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Gladiatoren-Schau in Kalkriese

Auch die Antike kannte Hooligans

Bramsche

Hollywood präsentiert sie als echte Kerle, doch die Szenen auf der Leinwand treffen die Realität römischer Gladiatoren kaum. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 22 Jahren und sechs Monaten durften die umjubelten Kämpfer ihren Ruhm zumeist nur kurz genießen. Jeder Waffengang konnte der letzte sein, und die Entscheidung über Leben und Tod hing nicht nur vom mehr oder weniger blutigen Verlauf des Kampfes ab, sondern auch vom anschließenden Votum des Publikums. Immerhin servierte man den Akteuren am Abend vor den Turnieren ein üppiges Buffet, wobei manchem angesichts der Gefahren des nächsten Tages kaum zum Schlemmen zumute gewesen sein wird.

unseremMitarbeiterHermann Queckenstedt

Original und Replik: Besucher können nicht nur einen in Pompeji gefundenen Gladiatorenhelm bestaunen, sondern selbst eine Nachbildung teste Foto: Hermann Pentermann

Einen Einblick in die Welt römischer Kampfarenen und ihrer Helden gibt die Sonderausstellung „Gladiatoren – Tod und Triumph im Colosseum“, die bis zum 13. Oktober im „Museum und Park Kalkriese“ am Ort der Varusschlacht bei Bramsche zu sehen ist.

Im Sonderausstellungsraum tritt der Besucher zunächst lebensgroßen Gladiatoren in originalgetreuer Kampfmontur entgegen, die weiland nach einem festen Regelwerk gegeneinander antraten: So war Beweglichkeit etwa das entscheidende Plus des fast nackten Netzkämpfers mit Dolch und Dreizack, der stets gegen einen ebenso schwer gepanzerten wie schwerfälligen Kontrahenten kämpfte. Aber auch gleich ausgerüstete Gladiatoren traten gegeneinander an: die sogenannten Provokatoren, die – leichter ausgestattet – lediglich einen Brustpanzer trugen. Die hoch spezialisierten Kämpfer waren oft Sklaven oder Gefangene, die in eigenen Schulen für ihre Einsätze trainiert wurden.

Glanzstück der Kalkrieser Ausstellung ist ein originaler Gladiatorenhelm, dessen Abbild die Besucher aufsetzen können. Die überschaubare Zahl exquisiter Exponate aus dem archäologischen Nationalmuseum Neapel, dem archäologischen Museum Bologna sowie dem Colosseum in Rom wird durch eine multimedial aufwendig gestaltete Inszenierung ergänzt, die Blicke hinter die Kulissen des Massenspektakels gewährt und Parallelen zur Gegenwart zieht. Schon im alten Rom hatte die Politik Kampfspiele und „Sportförderung“ als propagandistisches Instrument entdeckt und so die Massen zu steuern versucht. Das im Jahre 80 nach Christus eröffnete Colosseum in Rom stand unter Aufsicht des Kaisers, und auch heute noch setzen demokratische wie diktatorische Regierungen auf den Spitzensport, um sich Ruhm und Ehre verschaffen.

Sind also Fußballer moderne Gladiatoren? Zumindest die Fan-Kultur scheint in den vergangenen 2000 Jahren frappierende Kontinuitäten aufzuweisen. Die Zuschauer antiker Kampfspiele organisierten sich in Fanklubs, wobei auch „Hooligans“ nicht unbekannt waren: Als sich 59 n. Chr. zwei Fangruppen in Pompeji begegneten, mündeten gegenseitige Beleidigungen in eine Straßenschlacht mit Verletzten und Toten. Der Senat verhängte daraufhin ein Verbot für Spiele in der Stadt, das er aber nicht aufrechterhalten konnte und bereits nach drei Jahren lockerte. Aktuelle Diskussionen über Fangewalt dürfen also auf lange Traditionen zurückblicken.

Als Russell Crowe, der Hauptdarsteller des Films „Gladiator“, das Colosseum besuchte, zog nicht er das Interesse der Menschen auf sich: Sie huldigten dem italienischen Fußballidol Francesco Totti an seiner Seite. Für die Fans, so berichtete Colosseum-Direktorin Dr. Rosella Lea, war der Kicker also der wahre Gladiator – freilich mit einem deutlich überschaubareren Gesundheitsrisiko als seine antiken Kollegen.

Zum Thema

Zur Ausstellung gibt es ein großes Begleitprogramm mit Kinderangeboten, Führungen und Gladiatorenmahl. Öffentliche Führungen sonn- und feiertags um 16 Uhr.

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