 Millionen Euro Verbindlichkeiten in die 2. Liga. Angesichts dessen mag einem angst und bange werden. Von den Tränen, die vergossen werden müssen, ganz zu schweigen.

Bergbau beerdigt

Im Dezember 2018 weinten sie wieder in der Arena; der Bergbau im Revier wurde hier beerdigt, die Geschichte endete genau dort, wo sie die Tradition dieses Vereins einst begründete. Ergriffen, Tränen in den Augen, sang das Publikum vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen das Steigerlied im Glanz der Feuerzeuge. Gänsehaut. Die Melange im Verein aus dem selbstverordneten Malocher-Image, begründet von den einst Unter-Tage-Tätigen, dem süßen Kitsch der Nostalgie und der sportlichen Realität passte irgendwie zusammen. Jetzt mehr denn je.

„Als Schalke am Dienstag in Bielefeld verlor und der vierte Abstieg des Clubs in meinem Leben damit ganz offiziell zur Realität wurde, bin ich im Laufe der zweiten Halbzeit vor dem TV eingeschlafen“, sagte ein Fan im Journalistenblog „Ruhrbarone“. Der Abstieg war lange vorhersehbar, die Fans – von der Pandemie schon lange ausgeschlossen – konnten sich nicht wehren. Aber sie weinen. Schon wieder.

Kommentar zum Schalke-Abstieg: Die bewegten Fans

Es war bewegend für Fans und Fußballer, Amateure und Profis. Warum? Die unterklassige Fußballsaison 2020/21 wurde gecancelt. Der Abstieg von Schalke kam nicht überraschend, aber jetzt ist er besiegelt – und verbindet. Trauerarbeit der ­Königsblauen trifft auf Bedauern selbst bei den Schwarz-Gelben aus Dortmund. Abstieg mag keiner. Schalke-Fans, Club-Mitgliedern und Menschen, die dort wohnen, ist zum Heulen zumute. Diejenigen, die nächtens Spieler attackierten, gehören nicht dazu.

Dabei konnten Fans auch zwei große Siege dieser Tage feiern. Die aktive Fanszene hat dazu beigetragen, dass die leidigen Montagsspiele in der Bundesliga abgesetzt werden. Zudem hat das Fanvotum eine überragende Rolle gespielt bei der Zerschlagung dieser irren „Super League“-Fantasien. Tatsächlich fand Volkes Meinung ­Gehör in einem Geschäft, wo Profite und Profitgier die ursprüngliche Idee des Fußballs zu versklaven drohen.

Fußball ist nicht weniger maßlos geworden, doch die totale Vereinnahmung durch Investoren ist verhindert – im Moment. Partizipation am Entscheidungsprozess ist das, gelebte Basisdemokratie. Vielleicht sind Fußballfans somit der Politik ein Stückchen voraus . . .

Alexander Heflik

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