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Nach Politik-Vorgabe

Sport wieder im verschärften Corona-Krisenmodus

Berlin (dpa)

Was viele Sport-Verantwortliche ebenso erwartet wie befürchtet haben, wird wahr. Die Politik fordert Zuschauer-Beschränkungen. Das erhöht den wirtschaftlichen Druck auf etliche Clubs.

Von Eric Dobias und Claas Hennig, dpa

Wegen der Corona-Pandemie werden nur noch wenige Zuschauer in die Stadien gelassen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Die Erinnerungen an Geisterspiele, Saisonabbrüche und -unterbrechungen sind noch frisch. Vor dem zweiten Corona-Winter und angesichts rasant steigender Infektionszahlen greift die Politik erneut zu ähnlich drastischen Mitteln.

Maximal 15.000 Zuschauer sind an den kommenden Spieltagen in den Arenen der Bundesliga zugelassen. In Sporthallen dürfen es höchstens 5000 Zuschauer sein. In Regionen mit sehr hohen Infektionszahlen sollen große Veranstaltungen sogar abgesagt oder im Sport zumindest Geisterspiele durchgesetzt werden. Der Sport ist wieder im verschärften Corona-Krisenmodus. Die Deutsche Presse-Agentur beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Was bedeuten die Beschlüsse für die Fußball-Bundesliga und die Profi-Ligen anderer Sportarten?

Einige Bundesländer setzen die Beschlüsse sofort um oder gehen sogar darüber hinaus. Andere Länder wie Hamburg pflegen die Maßnahmen erst in der kommenden Woche in ihre jeweiligen Verordnungen ein. So kommt es, dass an diesem Wochenende die Vereine der 1. und 2. Fußball-Bundesliga höchst unterschiedlich von Beschränkungen betroffen sind.

Das Top-Spiel von Borussia Dortmund gegen Bayern München wird den neuen Beschlüssen gemäß vor 15 000 angepfiffen. In Bayern hingegen werden die Partien ohne Zuschauer stattfinden. Betroffen sind davon Erstligist FC Augsburg gegen den VfL Bochum und Zweitligist 1. FC Nürnberg gegen Holstein Kiel.

Die baden-württembergische Landesregierung lässt maximal nur noch 750 Menschen im Stadion zu. Die TSG 1899 Hoffenheim ist der erste Verein aus dem Ländle, den es betrifft. «Dieser Beschluss ist für uns natürlich gleichbedeutend mit der Rückkehr zu sogenannten Geisterspielen», sagte Geschäftsführer Frank Briel. Am Samstag wird es gegen Eintracht Frankfurt sehr still sein, ebenso am Sonntag beim VfB Stuttgart gegen Hertha BSC.

Wie hart treffen die Fußballclubs finanziell die erneuten Beschränkungen bei den Zuschauerzahlen?

Die Vereine müssen sich auf erneute Millionenverluste einstellen, die umso höher ausfallen werden, je länger die Beschränkungen in Kraft bleiben. Zwar haben alle 36 Proficlubs die ersten Corona-Wellen relativ gut überstanden. Doch die Reserven sind weitgehend aufgebraucht. «Covid hat uns in den letzten zwei Jahren massiv geprägt. Das hat dazu geführt, dass unser Geschäftsmodell nicht mehr vollumfänglich funktioniert», sagte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Der BVB hatte in der Vorsaison wegen fehlender Zuschauereinnahmen in der Pandemie einen Verlust von über 72 Millionen Euro verbucht. Rekordmeister Bayern München setzte in den vergangenen zwei Corona-Spielzeiten rund 150 Millionen Euro weniger um, bei Eintracht Frankfurt schrumpfte der Umsatz in der vergangenen Spielzeit um 45 Millionen Euro.

Auf welche Einnahme-Verluste müssen sich die anderen Ligen einstellen?

Im Basketball, Eishockey und Handball sind die Clubs noch viel stärker auf die Ticket-Einnahmen angewiesen als im Fußball, machen sie doch teilweise bis zu einem Drittel des Saisonetats aus. Die von der Politik verhängten Einschränkungen treffen diese Sportarten also besonders hart - insbesondere in den Bundesländern mit sehr hohen Inzidenzzahlen, wo die Rückkehr zu Geisterspielen bereits beschlossen ist oder noch werden soll. So klagte Karsten Günther, Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig: «Mit der aktuellen Situation geht es uns beschissen.» Ähnlich ist die Lage beim Basketball. «Faktisch hat die halbe Liga Geisterspiele», sagte BBL-Geschäftsführer Stefan Holz der ARD-«Sportschau».

Mit welchen Mitteln können die Clubs die Ausfälle auffangen?

Das wichtigste Instrument bleiben die Corona-Hilfen des Bundes für den Profisport, der in den Pandemie-Jahren 2020 und 2021 mit insgesamt rund 145 Millionen Euro unterstützt wurde. Den größten Batzen erhielten die Profivereine im Eishockey mit etwas mehr als 46 Millionen Euro. In den Handball flossen gut 35 Millionen Euro, in den Basketball rund 29 Millionen Euro und in den Fußball etwa 22 Millionen Euro. Angesichts der anhaltenden Corona-Krise soll das zum Jahresende auslaufende Programm verlängert werden. Dies haben die Länderchefs ausnahmslos begrüßt.

Was könnten die erneuten Verluste für die Clubs und Ligen bedeuten?

Eine nachhaltige und langfristige Planung der Vereine wird durch die unsichere Lage generell erschwert. Geringere Einnahmen bedeuten unter anderen, dass viele Clubs möglicherweise ihre Top-Stars abgeben, um ein hohes Salär zu sparen oder eine entsprechende Transfersumme zu kassieren. Damit sinkt aber die Attraktivität und die Qualität in den Ligen sowie die internationale Konkurrenzfähigkeit.

Zudem zeigte sich schon nach den ersten Geisterspielen oder sogar Saisonabbrüchen, dass die Bindung der Fans an ihre Vereine verloren geht. Das wurde besonders im Fußball deutlich. Oft wurden die zugelassenen Zuschauer-Kapazitäten in den Stadien nicht mehr voll ausgeschöpft. Das gilt auch für Sportarten wie Handball, Basketball oder Eishockey.

Wie wirken sich die neuen Maßnahmen auf den Amateur- und Breitensport aus?

Im Oktober beklagte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für das Corona-Jahr 2020 einen Schwund von 792 119 Mitgliedschaften bei seinen 87 600 Vereinen. Das entspricht einem Rückgang von 2,85 Prozent. Im Kinder- und Jugendbereich war die Quote noch gravierender. Ein erneuter kompletter Stopp des Amateur- und Breitensports würde manche Vereine vor existenzielle Probleme stellen.

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