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dpa-Interview

Watzke: «Bayern München ist Topfavorit Nummer eins»

Bad Ragaz (dpa)

Borussia Dortmund hat in dieser Saison Großes vor. Getrieben von der Sehnsucht, den Abstand zum FC Bayern zu verringern, wurde viel investiert. Wie beurteilt Vereinschef Hans-Joachim Watzke die Lage?

Interview: Heinz Büse, dpa

Für Hans-Joachim Watzke ist der FC Bayern weiterhin klarer Titelfavorit. Foto: Bernd Thissen/dpa

Nach einer durchwachsenen Saison sah sich Borussia Dortmund zu Umbauarbeiten gezwungen. Ein neuer Coach, ein neuer Sportdirektor und namhafte Neuzugänge sollen die Aussichten im Titelkampf der Fußball-Bundesliga verbessern.

In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur nimmt Vereinschef Hans-Joachim Watzke Stellung zum neuen BVB, den Titelaussichten und zur schockierenden Tumorerkrankung von Neuzugang Sébastien Haller.

Frage: Sie sind neuerdings nicht nur Geschäftsführer von Borussia Dortmund, sondern seit Februar auch noch Aufsichtsratsvorsitzender der DFL und 1. Vizepräsident des DFB. Ist es übertrieben, Sie als den derzeit einflussreichsten Manager im deutschen Fußball zu bezeichnen?

Hans-Joachim Watzke: In solchen Kategorien denke ich nicht und halte es mit Papst Johannes, dem 23.: Man soll sich nicht so wichtig nehmen. Ich habe mich nicht aufgedrängt. Es war einfach irgendwann der Wunsch der großen Mehrheit der Clubs, dass ich mich engagiere. Und wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Einfluss hatte ich vermutlich auch vorher schon, jetzt trage ich Verantwortung. Das ist der Unterschied.

Bleibt bei solchen intensiven Nebenjobs überhaupt noch genug Zeit für den BVB?

Watzke: Borussia Dortmund wird dadurch nicht eine Stunde an Arbeitszeit verlieren. Ich habe in 18 Jahren beim BVB nur ein einziges Meisterschaftsspiel verpasst, weil ich damals 40,8 Fieber hatte. Der BVB ist mein Job, meine Aufgabe, meine Passion. Alles andere kommt on top. Das zeitlich zu bewältigen, ist möglich - ambitioniert, aber möglich.

Arbeit gibt es beim BVB ja auch genug. Es gibt einen neuen Sportdirektor, einen neuen Trainer, eine stark veränderte Mannschaft. Das fühlt sich nach Aufbruch in eine neue Zeit an. Für Sie auch?

Watzke: Ehrlich gesagt nicht. Wenn man von Aufbruch sprechen will, dann ist das eher beim DFB oder bei der DFL der Fall. Beim BVB herrscht eine sehr hohe Kontinuität. Der neue Sportdirektor und der neue Trainer sind ja nicht vom Himmel gefallen. Sebastian Kehl hatte vier Jahre lang Zeit, sich an den Job zu gewöhnen und ihn von der Pike auf zu lernen. Und auch für Edin Terzic ist der Job als Chefcoach kein Neuland. Es ist ein Unterschied, ob du jetzt zwei völlig Fremde in deine Organisation holst oder zwei, die die Organisation aus dem Effeff heraus kennen.

Der BVB hat bereits über 80 Millionen Euro in den neuen Kader investiert. Täuscht der Eindruck oder wächst in Dortmund nach Jahren mit grundsoliden Geschäftszahlen wieder die Lust an mehr Investitionsrisiko?

Watzke: Überhaupt nicht. Wir haben bisher netto vielleicht 15 Millionen Euro investiert. Andere Bundesliga-Clubs investieren netto deutlich mehr. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass wir Erling Haaland abgegeben haben. Fakt ist auch, dass Borussia Dortmund nach zweieinhalb Jahren Corona und Schäden in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro an Einnahmeausfällen Stand heute keinen einzigen Euro Finanzverbindlichkeiten gegenüber Bank- bzw. Kreditinstituten aufweist.

Grund für die hohe sportliche Personal-Fluktuation war sicherlich das Auftreten des Teams in der vergangenen Saison. Sie selbst haben mitunter deutliche Worte gefunden und das Abschneiden in Europa als «Vollkatastrophe» bezeichnet. Was hat Sie an der Mannschaft in der vergangenen Saison am meisten gestört?

Watzke: Fußball ist ein Ergebnissport und die Ergebnisse im internationalen Bereich waren einfach schlecht. Dazu kam das frühe Aus im DFB-Pokal bei einem Zweitligisten. Wenn man so wie ich veranlagt ist, muss man klare Worte finden. Das war nicht der Anspruch von Borussia Dortmund. Punkt, Aus, Ende. Mit der Bundesliga kann man aber zufrieden sein, das war in Ordnung.

