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Mitten in Europa: Die Kriegs-Odyssee des Slava Lochmann

Großwallstadt (dpa)

Slava Lochmann wurde wie so viele Ukrainer vom Kriegsausbruch geschockt. Mit seiner Familie flüchtete der frühere Handball-Profi nach Großwallstadt. Von einem, der sich ein neues Leben aufbaut.

Martin Moravec, dpa

Der ukrainische Handball-Nationaltrainer Slava Lochmann. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Slava Lochmann und seine Familie waren seit der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 auf die Flucht aus der Ukraine vorbereitet gewesen. Damals packten sie in ihrer Wohnung in Kiew zwei Koffer mit den wichtigsten Dokumenten und Habseligkeiten.

Die Lochmanns wollten auf eine russische Invasion gefasst sein. Am 24. Februar dieses Jahres kam es so. «Ich erinnere mich daran, wie der Krieg begonnen hat. Um 4.30 Uhr morgens bin ich vom Geräusch der Bomben aufgewacht. Das war schlimm», erzählte Lochmann der Deutschen Presse-Agentur.

Der 45-Jährige sitzt im Restaurant des Sportparks, wo der Handball-Zweitligist TV Großwallstadt auch sein Trainingszentrum hat. An den Wänden erinnern Fotos an die ruhmreiche Zeit dieses unterfränkischen Vereins, der zwischen 1978 und 1990 alleine sechsmal deutscher Meister wurde.

Geschichte eng mit Großwallstadt verknüpft

Auch Lochmanns Geschichte ist eng mit dem TVG verknüpft, von 2004 bis 2007 spielte er hier in der Bundesliga. Seit mittlerweile Oktober arbeitet Lochmann, der auch Nationaltrainer seiner Heimat ist, als Jugendkoordinator des Vereins. «Ich habe hier meine Mannschaften aus der Jugendakademie und ich habe meine Nationalmannschaft. Mir geht es gut», sagte Lochmann an diesem Tag im Dezember und schnaufte durch.

Als der Krieg in der Ukraine begann, war für Lochmann klar, dass er handeln musste. Mit seiner Frau Julia sowie den Kindern Anastasia (20), Maxim (15) und Swjatoslaw (8) flüchtete er zunächst zu einem Freund an den südlichen Rand der ukrainischen Hauptstadt Kiew nach Koncha-Zaspa. «Du musst mit der Familie raus», erinnerte sich Lochmann aber an die Worte seines Freundes Rudi Brunner, mit dem er regelmäßig im Austausch stand.

Er hielt sich an den Ratschlag des langjährigen Förderers des Zweitligisten Großwallstadt. Zusammen mit seiner Familie startete er die Odyssee mit dem Auto. Sie wählten nicht die vermeintlich schnellere Route in Richtung Polen durch Irpin, sondern die etwas sicherere entlang der Landesgrenzen zu Moldawien und Rumänien. Nach rund 1000 Kilometern Strecke, unzähligen Staus und mehr als 40 Stunden Fahrt erreichten Sie Ungarn.

Anfang März kamen die Lochmanns in Großwallstadt an. Alle Nationalspieler, die damals nicht bei Vereinen im Ausland spielten, holte Slava Lochmann außerdem mit ihren Familien zunächst nach. Sie waren in Sicherheit. «Mein Gefühl war: Ich bin zurück nach Hause gekommen. Es ist meine zweite Heimat», sagte Lochmann.

Andere Lebenspläne

Der kräftige Mann hatte andere Pläne für sein Leben - zumindest andere Vorstellungen. «Vor dem Krieg dachte ich nie, dass ich einmal in Deutschland leben würde. Ich habe mein Leben aufgebaut und dachte eigentlich nie, dass ein Krieg kommen würde», sagte er. «Ich habe in der Ukraine gelebt, mitten in Europa. Ich dachte: Wenn es irgendwo einen Krieg geben sollte, dann weit weg. Aber nicht mitten in Europa.»

Lochmann ist dem TV Großwallstadt für die Unterstützung sehr dankbar. Mit seiner Familie lebt er auf der anderen Seite des Mains, in Kleinwallstadt. Der Verein erklärte sich auch schnell bereit, dass sich die ukrainische Nationalmannschaft im Oktober in Unterfranken auf die EM-Qualifikation vorbereiten konnte. «Wir sind froh, dass die ganze Region dahintersteht», äußerte damals Geschäftsführer Michael Spatz. In Aschaffenburg schlugen die Ukrainer die Färöer Inseln mit 29:25.

Lochmann geht in seiner Aufgabe als Jugend- und Nationaltrainer auf. Für zwei ukrainische Spieler aus der Junioren-Wohngemeinschaft, die ohne Eltern in Großwallstadt leben, hat er sogar die Sorgerechtsvollmacht übernommen. «Ich bin der Papa der Jungs», meinte Lochmann grinsend. Sein ältester Sohn Maxim spielt auch im TVG-Nachwuchs.

Lochmanns Eltern Anatoli (83) und Ludmila (78) sind in der Ukraine geblieben, sie wollen aus Saporischschja nicht mehr weg. Mit ihnen telefoniert Lochmann mehrmals täglich. Er sorgt sich um sie, er sorgt sich um sein Land. «Ich verstehe nicht, dass Kinder und Zivilisten gestorben sind. Sie haben ja nichts gemacht. Wofür sind sie gestorben?», sagte Lochmann, der sich einen schnellen Frieden mit einem Sieg der Ukraine wünscht.

Seine Aufenthaltserlaubnis läuft vorerst zwei Jahre, auf diese Regelung für Flüchtlinge aus der Ukraine hatte sich die EU geeinigt. «Handball ist mein Leben. Ich möchte weiter trainieren, egal wo», sagte Lochmann. «Jetzt wohne und trainiere ich hier. Ich werde schauen, wo es am besten für meine Familie und mich ist. Das ist meine Zukunft.»

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