Fußball: EM 2021

Wenig Rückendeckung für Rückkehrer Niederland

Münster

Die Lieblinge der Nation sind die Oranje-Kicker in der jüngeren Vergangenheit selten gewesen. Verpasste Turniere waren der Grund dafür. Diesmal, bei der EM 2021 sind die Niederländer dabei. Doch in der Heimat ist wenig Euphorie zu erkennen.

Von Alexander Heflikund

Mit dem Fahrrad zur EM? Nein, es ist nur die Fahrt zum Training in Zeist, die Torwart Marco Bizot sowie die Starspieler Memphis Depay und Frenkie de Jong absolvieren. Foto: Imago/Pro Shots

Die Corona-Zahlen sinken in den Niederlanden. Am Freitag wurde der landesweite Wert mit 71 festgestellt. Geschäfte haben wieder geöffnet, Museen und Kneipen auch in Teilen, im Vergleich zum Weihnachtsfest, als der Wert auf fast 500 hochgeschnellt war, ist das eine Art Entwarnung. Partys sind zwar weiter verboten, man darf sich eigentlich nur mit vier Personen treffen. Täglich wird aber mit weiteren Lockerungen gerechnet, die Reisewarnungen werden immer leiser. Das Leben normalisiert sich.

Und jetzt auch noch Fußball. Am Sonntag, wenn um 21 Uhr die Gastgeber in der Johan-Cruyff-Arena die Ukraine erwarten, werden 16 000 Zuschauer zugelassen sein. Die Elftal wird dabei schon vor dem Anpfiff mit Kritik und Zweifeln eingedeckt. Man hält nicht wirklich viel von der Mannschaft des Frank de Boer. Fast 50 000 Menschen stimmten im „Allgemeen Dagblad“ über die EM-Chancen ab, 32 Prozent glauben an ein Scheitern in der Vorrunde, 38 Prozent rechnen mit dem Achtelfinal-Aus, an den Finaleinzug denken gerade mal fünf Prozent – das nennt man wohl nicht gerade Rückendeckung in Anbetracht von überschaubaren Gegnern wie Ukraine, Österreich und Nordmazedonien.

Man mag es kaum glauben, aber nirgendwo in Europa ist die von Experten vorgetragene Expertise so hart, scharf und sezierend wie in Holland.

Gnade? Keine.

Vertrauensvorschuss? Nie.

Seit sieben Jahren, damals wurden die Niederlande WM-Dritter in Brasilien unter der Regie von Louis van Gaal, war das Team nicht mehr bei einem großen Turnier dabei. 2016 in Frankreich fehlte Holland bei der EM genauso wie 2018 bei der WM in Russland. Der Spott aus Deutschland war gewiss – bis das DFB-Team von Trainer Joachim Löw in der Vorrunde kläglich scheiterte. Da blühte der niederländische Flachs auf, die Fußball-Satireshow „Veronica Inside“ hatte noch mehr Futter. Nun verkündet die Klamauk-Sendung: „Wir kommen ins Achtelfinale – maximal.“

Der früher bei NEC Nijmegen in der Ehrendivision als Coach tätige Deutsche Peter Hyballa sieht das anders: „Ich finde die Mannschaft gut. Da herrscht ein guter Konkurrenzkampf im Team, die haben alles. Das Halbfinale ist möglich.“ Hyballa, mittlerweile beim dänischen Zweitligisten Esbjerg IF gelandet, ist häufiger als TV-Kritiker in seiner zweiten Heimat tätig. Man mag die eigenwillige Art des Sohnes einer deutschen Mutter aus Bocholt und eines niederländischen Seemannpastors aus Rotterdam. Und nicht von ungefähr sind mit Roger Schmidt bei PSV Eindhoven, Thomas Letsch (Vitesse Arnheim) und Frank Wormuth (Heracles Almelo) drei deutsche Fußballlehrer im Nachbarland tätig. Hinter vorgehaltener Hand respektiert man den deutschen Fußball schon.

„Voetball Oranje“ lebt immer noch von einem ausgeklügelten Talentprogramm, in Serie werden gerade bei Ajax Amsterdam potenzielle Superstars produziert. Ronald Koeman formte diese zwischen 2018 und 2020 zu einer europäischen Topmannschaft. Nur Koeman, der Anführer des Europameisterteams von 1988, zog weiter zum FC Barcelona. Sein Nachfolger de Boer war die erwartbare Wahl. Immerhin hatte er sechs Saisons (2010 bis 2016) bei Ajax erfolgreich gearbeitet.

Nur de Boer haftet auch der Makel an, bei Inter Mailand und Crystal Palace international gescheitert zu sein. „Der schlechteste Trainer der Premier League“, ätzte Jose Mourinho, als de Boer nach fünf Partien bereits wieder entlassen wurde.

Nun richtet sich die geballte Expertenschar in den Niederlanden gegen ihn. Denn de Boer will ein 5-3-2-System spielen – und das hat wenig mit Koemans 4-2-3-1 zu tun und praktisch gar nichts mit dem vergötterten 4-3-3 von Johan Cruyff. Das sei Verrat am Nationalgut, heißt es.

Ja, mit Torwart Jesper Cuillessen (FC Valencia), Virgil van Dijk (FC Liverpool) und Donny van de Beek (Manchester United) fehlen drei Führungsspieler. Aber Oranje hat noch Wout Weghorst, 20-facher Torschütze für den VfL Wolfsburg, oder Memphis Depay (Olympique Lyon), der unter Koeman zur großen Nunmer wurde. „Es hat sofort Klick gemacht zwischen uns“, sagt Depay über Weghorst.

Mit Frenkie de Jong, dem modernen Cruyff aus Barcelona, Georginio Wijnaldum (FC Liverpool, bald Paris St. Germain) und dem Ex-Bremer Davy Klaassen (Ajax Amsterdam) verfügt Coach de Boer über ein Mittelfeld der Extraklasse. Wovor, bitteschön, sollte man in den Niederlanden Angst haben?

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