Fußball: Buchtipp

Reise ohne Rückfahrschein - Biografie über Erwin Kostedde

Münster

Eine Biografie über Erwin Kostedde – sie ist ein Lesestück über die Wurzeln des ersten deutschen Nationalspielers mit dunkler Hautfarbe. Zugleich handelt sie von einem Fußballer, der mit sich selbst und falschen Einflüssen zu kämpfen hatte. Alexander Heflik hat ein bemerkenswertes Buch über einen Menschen geschrieben, der es selten leicht hatte.

Jürgen Beckgerd

Debüt im Nationaltrikot: Erwin Kostedde Foto: Imago/Horstmüller

Wie fühlt sich das an, wenn man sich buchstäblich nicht wohlfühlt in seiner Haut, wenn man genau darauf reduziert wird – auf seine Hautfarbe? Wenn man sich als Kind reinwaschen will – im Wortsinn, um später als Erwachsener eben nicht nur auf den bestenfalls exotisch anmutenden, aber schlussendlich doch xenophob gemeinten „braunen Bomber“ reduziert zu werden?

Erwin Kostedde hat diese Erfahrungen gemacht. Als Fußball-Nationalspieler, der er unter Bundestrainer Helmut Schön war. Aber eben auch als Mitbürger, der in Münster als uneheliches Kind eines ihm zeitlebens unbekannten Vaters zur Welt kommt.

Die Geschichte des ersten schwarzen Nationalspielers, der 1974 im schwarz-weißen Dress gegen Malta debütiert und schlussendlich dreimal berufen wird, zu erzählen und dabei die Wirklichkeit, den Alltag, also das Leben, gleichgewichtig zu schildern, könnte als versuchter Spagat durchgehen. Alexander Heflik hat diesen gemeistert. Auf 208 Seiten ist dabei ein Reportage-Lesebuch herausgekommen, das sich erfrischend – auch wegen des in ungezählten Berichten, Analysen und Kommentaren geschliffenen autortypischen Stils – aus der Menge der Fußball-Biografien hervorhebt. „Da hat der Berti blöd geguckt“, lässt Heflik den Protagonisten einmal aus dem Spiel seiner Offenbacher Kickers gegen Borussia Mönchengladbach erzählen, um hernach seinen Senf hinzuzugeben: „ Und wie der schaut, und alle anderen auch.“ Berti Vogts, Günter Netzer, Rainer Bonhof, Allan Simonsen . . . Da purzeln die Idole der 70er durch die Seiten, dass es eine wahre Freude ist. Und doch spielen sie alle den Komparsen neben Kostedde und in Kosteddes Welt.

„Weißte noch?“ – diese Suggestiv-Frage wird im Kopf des Lesers gestellt und vom Autor bestens beantwortet. Hier tauchen die Fußball-Ikonen auf – und wieder ab. Rein stilistisch wird Kosteddes Wucht dadurch meisterlich erhöht.

Heflik kann das, allein von Berufs wegen nach zwei Jahrzehnten als Autor der Westfälischen Nachrichten; gestählt durch den Job beim Sport-Informationsdienst (SID), fußballerisch sozialisiert durch Preußen Münster und eng befreundet mit Borussia Mönchengladbach. Rund fünf Jahre hat der 56-Jährige sich Erwin Kostedde angenähert, sein Vertrauen gewonnen, Zeitzeugen und Mitspieler befragt. „Ich vertraue darauf, dass es die Wahrheit ist“, sagte Kostedde über das dergestalt Beschriebene, ohne es vor Drucklegung gelesen zu haben. Ein Vorschuss auf die intellektuelle Rendite, die dieses Werk verspricht.

Putzig, wie Kosteddes schüchterner Versuch beschrieben wird, zwei Stehplatzkarten seines Heimatvereins SC Preußen Münster im Gegenwert von 20 Euro zu bekommen. Knallhart, wie geschildert wird, dass und wie es dazu kommen konnte. Kosteddes Leben ist keine Achterbahn-, keine Berg- und Talfahrt. Es ist eine Reise von ganz oben nach ganz unten ohne Rückfahrschein. Der Autor hat sich nicht nur dieser Lebensgeschichte angenommen, sondern voll und ganz des Menschen, der sie erzählt. Folglich ist die Biografie die eines schwarzen Nationalspielers, der irgendwann dem Alkohol zusagt, mit seinem Einkommen nicht umzugehen vermag, der Menschen trifft, die ihm nicht guttun, und solchen, die ihn des Raubüberfalls verdächtigen. „Ich war das nicht“, sagt Kostedde in dem Buch und nach einem Freispruch vor Gericht vor 30 Jahren, als er am tiefsten Tiefpunkt seines Lebens angekommen war. Heflik spielt nicht mit Sentimentalitäten – ein großes Verdienst.

Kosteddes Leben ist ein Leben voller Widersprüche und Lebensmüdigkeit, dessen Schilderung einem die Tränen in die Augen treibt – ob man will oder nicht. „Er erinnert sich und traut sich dabei seine wichtigste aller Fragen zu stellen, etwas ungelenk vielleicht, wie Erwin Kostedde zugibt, die Frage nach seinem Vater“, heißt es kurz vor Schluss. Kosteddes Antwort: „Und meine Mutter ist einfach aufgestanden und gegangen.“ Es sind Sätze wie diese, die im Kopf bleiben, ebenso wie die Schilderung des ihm widerfahrenen Alltagsrassismus in einem Deutschland, das es genau so gibt, das heute noch so real ist. „Wissen Sie, wie das ist, wenn man schwarzes Schwein genannt wird?“, fragt er einmal. Und: „Manche sagten auch, dass ich bei Adolf vergast worden wäre.“

Kostedde antwortet in dem Buch auch: „Ich hätte ein ganz Großer im Fußball werden können.“ Womit er wahrscheinlich recht hat und das Interesse weckt auch über die regionalen Grenzen hinweg: Der Stanford-Professor für Komparatistik, „TAZ“- und „Die Zeit“-Kolumnist Hans-Ulrich Gumbrecht, äußerte sich schon vor Erscheinen des Buches erwartungsvoll: „Interessant, dass Kostedde seine ganz große Zeit bei Kickers Offenbach und Standard Liege hatte. Warum es bei drei ,Caps’ geblieben ist: Ich weiß es nicht, vielleicht war er ja einfach nicht gut genug,“ sagte der fußballaffine US-Professor. „Hochinteressant ist natürlich die Episode über seine Verhaftung und ,Begnadigung’ mit der lächerlichen Summe von 3000 D-Mark.“

Für den Literaturwissenschaftler bleibt es indes bei der „wirklichen Frage: Ist Integration heute eigentlich gelungen?“.

Alexander Heflik: „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld. 208 Seiten, 19,90 Euro

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