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Fußball: Interview

Warum Autor Schulze-Marmeling einen Boykott der Katar-WM fordert

Münster

Autor Dietrich Schulze-Marmeling aus Altenberge hat ein Buch über die anstehende WM in Katar geschrieben. Gleichzeitig ruft er mit anderen zum Boykott des Turniers auf. Was dahinter steckt, schildert er im Interview.

André Fischer

Beleuchtet die Katar-Kontroverse auch in seinem neuen Buch, das im Mai erscheint: Dietrich Schulze-Marmeling

Der Wüstenstaat zählt zu den kleinsten, aber reichsten Fleckchen von Mutter Erde. Mit seinem Geld kauft sich das Emirat Katar internationalen Einfluss – und die ganz großen Sportevents. Das globale Kräftemessen der Fußballer 2022 rückt mit riesigen Schritten näher. Seit der Vergabe 2010 durch den Weltverband Fifa hagelt es Kritik an diesem Turnier. Der Ruf nach einem Boykott wird spätestens nach dem Bericht der britischen Tageszeitung „Guardian“ mit Blick auf rund 6500 tote Gastarbeiter lauter. Der rührige und mehrfach ausgezeichnete Fußballautor Dietrich Schulze-Marmeling aus Altenberge und Schriftsteller Bernd-M. Beyer haben nun die Initiative „Boycott Qatar 2022“ ins Leben gerufen.

Herr Schulze Marmeling, ein geschätzter Kollege hat bei seinen Recherchen immer betont, er brauche Fleisch am Knochen bei einer guten Geschichte. Was steckt genau hinter Ihren Bemühungen?

Dietrich Schulze-Marmeling: Für uns war mit der Entscheidung pro Katar eine rote Linie überschritten. So absurd die Entscheidung auch anmutete – sie war der logische Endpunkt einer Entwicklung. Die Weltturniere hatten ein immer gigantischeres Ausmaße angenommen. Die immensen politischen, ökonomischen und logistischen Forderungen der Fifa führen dazu, dass heute nur noch ein kleiner Kreis von Ländern für die Austragung einer WM in Betracht kommt. Und dies führte die Fifa stärker an die Seite von Staaten mit geringer demokratischer Kontrolle, deren Regierungen bereit waren, für derlei Großveranstaltungen Unsummen auszugeben. Katar ist eine absolute Monarchie und wird von einer Familie regiert. Erstmals in der Geschichte des WM-Turniers wurde dessen Austragung an eine Familie beziehungsweise einen Clan vergeben. Die Fifa-Führung ist auch eine Familie. Die Privatisierung des Fußballs schreitet unaufhaltsam voran. Internationale Sportfunktionäre und Autokraten sind häufig Seelenverwandte – beide lieben die Gigantomanie. Hinzu kam: Das Gremium, das im Dezember 2010 pro Katar entschied, war hochgradig korrupt. Das Gros der 22 Mitglieder des damaligen Exekutivkomitees musste sich später wegen Korruption, Geldwäsche und anderer Vergehen verantworten – nicht nur im Zusammenhang mit Katar.

Zur Person

Dietrich Schulze-Marmeling (64) gehört zu den führenden Sach- und Fußball-Buchautoren in Deutschland. Er lebt mit seiner Familie in Altenberge bei Münster und ist als gebürtiger Kamener Mitglied bei Bundesligist Borussia Dortmund. 2011 wurde sein Werk „Der FC Bayern und seine Juden“ zum Fußballbuch des Jahres gewählt.

Angesichts der schockierenden Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern hat sich zuletzt vor allem in Norwegen Widerstand formiert. In Deutschland hat das Bündnis ProFans den Deutschen Fußball-Bund zum Verzicht aufgefordert.

Schulze-Marmeling: Das ist höchst erfreulich. Wir sind mit unserer Kampagne vor einigen Monaten gestartet, aber auf niedriger Flamme: Homepage basteln, Aufruf schreiben ... Wir gingen davon aus, dass Katar frühestens im Herbst ein Thema werden würde. Aber dann kam Karl-Heinz Rummenigge. Drei Tage nach der Veröffentlichung des Berichts der DFL-Taskforce, in dem der Profifußball Besserung versprach, forderte der Bayern-Boss Privilegien für seinen Club. Nachtflugverbot? Nicht für uns! Den Spielern sei nicht zuzumuten, die Nacht in einer Maschine der Fünf-Sterne-Airline Qatar Airways zu verbringen. Das Ziel der Reise – kein Problem. Menschenrechtsverletzungen in Katar – halt eine andere Kultur. Anschließend wurden wir mit Anfragen überrollt.

