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Motorsport

Der Kampf des deutschen Formel-1-Nachwuchses

Berlin (dpa)

Formel-1-Tristesse im Autobauerland: Nur ein deutscher Stammpilot im kommenden Jahr - und der kehrt mit 35 zurück. Was ist mit dem deutschen Nachwuchs bloß los?

Jens Marx und Martin Moravec, dpa

David Beckmann (vorne) findet, dass Deutschland seinen Motorsport-Nachwuchs nicht genügend fördert. Foto: Hasan Bratic/dpa

Von Hinterhof- und Parkplatzromantik mit dem Kart ist wenig geblieben. Mit 5000 Euro hätten sie damals angefangen, berichtete Norbert Vettel einmal. Er, der Zimmermann aus Heppenheim und Sohn Sebastian. Der spätere viermalige Weltmeister in der Formel 1.

Das Talent, das seinen Weg in die höchste Motorsport-Klasse fand und sie viele Jahre bis zum Abschied nach der vergangenen Saison sportlich und menschlich mitprägte. 2023 ist nur noch ein deutscher Stammpilot dabei: Nico Hülkenberg, der Rückkehrer mit bereits 35 Jahren. Mick Schumacher (23) bleibt nach zwei Jahren nur noch eine Ersatzrolle. Was ist bloß mit den deutschen Motorsport-Talenten los?

«Hierbei geht es ganz speziell um den Formel-Nachwuchs», sagt der ehemalige Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug der Deutschen Presse-Agentur und legt los: «Es ist eine Schande für ein Land, das mit Michel Schumacher, Sebastian Vettel und Nico Rosberg zwischen 1994 und 2016 Weltmeister wie am Fließband produzierte und mit zwölf Titelgewinnen mit Abstand die erfolgreichste Formel-1-Nation der Welt war und bis heute ist, mittlerweile noch nicht mal einen einzigen WM-Kandidaten zu stellen.»  

Von WM-Titeln wie einst in Serie mit Michael Schumacher und Vettel ist Deutschland derzeit wohl in etwa so weit entfernt wie von einer festen Rückkehr in den Rennkalender. Links und rechts wurde das Autobauerland überholt und abgehängt. Kein Rennen in Deutschland, dafür 2023 allein drei in den USA - einst belächelt für Dauer-Desinteresse an der Formel 1. Und in Logan Sargeant ist auch ein US-Youngster am Steuer im kommenden Jahr, geboren am 31. Dezember 2000. 

Der Blick auf die Nachwuchsklassen und Sprungbretter für angehende Formel-1-Piloten und Weltmeister verheißt für die deutschen Fans auch nichts Gutes. Ob es noch ein Fahrer in die Felder der Formel 2 oder der Formel 3 schafft, ist offen. Kein Wunder allerdings, bei den Kosten, die David Beckmann mal beispielhaft hochrechnete. Der 22-Jährige gewann 2014 die deutsche Junioren-Kartmeisterschaft vor Mick Schumacher. Auch Beckmann, geboren in Iserlohn, schaffte es danach via Formel 4 und Formel 3 in die Formel 2. Aus finanziellen Gründen endete seine Saison 2021 aber vorzeitig. 2022 kam er als Ersatzmann zurück und durfte wenigstens ein paar Rennen bestreiten.

Die Kosten für eine Saison in der Formel 2 oder Formel 3 würden vom Talent und den Ergebnissen abhängen, sagt Beckmann der dpa: «Man kann als sehr guter Fahrer die Formel 3 für 500.000 bis hoch zu knapp über eine Million Euro fahren.» Die Topteams seien aber etwas teurer. Die Folge: Piloten fahren oft für mittelmäßige Rennställe, erzielen entsprechend schlechtere Resultate und müssen gegebenenfalls noch ein, zwei Jahre länger fahren. «Und dann hat man sogar mehr Geld ausgegeben», betont Beckmann. Für die Formel 2 rechnete er Kosten in Höhe von knapp einer Million Euro, aber auch bis 2,5 Millionen Euro pro Saison vor. 

«Der Formelsport ist finanziell nicht mehr zu stemmen, man findet kaum Sponsoren. In meinen Augen ist es praktisch unmöglich geworden», sagte David Schumacher, Sohn des ehemaligen Formel-1-Piloten Ralf Schumacher, einmal der «Bild am Sonntag». Er fährt seit 2022 in der DTM. David Beckmann hat für 2023 ein Engagement als Porsche-Test- und Ersatzfahrer in der Formel E.  

«Es gibt zu wenig nationale Förderung in Deutschland», sagt Beckmann und vermisst zudem immer mehr die Leidenschaft wie zu Zeiten von Michael Schumacher. Solange Automobilkonzerne nicht einen großen Teil übernehmen würden, sieht Beckmann in Sachen Motorsport-Nachwuchsförderug in Deutschland «eigentlich leider keine Zukunft. Außer, die Formel 1 bringt selbst Geld für nationale und internationale Rennserien auf», sagt er. 

Die ADAC Stiftung Sport und der Deutsche Motorsportbund wollen bei der Suche und der Förderung künftiger nationaler Idole den nächsten Gang einlegen. «Deutschland braucht neue Motorsport-Stars, die die Fans hierzulande und weltweit begeistern, so wie dies Michael Schumacher und Sebastian Vettel gelang», sagt der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Dürheimer von der ADAC Stiftung Sport der dpa. So wie einst auch Michael Schumacher von einem Förderpool des DMSB-Vorgängers profitierte, wollen der DMSB und die ADAC Stiftung Sport nun alle im Motorsport engagierten deutschen Hersteller und Wirtschaftsunternehmen einladen, Partner des Förderprogramms zu werden. Quasi Zusatztreibstoff für das Team Motorsport Germany, das 2021 gegründet wurde.

Das Problem fängt ganz unten an. «Früher waren 100 Kinder auf der Kartbahn, heute sind da vielleicht noch 10 oder 15», berichtete Ende vergangener Saison einmal Norbert Vettel. «Selbst wenn jemand sein Kind in ein Kart setzen wollte, sobald sie hören, welche Zahlen aufgerufen werden, sind sie weg.» Und sie kommen nicht wieder. Denn jeder Aufstieg wird erstmal noch teurer.  

«Deutschland war über Jahrzehnte sehr verwöhnt mit Michael (Schumacher), (Nico) Rosberg, Sebastian (Vettel) und Mercedes als Hersteller», sagte Rückkehrer Hülkenberg und wertete den aktuellen Abschwung als «natürliche Zyklen, dass Nationen in der Formel 1 kommen und gehen». 

Die Älteren würden sich bestimmt erinnern, dass Deutschland 2010 sieben deutsche Fahrer in der Formel 1 gehabt habe. Zufälle seien für die jetzige Entwicklung nicht verantwortlich, betonte Haug. Für den ehemaligen leitenden Angestellten von Mercedes ist «die Unterrepräsentanz der erfolgreichsten Automobilnation in der höchsten Motorsportkategorie auch ein Produkt der Auto-Verteufelei in unserem Land». Und er glaubt auch, dass Deutschland selbst dann keinen oder gar mehrere Fahrer mit WM-Titelpotenzial hätte, würde der Aufstieg in die höchste Klasse halb so viel wie heute kosten.

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