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Fußball: Bundesliga

Zeit für neue Helden – Bochum entkernt das Bayern-Bollwerk

Bochum

Diese Partie geht zweifellos in die Geschichtsbücher des VfL Bochum ein. 4:2 gegen Bayern München – damit hätte der Neuling niemals im Vorfeld gerechnet. Doch dann wurden viele neue Heldengeschichten geschrieben. Und ein Däne muss seinen Platz in der Anekdotenschachtel nun teilen.

Von Ansgar Griebel

So feierte der VfL. Foto: Bernd Thissen

Peter Madsen hat am Samstag seinen Platz im Bochumer Feiertagskalender geräumt und sich nahezu unbemerkt in den Statistikteil der Vereinshistorie zurückgezogen. Am 14. Februar 2004 hatte der Däne das 1:0-Siegtor des VfL gegen den FC Bayern München geschossen – und wird seither bei jedem neuen Duell zwischen dem strahlenden Stern des Südens und der grauen Maus aus dem Fußballwesten aus der Anektdotenschachtel gekramt, um anschließend auf Wiedervorlage verstaut zu werden. Doch am 12. Februar 2022 wurde im Bochumer Ruhrstadion ein neues Kapitel in die Clubannalen gemeißelt, als der VfL das mächtige Bollwerk aus München fachgerecht entkernte und in seine Einzelteile zerlegte. Christopher Antwi-Adjei (14.), Jürgen Locadia (38./Handelfmeter), Christian Gamboa (40.) und Gerrit Holtmann (44.) heißen die neuen Helden, die mit ihren Treffern zum 4:2 (4:1) nicht nur den 8500 Fans an der Castroper Straße, sondern ganz Fußballdeutschland eine kleine Sensation bescherten.

Im Hinspiel noch 0:7

Nach zehn entbehrungsreichen Zweitligajahren hat Bochums Trainer Thomas Reis den VfL zurück in die Beletage geführt. Endlich darf der Club sich wieder mit den Bayern in einer Liga messen – einst wie heute diese ganz besonderen Spiele bestreiten, die allerdings trotz gleicher Spielklasse nie auf gleicher Augenhöhe stattfinden, wie die 0:7-Klatsche für Bochum im Hinspiel nachdrücklich unter Beweis stellte. Auch am Samstag deutete viel auf eine Manifestierung dieser Machtverhältnisse hin, als Robert Lewandowski seinen Arbeitstag mit dem Treffer zum 1:0 nach neun Minuten einleitete. Der Pole erledigte seinen Job auch am Samstag zuverlässig wie ein Auftragskiller, ließ seinem 25. Saisontreffer in der zweiten Halbzeit die laufende Nummer 26 folgen.

Nagelsmann gesteht Fehler ein

Doch weil an diesem 22. Spieltag ausschließlich der Weltfußballer in Reihen der Gäste seine Form abrief und der Rest des Teams die Spielidee von Trainer Julian Nagelsmann bis zur Unkenntlichkeit verhunzte, siegte völlig zurecht der Underdog. „Unser Plan ging nicht auf“, gestand Nagelsmann im Nachgang, „wir hätten schneller reagieren müssen, Da nehme ich mich nicht aus. Ich hätte früher wechseln müssen.“ Doch als der Bayern-Trainer den gänzlich überforderten Dayot Upamecano nach 45 Minuten vom Platz holte, war das Unheil längst über die Bayern hereingebrochen. Traumtore am Fließband an einem perfekten Nachmittag aus Bochumer Sicht. „Wahnsinn, was hier los war“, jubelte Christopher Antwi-Adjei, der einen perfekten Konter mit seinem ersten Saisontreffer zum 1:1 abgeschlossen hatte, „es war einfach ein Traum“, befand Cristian Gamboa, der mit dem dritten VfL-Treffer des Tages ebenfalls erstmals als Bundesliga-Torschütze in Erscheinung trat – standesgemäß nach einem Bilderbuch-Doppelpass, wie er von Herbert Grönemeyer in der Vereinshymne besungen wird. Eine Hymne, die am Samstag einem Stromausfall im Stadtteil Bochum-Grumme zum Opfer fiel. Doch während der VfL sein Lied auch unplugged verinnerlicht hatte, war der Stecker bei den Bayern gezogen.

Thomas Reis

Lange nach dem Schlusspfiff und einer ausschweifenden Stadionrunde zog Reis auch die nüchterne Bilanz des Spektakels: „Wir sind sehr froh, drei weitere Punkte für unser Ziel gesammelt zu haben.“ Mehr gibt es auch nicht für Sensationssiege gegen die Bayern.

Niemand in Bochum wäre überrascht, wahrscheinlich nicht einmal enttäuscht gewesen, wenn in der kommenden Saison erneut Peter Madsen aus der Mottenkiste geholt worden wäre – jetzt sind die Chancen gestiegen, dass auch in der nächsten Spielzeit Duelle mit den Bayern anstehen, dann aber mit rundum erneuerten Heldengeschichten.

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