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Fußball

Gratwanderung in Katar: Eine WM unter strengster Beobachtung

Berlin (dpa)

Über die WM in Katar wird in Deutschland gestritten wie selten über ein Sport-Großereignis. Um den richtigen Umgang ringt auch die Bundesregierung. Andere sagen klar: «Nicht unsere WM»

Jan Mies, dpa

Eine Baustelle in Doha. Internationale Kritik gibt es nicht nur an der WM-Vergabe, sondern auch an den Bedingungen für ausländische Bauarbeiter in Katar. Foto: Bernd von Jutrczenka/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa

Gianni Infantino hat längst «die beste WM aller Zeiten» versprochen. Das ist per se nichts Besonderes  - und das übliche Amtsversprechen des FIFA-Präsidenten vor dem jeweils nächsten Großturnier, das dem Fußball-Weltverband Einnahmen in Milliardenhöhe sichert.

Auch die Endrunde in Russland 2018 war laut des Schweizers kurz nach dem Finale «die beste aller Zeiten», fühlt sich in der Nachbetrachtung mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine aber an wie aus einer anderen Zeit. Und nun beginnt am 20. November im Golfemirat Katar die Weltmeisterschaft, die trotz aller FIFA-Liebesbekundungen in Deutschland umstritten ist wie selten eine zuvor.

Die Sache mit den Menschenrechten

Menschenrechte, Lebensbedingungen für ausländische Arbeiter, die Freiheit der LGBTIQ+-Gemeinschaft, das Rollenbild für Frauen - aus westlicher Sicht war Katar jahrzehntelang in all diesen Bereichen ein rückständiges Land, auch noch vor und bei der skandalösen Vergabe Ende 2010. Die große Frage, mit der sich Politik, Gesellschaft und unabhängige Institutionen seit Monaten teils lautstark beschäftigten, ist die nach dem Status quo. Und dem richtigen Umgang damit.

«Zur Kenntnis nehmen wir, dass es auch Fortschritte gibt in Fragen, um die lange gerungen werden musste, etwa was die Situation von Beschäftigten betrifft. Auch wenn das noch lange nicht den Vorstellungen entspricht, die wir selber haben», sagte Bundeskanzler Olaf Scholz während eines Besuchs Ende September. Es klang ein wenig nach der Quintessenz von Berichten der Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty oder Human Rights Watch, auch wenn diese deutlich schärfer formulieren: Die von Katar angepriesenen Reformen werden registriert - gut ist aber lange noch nichts.

«Guardian» berichtete über 6500 tote Arbeiter

Den WM-Zirkus wird das nicht mehr aufhalten. Die Sprachregelung aus Katar ist grundsätzlich etwas demütiger geworden, es wird eingestanden, dass es weiteres Verbesserungspotenzial gibt. Der Verweis, dass die Nachbarländer am Golf längst überholt und abgehängt wurden, ist zumindest nicht falsch. Der aufsehenerregende Bericht des britischen «Guardian» Anfang 2021 über 6500 tote Arbeiter aus fünf asiatischen Ländern auf den Baustellen des Emirats in den vergangenen zehn Jahren wird als undifferenziert und verkürzt zurückgewiesen. Auf den Stadionbaustellen sind den offiziellen Angaben zufolge drei Menschen gestorben. Es sind zwei Extreme, die beide kein Gesamtbild abbilden.

Ende Oktober fühlte sich Katars Staatsoberhaupt Emir Tamim Bin Hamad Al Thani zur großen Erwiderung berufen. Zwar sei manche Kritik «positiv und nützlich» für die Weiterentwicklung des Landes. Inzwischen sei aber eine «beispiellose Kampagne» eines solchen Ausmaßes zu erkennen, dass viele Menschen die wahren Gründe für die Kritik hinterfragten. Welche Gründe dies konkret seien, sagte der Emir nicht. Er prangerte auch eine Verbreitung von Falschnachrichten und Doppelmoral der Kritiker an, ohne dabei ins Detail zu gehen.

«Dass die WM nicht nach Katar gehört, wissen wir alle»

Der DFB, über Monate mit eigenen Führungskrisen beschäftigt, schlingerte in der Katar-Frage lange und tat sich schwer, die richtige Rolle der Nationalmannschaft in der Diskussion zu finden. Profis wie Joshua Kimmich und Leon Goretzka prägen inzwischen das Bild des mündigen Nationalspielers. Der 22 Jahre alte Nico Schlotterbeck reflektierte Ende Oktober im ZDF-«Sportstudio»: «Dass die WM nicht nach Katar gehört, das wissen wir alle. Dass die WM nicht in den Winter gehört, sondern in den Sommer, dass wissen wir auch.» 

Während des Turniers soll der noch recht neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf die gesellschaftspolitischen Themen noch vor der Mannschaft abfangen. Der 61-Jährige ist als früherer SPD-Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen politisch erfahren, kurz vor der WM reiste er mit Innenministerin Nancy Faeser ins WM-Gastgeberland. Deutliche Kritik und Forderungen wurden nach den Gesprächen nicht publik.

Durch die Energiekrise entstanden neue Bande zwischen Deutschland und Flüssiggaslieferant Katar. Die Regierungsflieger landeten in den vergangenen Monaten mehrfach auf dem Flughafen in Doha - vor Faeser waren Wirtschaftsminister Robert Habeck und Scholz für Gespräche vor Ort.

Die Frage, wie in dem Spannungsfeld der Energie-Abhängigkeit auf der einen und Kritik wegen grundsätzlicher Dinge auf der anderen Seite eine WM verfolgt werden soll, haben insbesondere viele Fußball-Fans für sich beantwortet. Der Name eines Aktionstags Ende September in Frankfurt am Main war deutlich: «Nicht unsere WM!». 

Grundsätzlich gehe es bei den Protesten darum, «dass Menschen zur Ermöglichung eines WM-Turniers entrechtet und massenweise in den Überarbeitungs-Hitze-Tod getrieben wurden. Es geht um fehlende Pressefreiheit und schlimmste Diskriminierungsformen gegenüber Frauen und der LGBTIQ*-Community», sagte Dario Minden, Sprecher der Fan-Vereinigung «Unsere Kurve», der Deutschen Presse-Agentur.

LGBTIQ+-Community im Fokus

Während Faesers Besuch am Golf hieß es nach einem Treffen mit Katars Premier- und Innenminister Chalid bin Chalifa Al Thani aus Delegationskreisen, dieser habe eine Sicherheitsgarantie für alle Fans, insbesondere auch Angehörige der LGBTIQ+-Community, zugesagt. LGBT ist die englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell und Transgender. Oft werden auch die Varianten LGBTQ, LGBTQI oder LGBTQIA+ verwendet. Jeder Buchstabe steht für die eigene Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung. 

An der Zusage muss sich das Emirat messen lassen - sie sollte aber nicht über den grundsätzlichen Systemfehler hinwegtäuschen, dass die Lage in einem WM-Gastgeberland so ist, dass solche Garantien überhaupt erst gegeben werden müssen.

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