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Die Opernpremiere „Don Carlo. Ein Requiem“ bot ein weitgehend stimmiges Experiment

Abgesang auf einen Mächtigen

Münster

Buhrufe fürs Regieteam? Die sind eher selten in Münsters Opernpremieren. Umso bemerkenswerter, dass sie ausgerechnet dem Intendanten Dr. Ulrich Peters und seinen Ausstattern nach Verdis „Don Carlo“ entgegenschallten. Was hatten sie getan?

Harald Suerland

Don Carlo (Garrie Davislim, l.) zückt das Schwert gegen den eigenen Vater König Philipp (Stephan Klemm). Das geht nicht gut aus. Foto: Oliver Berg

Als der neue Generalmusikdirektor Golo Berg zu Beginn im dunklen Orchestergraben den Taktstock hob, erklang zunächst gar nicht Verdi: Glockenklänge leiteten den fernen Chorgesang eines Requiems ein. Geschrieben hat es der russisch-deutsche Komponist Alfred Schnittke einst als Schauspielmusik für Schillers „Don Karlos“, und in Münster verklammerte und verwob das Duo Peters/Berg die Oper mit Elementen dieser Totenmesse. „Don Carlo. Ein Requiem“ ist der Abend folglich betitelt – als Abgesang des scheinbar allmächtigen spanischen Königs Philipp II. auf seine Ideale und die geliebten Menschen, die er opfert. Am Ende steht sein kirchlicher Gegenspieler, der finstere Großinquisitor, in herrischer Geste am Grabhügel des Bühnenbildes.

Es ist ein Experiment, das weitgehend stimmig wirkt und mit dem das Haus zudem einen Gegenentwurf zur legendären „Don Carlo“-Produktion von Humburg und Hilsdorf bietet, die so fest im kollektiven Gedächtnis des münsterschen Opernpublikums sitzt. An einer Stelle jedoch, nämlich nach dem Autodafé-Bild des zweiten Akts, dämpft Schnittkes Musik die Finalwirkung Verdis erheblich. Ansonsten sind die Passagen des Requiems als innere und äußere Stimmen, die den König bedrängen, passend eingefügt.

Das fantastische Bühnenbild von Rifail Ajdarpasic erweist sich ebenfalls für diese große Chorszene als schwierig: Der geheimnisvolle Einheitsraum, dessen wuchtige Türen sich gefängnisgleich schließen können und dessen Lichtschächte ein wenig an das grandiose Skulpturprojekt in der Eissporthalle erinnern, engt diese Szene merklich ein. Regisseur Ulrich Peters reagiert darauf, indem er Chor und Sänger fast wie für eine konzertante Darbietung positioniert. Ohnehin führt der bekennende Sänger-Fan Peters die Darsteller so, dass sie immer optimal zum Dirigenten und zum Publikum stehen.

Sie danken es ihm mit durchweg erfreulichen Leistungen. So ist Stephan Klemm als König von Spanien, der die Geliebte seines Sohnes geheiratet hat und den Freiheitskämpfer Rodrigo bewundert, nicht nur szenisch Zentrum der Aufführung: Mit samtener Bass-Fülle und feiner Dynamik zeichnet er ein bewegendes Porträt des zweifelnden Machtmenschen. Christoph Stegemann ist mit schlankerem Klang (und ebensolcher Statur) der ideale Gegenspieler.

Der Titelheld dieser Oper hat, zumal in der auch hier gewählten vier-aktigen Version, das Problem, viel singen zu müssen, aber nicht die effektvollsten Nummern zu bekommen (die gehören eher den tiefen Stimmen): Garrie Davislim als neuer Tenor des Hauses macht aus dieser Not eine Tugend und musiziert, auch im Zusammenspiel mit Sopran-Partnerin Kristi-Anna Isene, mit seiner homogen durchgebildeten Stimme variantenreich, ohne zu protzen. Isene singt vor allem die große Arie der Elisabeth sehr bewegend, und es war in der Premiere generell eine Freude zu hören, wie sorgsam Dirigent Golo Berg mit den Möglichkeiten umging, das Verdi-Orchester blitzen und donnern zu lassen: Die Sänger mussten nie dagegen ankämpfen. Eine gute Voraussetzung auch für Bariton Filippo Bettoschi als Rodrigo, der stets mit so großem Engagement spielt und singt, dass man Gefahren für die Stimme ahnt. Monika Walerowicz als Eboli brillierte noch am meisten mit flammenden Spitzentönen, für die es prompt Jubel gab („O don fatale“).

Ein Hingucker sind die farblich sprechenden Kostüme von Ariane Isabell Unfried und, mehr noch, manche Frisuren: Die Haartracht der Hofdamen scheint wild aus dem strengen Hofzeremoniell auszubrechen, und die weiße Mähne des Großinquisitors lässt ihn wie einen Todesengel daherkommen.

Termine

Nächste Aufführungen am 12., 15., 18. und 31. Oktober 2017.

Sollten die Buhs also nicht der Szene, sondern dem Experiment Verdi/Schnittke gegolten haben, so muss auch Dirigent Golo Berg daran teilhaben, der zunächst Beifall erntete und sich später gemeinsam mit Ulrich Peters zeigte. In einem Punkt jedoch herrschte komplette Übereinstimmung: Der von Inna Batyuk einstudierte Chor machte seine Sache gerade in der Requiem-Musik fabelhaft.

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