Der externe BVB-Berater Matthias Sammer sehnt sich nach mehr Kontinuität bei der Borussia. Er sagte unlängst «Das ist der Club, und das ist die Mannschaft. Das soll man wieder erkennen.» Was hat er damit gemeint?

Watzke: Der BVB strahlt ja mehr Kontinuität aus als fast jeder andere Verein. Reinhard Rauball ist seit Ewigkeiten Vereinspräsident. Ich mache das jetzt im 18. Jahr und Michael Zorc hat es 24 Jahre gemacht. Sebastian Kehl ist lange dabei, Lars Ricken ist lange dabei. Deshalb denke ich, dass Matthias die Trainerposition gemeint hat, auch wenn er ebenfalls der Überzeugung war, dass es richtig gewesen ist, im Sommer zu handeln. Jeder Club möchte natürlich gerne möglichst lange mit einem Cheftrainer zusammenarbeiten. Fakt ist aber auch, dass der diesbezügliche Durchschnitt in den beiden Ligen bei 1,3 Jahren liegt.

Was macht Sie zuversichtlich, dass es mit Edin Terzic auch mal über diesen Durchschnitt hinausgehen gehen könnte. Sie hatten unlängst den Wunsch geäußert, mal wieder «drei, vier Jahre» mit einem Trainer zusammenarbeiten zu können.

Watzke: Was mich zuversichtlich stimmt, ist seine hohe fachliche Qualifikation. Darüber hinaus hat sich Edin wirklich intensiv mit dem Leben als Trainer und als Mitglied von Borussia Dortmund beschäftigt. Edin kennt den Club in jeder Verästelung. Dieser Verein ist nicht nur ambitioniert, sondern er hat auch eine Seele. Edin weiß genau, wenn er einen Knopf drückt, dass dann acht andere Lampen angehen. Das hilft, dann hast du ein gutes Frühwarnsystem, kannst auch Dinge einschätzen. Diese totale Leidenschaft für den Club ist bei Edin nicht gespielt oder erlernt, sondern von früher Kindheit an gelebt. Von daher hat er ideale Startvoraussetzungen.

Frage: Die Arbeit des Trainers wird durch die schockierende Diagnose bei Sébastien Haller nicht einfacher. Wie haben Sie persönlich die Geschehnisse erlebt?

Antwort: Das Thema hat sich am Montag innerhalb weniger Stunden immer weiter verschärft. Ehrlicherweise stehen wir nach wie vor unter Schock. Das Unwichtigste ist die sportliche Geschichte. Viel wichtiger ist die Gesundheit von Sébastien. Innerhalb von 24 Stunden wurde sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Auch die Mannschaft war komplett geschockt. So eine schlimme Nachricht, jemanden aus Deinem engsten Kreis betreffend, beeinflusst natürlich das ganze Trainingslager. Alle sind in Gedanken bei ihm.

Welchen Einfluss hat der Haller-Ausfall auf die Kaderplanung für die neue Saison?

Watzke: Jetzt in Hektik und Aktionismus zu verfallen, ist aus meiner Sicht moralisch-ethisch ein Problem. Wir dürfen nicht über die Gesundheit eines Spielers spekulieren, bevor es glasklare Diagnosen gibt. Und bis es soweit ist, werden auf jeden Fall noch mehrere Tage vergehen. Man muss seriös mit der Situation umgehen.

Wächst nach dieser Diagnose Ihre Sorgen vor einem holprigen Saisonstart?

Watzke: Es könnte holprig werden. Aber das dürfen wir nicht als Alibi in irgendeiner Weise nutzen, sondern müssen das als Herausforderung sehen.

Der ehemalige Technische Direktor Terzic ist jetzt Cheftrainer. Der ehemalige Lizenzspielerchef Kehl nun Sportdirektor. Demnach sind zwei Stellen frei. Werden diese Stellen neu besetzt?

Watzke: Im Prinzip ist gar nichts frei. Wir hatten die beiden Stellen ja unter anderem auch geschaffen, um vorbereitet zu sein. Sebastians Position war ja eine so genannte Onboarding-Position für das Amt, das er jetzt ausübt. Es wird sicherlich irgendwann jemanden geben, der Sebastian in irgendeiner Weise zur Seite steht. Ein Punkt bei der Position von Edin war natürlich auch, eine weitere Person im Verein zu haben, die eine hohe Identifikation mit dem BVB hat. Und von der man weiß, dass sie irgendwann deine Trainerfrage lösen kann.

Sind denn noch Stellen im Kader frei? Angeblich sucht der BVB noch einen Linksverteidiger.