Am Freitag letzter Woche ist bekannt geworden, dass der niederländische Sportrasenhersteller Hendriks Graszoden seine Lieferungen für die WM in Katar verweigert. Ein positives Signal?

Schulze-Marmeling: Ja, auf jeden Fall! Wobei ich vor einer ausschließlichen Fokussierung auf die WM-Baustellen warnen möchte. Dort sind nur zwei Prozent der Arbeitsmigranten beschäftigt. Und das Gros der Arbeiten ist erledigt. Die Fifa erzählt, dass sich dort die Arbeitsbedingungen verbessert hätten – Insider wissen zu berichten, dass dies nur eingeschränkt gilt. Und: Was ist mit dem „Rest“ der Arbeitsmigranten? Für die Fifa sind Menschenrechtsverletzungen nur im unmittelbaren Zusammenhang mit einer WM von Interesse. Ich nenne das „Politik der Ferienanlage“. Europäische Fans dürfen bei der WM mit der Regenbogenfahne wedeln. Im Gegenzug verlangt Katar, dass man seine homophobe Kultur respektiert. Und diese beinhaltet: Homosexuellen drohen bis zu fünf Jahren Haft und Auspeitschen.

Gibt es weitere, gar prominente Nachahmer?

Schulze-Marmeling: Bislang ist mir da nichts bekannt, aber das kann sich noch ändern. Aktuell bekommen wir jeden Tag Hinweise, dass hier und dort etwas läuft.

Weltmeister Frankreich hat sich klar gegen einen Boykott ausgesprochen.

Schulze-Marmeling: Das verwundert nicht. Michel Platini hat seinerzeit auf Drängen des damaligen Premiers Nicolas Sarkozy für Katar gestimmt. Sarkozy fädelte später auch den Kauf von Paris St. Germain durch die Katarer ein. Katars Macht ist größer, als man bei diesem kleinen Land denkt. Es investiert in Frankreich und dient der französischen Politik und Wirtschaft als Tor in die Region. Dass Katar gleichzeitig durch den Bau von Moscheen für die Verbreitung einer extrem reaktionären Interpretation des Islams sorgt – geschenkt. In Deutschland war Bundespräsident Christian Wulff der größte Lobbyist für eine Entscheidung pro Katar. Die Qatar Holding, eine Tochtergesellschaft des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority, hält hier unter anderem Aktienpakete bei VW, dem größten deutschen Unternehmen. Mit rund 17 Prozent ist Katar der drittgrößte Aktionär.

Die Fifa selbst scheint das alles wenig zu tangieren. Die Planungen laufen weiter. Präsident Gianni Infantino freut sich vielmehr auf eine „fantastische Weltmeisterschaft“.

Schulze-Marmeling: Die Fifa haben die Arbeitsbedingungen in Katar zunächst überhaupt nicht interessiert. Erst als nichtstaatliche Organisationen die Verhältnisse thematisierten, wurde man gemäßigt aktiv.

Nachhaltig wird diese WM nicht sein. Was aber werden Sie und Ihre Initiative mitnehmen, wenn alles den gewohnten Lauf der Dinge nehmen sollte?

Schulze-Marmeling: Ich gehe davon aus, dass das Turnier stattfindet. Was wir erreichen können: Erstens Druck auf die Fifa ausüben, sodass diese Druck auf Katar ausübt. Zweitens die politische Instrumentalisierung des Turniers durch die Herrschenden in Katar stören. Und drittens die Diskussion über das völlig unzureichende Menschenrechtsmanagement von Fifa und Co. forcieren. Das funktioniert bislang wie ein moderner Ablasshandel. Vor den Olympischen Spielen in Peking und der Fußball-WM in Russland hieß es, die Veranstaltungen würden zur Liberalisierung und Demokratisierung der Verhältnisse in den Austragungsländern beitragen. Das Gegenteil war aber der Fall: Die Repression in diesen Ländern verschlimmerte sich zunehmend, lediglich für die Zeit der Veranstaltungen wurde eine gewisse Fassade errichtet.

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