1. www.wn.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. Radsport
  6. >
  7. «Lawine lostreten»: Radsport hofft auf den Netflix-Effekt

  8. >

Tour de France

«Lawine lostreten»: Radsport hofft auf den Netflix-Effekt

Megève (dpa)

In der Formel 1 löste die Netflix-Serie «Drive to survive» einen Boom aus. Der Radsport erhofft sich durch die gerade entstehende Tour-Dokumentation des Streaming-Anbieters einen ähnlichen Aufschwung.

Von Tom Bachmann und Stefan Tabeling, dpa

Das Logo mit dem Schriftzug des us-amerikanischen Streaming-Anbieters Netflix. Foto: Alexander Heinl/dpa

Im Theater der Tour de France sind sie nahezu unsichtbar. Sie tragen teilweise die Kleidung der Teams, wollen so in der chaotischen Masse des Spektakels untergehen - und doch jeden Ton, jedes Bild, jeden Disput, jedes kleine Drama einfangen: Die Crew des Streaming-Anbieters Netflix.

Netflix dreht mit sehr exklusivem Zugang eine Serie über die Tour, in acht Episoden soll das größte Radrennen der Welt auf noch nie gezeigte Weise über die Smartphones, Tablets und Bildschirme flimmern. Der Sport erhofft sich einen ähnlichen Boom, wie ihn bereits die Formel 1 durch einen Deal mit Netflix erlebte.

Die Teams sind abhängig von der Außenwirkung

«Es wäre schön, wenn das eine Lawine lostreten würde», sagt Ralph Denk, Chef des deutschen Teams Bora-hansgrohe. «Wir sind stolz, dass wir eines der acht auserwählten Teams sind. Die Formel 1 hat eine Renaissance erlebt. Ich denke, dass mit der Serie die Leidenschaft und Faszination des Radsports sehr gut transportiert werden kann.»

In der Formel 1 gibt es von der Serie «Drive to survive» mittlerweile vier Staffeln. Laut einer Erhebung von Nelson Sports hat die Rennserie allein im Jahr 2021 weltweit 73 Millionen Fans hinzugewonnen. Von den neuen Anhängern sind 77 Prozent der Altersgruppe zwischen 16 und 35 Jahren zuzuordnen. In 27 Ländern war die Serie bei Netflix das meistgesehene Produkt. Genau Zahlen gibt der Anbieter nicht heraus.

Sollte der Radsport nur einen Teil dieses Effekts erreichen, hätte sich das Projekt bereits gelohnt. Denn die Teams sind abhängig von der Außenwirkung und damit von ihren Sponsoren. Im Gegensatz zum Fußball gibt es keine TV-Gelder, die kassieren die Rennveranstalter. Somit bleiben die Sponsorengelder - und hier spielt die Tour eine herausragende Rolle. «Wir generieren 70 Prozent unseres Medienwerts aus der Tour», berichtet Denk.

Denk: «Sie kriegen massiven Zugang»

Nach Angaben de Fachportals «Cyclingnews» bekommen die acht begleiteten Teams jeweils 50.000 Euro. Der Tour-Veranstalter ASO soll derweil eine siebenstellige Summe von Netflix erhalten. Neben Bora-hansgrohe wird bei AG2R, Alpecin-Deceuninck, Groupama-FDJ, Ineos Grenadiers, Jumbo-Visma, EF Education-EasyPost und QuickStep-AlphaVinyl gefilmt. Das UAE-Team des zweimaligen Tour-Siegers Tadej Pogacar lehnte eine Kooperation ab.

Die ASO hat 70 Akkreditierungen für die Produktionsfirma ausgestellt. «Sie kriegen massiven Zugang», sagt Denk. Er habe seine Fahrer angewiesen, so authentisch wie nur möglich zu sein. Vor dem Start sind viele Fahrer mit Mikrofonen versehen, um einmalige Momente einzufangen. Beim Start in Kopenhagen unterhielt sich der Vorjahreszweite Jonas Vingegaard mehrere Minuten mit seiner Freundin Trine. Nachdem der Profi weggerollt war, entfernte das Produktionsteam flugs das an der Freundin befestigte Mikro.

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen zu den Dreharbeiten. Einigen sportlichen Leitern geht der Zugang der Crews zu weit, sie fühlen sich in ihrer Arbeit gestört. Bei den Fahrern kommt das Projekt größtenteils gut an. «Ich wäre froh, wenn ich eine Netflix-Berühmtheit werde», sagte der Kolumbianer Rigoberto Uran. Der Berliner Maximilian Schachmann berichtete, dass er die Crew bereits im März kennengelernt habe, sie sich bisher dezent im Hintergrund aufhalte.

In der Formel 1 ist nicht jeder Fahrer Fan der Serie. So verweigert ausgerechnet Weltmeister Max Verstappen die Zusammenarbeit. Nach Auffassung des Niederländers werden in der Serie Dinge aus dem Zusammenhang gerissen, um sie dramatischer wirken zu lassen oder Sachen sogar erfunden. «Die ersten Staffeln sind interessant und dramatisch», sagt dazu Mick Schumacher. Der 23-Jährige wünsche sich aber auch, dass die Serie akkurater werde.

Startseite
ANZEIGE