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Kimmichs Kindheitstraum - «Bereit, an Grenze zu gehen»

Al-Shamal (dpa)

Joshua Kimmich ist das Gesicht einer Fußballer-Generation. Der Jahrgang 1995/96 will nach viel Turnier-Frust den großen WM-Wurf schaffen. Die sportpolitischen Verwerfungen kommen für ihn zur Unzeit.

Arne Richter und Klaus Bergmann, dpa

Will mit dem DFB-Team endlich den großen Wurf landen: Joshua Kimmich lacht bei der Pressekonferenz. Foto: Federico Gambarini/dpa

Joshua Kimmich schnappte sich noch schnell Niklas Süle für ein kurzes Gespräch. Dann ging der ehrgeizige Mittelfeld-Antreiber mit fokussiertem Blick und aufgeblähten Wangen beim letzten Training vor der Japan-Prüfung unter der sengenden Morgensonne in Al-Shamal voran.

Seine Altersgenossen Süle und Leon Goretzka - alle 27 - reihten sich in der kleinen Gruppe bei den Aufwärmübungen hinter ihm ein. Die großen Turbulenzen um die «One Love»-Binde hat den Bayern-Profi nachdenklich gemacht, bremsen darf sie aber nicht. Das machte Kimmich vor dem Turnierauftakt der Fußball-Nationalmannschaft gegen Japan klar.

«Natürlich ist es bei uns in der Mannschaft diskutiert worden», erzählte Kimmich bei der Pressekonferenz im riesigen Medienzentrum in Doha. Gewundert habe ihn, dass die vor wenigen Wochen noch als unzureichend bezeichnete und «madig» gemachte bunte Binde als Symbol der Meinungsfreiheit plötzlich so eine Bedeutung bekommt.

«Wir alle brennen, wir alle wollen gewinnen»

Die Mannschaft wisse sehr wohl, dass sie moralische Werte auch in Katar demonstrieren müsse. Aber jetzt gehe es um den Sport. Um einen «Kindheitstraum». Nicht mehr und nicht weniger. «Ich habe das Gefühl, dass einem eingeredet wird, dass man sich nicht darauf freuen kann. Ich möchte mich freuen», sagte Kimmich. «Wir alle brennen, wir alle wollen gewinnen», sagte er.

Die «One Love»-Debatte und die große Fußball-Politik müssen also ausgeblendet werden. Die WM in Katar ist - so umstritten sie ist - für Kimmich und seine Altersgenossen nach viel Turnier-Frust die möglicherweise größte oder sogar letzte Chance auf den größten Titel mit der Fußball-Nationalmannschaft. «Seitdem wir am Werk sind, haben wir es einfach nicht geschafft. Ab 2018 war es schlicht nicht mehr gut», sagte der 27-Jährige.

Im Klassenbuch des hochgelobten Jahrgangs 1995/96 steht der Sieg beim Confederations Cup 2017 in Russland. Danach folgten nur noch Enttäuschungen. Selbstkritik war noch nie Kimmichs Problem. Sein teilweise überbordender Ehrgeiz soll diesmal ein entscheidender Antrieb sein. Nach dem EM-Aus im Achtelfinale 2021 gegen England (0:2) kullerten in Wembley die Tränen. Im Chalifa International Stadium in Doha soll gegen Japan der erste sportliche Glücksmoment in Katar gelingen.

Der Kimmich-Jahrgang ist sehr «fokussiert»

Kimmich steht dabei als Klassensprecher seiner Generation im Mittelbau zwischen den Oldies Manuel Neuer (36) und Thomas Müller (33) sowie den Teenagern Jamal Musiala (19) und Youssoufa Moukoko (18) in einer besonderen Verantwortung. Nur ihm und Kapitän Manuel Neuer gab Bundestrainer Hansi Flick eine Startelf-Garantie. Sehr «fokussiert» sei der Kimmich-Jahrgang. Und »immer bereit, an die Grenze zu gehen.»

Bei der WM 2018 scheute der damalige Bundestrainer Joachim Löw einen konsequenten Generationenwechsel, brüskierte damit auch manche seiner Confed-Cup-Helden. Fünf Jahre nach dem Sieg bei der WM-Generalprobe in St. Petersburg sind acht Akteure von damals im aktuellen WM-Kader noch dabei. Ebenfalls acht DFB-Profis in Katar sind 1995 oder 1996 geboren und möglicherweise im Zenit ihrer Fußball-Schaffenskraft.

«Ich habe ihm gesagt, dass ich bei meiner zweiten WM jetzt mit 27 Jahren Verantwortung übernehmen will», berichtete Süle von einem Gespräch mit Flick. Die Zeit ist reif für diese Generation, auch wenn der Zeitpunkt mit Katar als Gastgeber denkbar schlecht ist.

Bei der WM-Vergabe war Kimmich 15

Verbockt wurde die Katar-Misere vor zwölf Jahren, durch die Vergabe an das Emirat durch zwei Dutzend FIFA-Funktionäre um Franz Beckenbauer. Kimmich, Goretzka, Serge Gnabry, Süle und der gegen Japan wegen Knieproblemen fehlende Leroy Sané waren damals C- und B-Jugendspieler. «Da war ich 15 und jetzt muss ich mich hier dazu äußern. Ich weiß nicht, ob das gerechtfertigt ist», sagte Kimmich. Jetzt als Umfaller der Nation gebrandmarkt zu werden, schmerzt.

Kimmich ist ein Fixpunkt in Flicks WM-Planungen. Gedankenspiele, ihn wie 2021 wieder aus taktischer Not auf die rechte Außenbahn zu versetzen, gibt es nicht. Erstmals darf er bei einem großen Turnier auf der Lieblingsposition im Zentrum ran. «Was mir in der Mitte großen Spaß macht, ist, dass man immer Teil des Spiels ist», sagte Kimmich.

Nach dem Champions-League-Sieg 2020 mit dem FC Bayern München hatte er proklamiert, dass er eine «eine Ära prägen» wolle. Zwangsläufig drängen sich Vergleiche mit der Goldenen Generation um Bastian Schweinsteiger auf, die viele vergebliche Titelanläufe brauchte, um sich ein Jahr nach dem Königsklassentitel mit den Bayern in Rio 2014 mit dem WM-Titel zu krönen. Auch Flick erinnerte an eine mögliche Parallele. «Die Generation damals war genauso heiß», sagte der Bundestrainer.

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