Watzke: Wir haben für diese Position mindestens drei Spieler. Aber Ewigkeitsaussagen funktionieren im Profifußball heute sowieso nicht mehr. Ich sehe es aktuell nicht, weiß aber auch, dass in zwei Wochen die Fußballwelt wieder völlig anders aussehen kann.

Der FC Bayern München ist der einzige Verein, der bisher noch mehr Geld in den Kader investiert als der BVB. Macht Ihnen das ein bisschen Sorge?

Watzke: Was die Bayern bis jetzt an Transfers gemacht haben, muss man sich schon leisten können. Aber das ist ja nichts Neues. Dadurch werden die finanziellen Kräfte der Bundesliga nicht auf den Kopf gestellt, sondern weiter zementiert. Ich habe das schon hundertmal gesagt: Leipzig, Leverkusen, wir - wir alle würden es natürlich gerne mal haben, dass der FC Bayern nicht Meister wird. Aber man kann das von der deutschen Öffentlichkeit nicht zwingend von uns verlangen. Weil es auch niemand verlangt, dass Mainz 05 im kommenden Jahr vor dem BVB steht. Der Budget-Unterschied zwischen Mainz und Borussia Dortmund ist aber kleiner als der zwischen dem BVB und Bayern München. Das ist einfach Fakt. Und das sollten die Medien schon auch zur Kenntnis nehmen.

Droht erneute Langeweile im Meisterkampf?

Watzke: Mit diesen Neuzugängen ist Bayern München Topfavorit Nummer eins. Sie verlieren in Lewandowski zwar einen außergewöhnlichen Spieler, bekommen aber in Mané und de Ligt zwei außergewöhnliche dazu. Irgendwann müssen wir in einer Saison mal die Qualität, den Mut und das Glück haben, um wieder zuzuschlagen. Dann müssten uns die Bayern zwar immer noch entgegenkommen oder den Leipzigern oder den Leverkusenern oder wem auch immer. Aber dann würde es irgendwann mal passieren, dass ein anderer Club Meister wird. Ich habe nie gesagt, dass es nächstes Jahr schon passiert.

Mit Ihrer Aussage vor wenigen Monaten, dass es auch beim FC Bayern mal zum Einsturz kommen wird, haben Sie für viel Aufsehen gesorgt.

Watzke: Nicht Einsturz, sondern Einbruch. Was ich damit meine: Es gibt eine Konstante im Leben, das nichts für die Ewigkeit ist. In Frankreich ist vor zwei Jahren Lille Meister geworden, obwohl Paris wirtschaftlich übermächtig ist.

Sind die Transfers von Mané und de Ligt zum FC Bayern Indizien, dass die Bundesliga auch für internationale Stars interessanter wird?

Watzke: Die Bundesliga war nie uninteressant. Es gibt ja gewisse Kreise in Deutschland, die daran interessiert sind, den Fußball schlechtzureden. Bestimmte Medien hatten ja auch in den vergangenen zwei Jahren darüber berichtet, dass das Interesse der Zuschauer nach der Corona-Zeit dramatisch abnehmen wird. Dass die Kluft riesengroß geworden ist, dass sich alle anderen Dingen zuwenden. Wenn ich jetzt aber das Interesse und die Dauerkartenverkäufe verfolge, war das Meiste herbeigeredet. Das Problem: Wenn du es hundertmal hörst, glaubst du es am Ende selbst. Das ist mir ja leider auch passiert, das muss ich gestehen. Man muss sich freimachen von diesen Dingen.

Die Bundesliga steht vor keiner gewöhnlichen Saison. Es gibt eine WM mitten im Winter. Hat die lange Spielpause Auswirkungen auf den Titelkampf?

Watzke: Die WM-Vergabe nach Katar war nicht die größte Glanzleistung. Nun müssen wir aber das Beste draus machen. Die Auswirkungen werden nicht so gravierend sein, wie man vielleicht glaubt. Ob du jetzt am 15. November oder 15. Dezember die Hinrunde beschließt, es geht am Ende um vier Wochen. Dadurch werden die Machtverhältnisse und die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball keine anderen sein, wenn es dann im Januar wieder losgeht.

Was muss geschehen beim BVB, damit Sie am Ende der kommenden Saison zufrieden sind?

Watzke: Zufrieden bin ich dann, wenn wir das Gefühl haben dürfen, dass wir beim Potenzial nah an unser Maximum gekommen sind. Das genau zu definieren, ist natürlich schwierig. Aber in der vergangenen Saison hatte wir das Gefühl, dass es nicht so war.

Zur Person: Der in Marsberg geborene und 63 Jahre alte Hans-Joachim Watzke ist seit 2005 Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Im Februar 2022 übernahm er zudem die Ämter als DFL-Aufsichtsratschef und 1. DFB-Vizepräsident.

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