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Störungsfrei ging das Filmfestival am Sonntag über die Ziellinie

Berlinale zeigt eigene Stärken

Berlin

Die Berlinale hatte auch heuer wieder mit pandemischen Einschränkungen zu kämpfen. Doch alles ging glatt ab. Und die Filme konnten sich sehen lassen. Unsere Bilanz.

Von Gian-Philip Andreas

Die 72. Berlinale hat trotz Pandemiebeschränkungen gut funktioniert und auch ein ordentliches Programm abgeliefert. Foto: Annette Riedl/dpa

Mit dem vierten Pu­blikumstag sind die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin am Sonntag zu Ende gegangen, und wenn diese elf Festivaltage, an denen erst frühlingshaft die Sonne schien und dann Zeynep bäumeknickend durch die Hauptstadtstraßen fegte, etwas gezeigt haben, dann dies: Kulturelle Großveranstaltungen solchen Kalibers sind wieder möglich, wenn man sie gut plant und verantwortungsvoll durchführt.

„Belohnt“ hatten sich die Festivalleiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian schon bei der vorgezogenen Preisverleihung gefühlt, inzwischen dürfte sich ihre Freude noch gesteigert haben, denn zum Superspreader ist die Berlinale nicht geworden, auch die Befürchtung eines wegen 2G plus wegbleibenden Publikums erwies sich als unbegründet: Riesige Veranstaltungsorte wie der Friedrichstadtpalast waren regelmäßig ausverkauft, es gab Publikumsgespräche, Filmteams aus Übersee grüßten per Videobotschaft von den Leinwänden. International wurde die Organisation gelobt: Die Impf- und Test-Kontrollen verliefen zügig, im Ablauf funktionierte das Festival reibungslos. Es war eine Ausnahme-Berlinale, gewiss, aber meist fühlte sie sich genauso an wie immer.

In der Freude darüber, dass das drittwichtigste europäische Filmfestival überhaupt stattfand, schien das Programm fast schon wurscht. Der Wettbewerb war in diesem Jahr kein herausragender, doch angesichts dessen, was überhaupt möglich war, schon sehr in Ordnung. Zu den bekannten Berlinale-Problemen (etwa der Termin vor der Oscarverleihung, der Hollywoodstars abschreckt) kam die Pandemiesituation: Viele renommierte Filmemacher warten lieber ab und schicken ihre Werke nach Cannes oder Venedig.

Der sommerlichen Strahlkraft dieser Konkurrenzfestivals hat die Berlinale eben nur ihre eigenen Stärken entgegenzusetzen. Die liegen anderswo, etwa darin, dass sie ein Publikumsfestival ist, dessen Reize sich erst jenseits des Wettbewerbs entfalten. Der Film der Stunde etwa, im Januar schon beim Sundance Festival ausgezeichnet, lief in der Sektion Panorama. Er heißt „Klondike“ und spielt 2014 im Donbass, in einer Hausruine in der Gegend, in der der von Separatisten abgeschossene Malaysia-Airlines-Flug 17 abstürzt. Am Ende gebiert dort eine ukrainische Frau, völlig alleingelassen, ihr Baby auf einem Sofa, während russische Soldaten um sie herum mit schwerem Gerät herumfuhrwerken. Eine minutenlange, ungeschnittene Szene, die ganz sicher zum Intensivsten zählt, was diese Berlinale 2022 zu zeigen hatte.

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