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Formel 1

«Nur eine Getränkefirma»? Lewis Hamiltons neue Lernkurve

Zandvoort (dpa)

Lewis Hamilton muss sich sogar beschimpfen lassen. Mercedes und sein Superstar erleben eine Formel-1-Saison, die weit von der einstigen Erfolgsära entfernt ist. Wie soll dieses Tief überwunden werden?

Von Martin Moravec, dpa

Stekt mit Mercedes im Tief: Lewis Hamilton. Foto: Peter Dejong/AP/dpa

Durch die Instagram-Wunschwelt rast Lewis Hamilton weltmeisterlich wie kein anderer Formel-1-Fahrer. Die Erkundung der eigenen Wurzeln in Afrika oder Fotoshootings für Hochglanzmagazine inszeniert der Rekordchampion wie eine digitale Erlebnisreise.

Fern der idealisierten und bearbeiteten Bilderwelt ist dieses Jahr aber für Hamilton und Mercedes ein brutaler PS-Realitätstest. «In der Formel 1 sagt man, dass man nicht verliert, sondern lernt. Das ist aber sehr schwer», räumte Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor der 15. Lektion in diesem Jahr für die früheren Alles-Gewinner beim Grand Prix der Niederlande in Zandvoort ein. All die «netten Instagram-Posts» der vergangenen Jahre und der tatsächliche Umgang mit Rückschlägen seien doch was anderes.

Seit der Einführung der Turbo-Hybridmotoren zur Saison 2014 hatte Mercedes mit einem vollendeten Paket aus Maschine und Mensch die Motorsport-Königsklasse mit Regent Hamilton dominiert und alle WM-Titel abgeräumt - bis auf die vergangene Saison. Da wurde der Engländer in einem umstrittenen Finale von Max Verstappen im Red Bull erst auf den letzten Metern gestürzt.

Verstappen dominiert

Es war der Aufbruch in eine neue Generation. Der Rennstall des österreichischen Energydrink-Milliardärs Dietrich Mateschitz gibt sich im ersten Jahr der Aerodynamik-Revolution die größte Mühe, die Konkurrenz wie einst Mercedes förmlich zu ersticken. Und ab 2026 könnte Porsche als Partner für neue Power sorgen.

Verstappen gewann neun von 14 Saisonrennen. Der Niederländer führt vor seinem Heimspiel in den Dünen am Sonntag (15.00 Uhr/Sky und RTL) die WM-Wertung mit 93 Punkten vor seinem Red-Bull-Teamkollegen Sergio Perez an. Die Frage nach dem Spitzenreiter der Konstrukteurswertung erübrigt sich damit.

Gesamtpaket passt nicht

Mercedes weiß indes nicht mal genau, wo die Tücken in ihrem Rennwagen genau stecken. Reifen? Aerodynamik? Mechanik? Das Gesamtpaket passt einfach nicht mehr. WM-Rang sechs für Hamilton, WM-Rang fünf für Teamkollege George Russell sind silberne Realität.

«Wenn man im Kerker ankommt, muss man an seinen Prinzipien und Werten festhalten, den Geist aufrechterhalten und weiter unermüdlich versuchen, besser zu werden», formulierte Wolff englischen Medien gegenüber den Anspruch für Mercedes. Der Rennstall, für den noch Michael Schumacher wertvolle Entwicklungsarbeit geleistet hatte, durchlebt eine neue Lernkurve.

Mercedes muss sicherstellen, dass der Nachfolger des aktuellen W13 wieder ein Erfolg wird. Ein Wagen, so wie er Red Bull in diesem Jahr gelungen ist. Der W13 jedenfalls werde schon mal keinen exponierten Platz im Mercedes-Benz-Museum bekommen, kündigte Wolff an. Man werde ihn «eher ein bisschen in den Höhlen» zu platzieren versuchen. Kein Wagen zum Schämen, aber eben auch keiner zum Vorzeigen.

Hamilton, der auf seinen ersten Saisonsieg weiter warten muss, hat höchsten Respekt vor den Leistungen des Konkurrenten. Eine Bemerkung von 2011, als er den Red-Bull-Rennstall «nur eine Getränkefirma» nannte, wollte der siebenmalige Weltmeister sogar klarstellen. Hamilton glaubte nicht, dass das damals junge Team auf Sicht gegen etablierte Marken wie McLaren und Ferrari bestehen könne.

Lob für die Konkurrenz

«Alles, was ich in der Vergangenheit über das Team gesagt habe, habe ich nicht negativ gemeint. Ich glaube, ich habe vor Jahren etwas darüber gesagt, dass sie eine Getränkefirma seien oder so etwas in der Art», erzählte Hamilton. Er habe nur unterstreichen wollen, dass man im Wettstreit wohl eher auf einen Autobauer setzen würde.

Red Bull, das mit Sebastian Vettel 2010 bis 2013 alle WM-Titel abräumte, habe aber das Gegenteil bewiesen. «Sie haben einen großartigen Job gemacht», lobte der Brite.

Hamilton selbst kämpft nach Kräften um Boden. Von seinem einstigen Inteam-Feind bei McLaren, Fernando Alonso, musste er sich zuletzt in Spa nach einem von ihm selber verursachten Crash sogar als «Idiot» beschimpfen lassen. «Der weiß nur, wie man fährt, wenn er als Erster startet», ätzte der wütende Spanier über das Teamradio. Eine Entschuldigung Alonsos und für die schöne Welt der Sozialen Netzwerke kompatible Fotos folgten umgehend.

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