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Literatur

«Die Träume anderer Leute» - Ex-Heldin sucht ihren Weg

Berlin (dpa)

Wie fühlt es sich an, ganz oben gewesen zu sein und dann die Notbremse zu ziehen? Wie ist das Leben nach dem Erfolg? Darüber hat Judith Holofernes ein faszinierendes Buch geschrieben.

Von Christine Cornelius, dpa

Die Sängerin Judith Holofernes gibt in ihrem Buch «Die Träume anderer Leute» Einblicke in ihre Ängste, Selbstzweifel, Träume und Hoffnungen. Foto: Jörg Carstensen/dpa

«Bist Du nicht müde, nach so vielen Stunden?» - auf diese Frage aus einem alten Wir-sind-Helden-Song gibt Sängerin Judith Holofernes jetzt eine ausführliche Antwort, in Buchform. Ja, sie war müde. Sehr müde sogar. Über Jahre. «Die Träume anderer Leute» ist mit gut 400 Seiten vieles in einem: Tagebuch, Therapie, Biografie, Abrechnung, Poesie.

Die 45-Jährige erlaubt darin Einblicke in ihre Ängste, Selbstzweifel, Träume und Hoffnungen. Sie zeigt den Wahnsinn des Musikgeschäfts ebenso wie die schiere Unmöglichkeit, mit kleinen Kindern auf Tour zu gehen und heil wieder rauszukommen. Holofernes schreibt über Ehrgeiz und Scham, über Glück und Müßiggang.

Der persönliche Ton des Buches schafft sofort Verbindung. Es muss reinigend für die Autorin gewesen sein, all das niederzuschreiben, was sie viele Jahre lang mit sich herumgetragen, manchmal herumgeschleppt hat. Mit einer selbst auferlegten inneren Härte und einem Wesen, das auf viele Menschen so locker, leicht und fröhlich wirkte.

Waren «niedlich und wunderbar»

Die Popband Wir sind Helden hatte sich im Jahr 2000 gegründet und wurde zur konsumkritischen Stimme einer ganzen Generation - erfrischend unkonventionell und irgendwie immer nett. Oder, wie Holofernes es ausdrückt: «Wir waren niedlich und wunderbar, und jeder, der uns lieb hatte, hatte recht damit.»

Nach zwölf Jahren kündigten die Helden eine Auszeit an. Die Autorin schreibt, sie hätte einen radikaleren Schritt gebraucht, doch man einigte sich auf dieses Wording: Pause. «Ich hatte aufgehört mit den Helden, weil ich aus der Tiefe meines Seins nicht mehr wollte, weil ich ausgebrannt war, unglücklich, krank und kaputt.»

Holofernes beschreibt sich in dem Buch als Frau, die es jahrelang aller Welt zeigen und gleichzeitig recht machen wollte. Kinder, Band, Tourleben? Kein Problem! «Gib mir das, ich kann das halten», hieß es in einem Helden-Song. Doch das Familienleben mit Kleinkindern, das schon viele Eltern mit gewöhnlicheren Berufen in die Erschöpfung treibt, erwies sich schnell als wenig kompatibel mit Tourbus, Gabelstaplern an Bühnen und festen Einschlafritualen.

Trotzdem zogen sie und ihr Mann Pola, Schlagzeuger der Helden, das Projekt mehrere Jahre lang durch. Sie habe von diesem Tourleben mit Familie geträumt, Zweifel weggewischt. Sie würde funktionieren. Die Einzige, mit der sie nicht gerechnet habe, sei sie selbst gewesen, mit ihren dann doch nicht übermenschlichen Kräften.

Wie ein Hilferuf

Dass es Holofernes nicht gut ging, ist keine völlige Überraschung. Das düstere letzte Helden-Album «Bring mich nach Hause» klingt stellenweise wie ein Hilferuf. Schon 2018 erzählte die Sängerin bei einem Gesprächsabend zum Thema Stress in Stuttgart, sie habe mit mindestens einem Fuß im Burn-out gestanden. «Ich habe mich ganz, ganz schmal gemacht, um weiter zu funktionieren», sagte sie damals.

Das Funktionieren-Müssen zieht sich wie ein roter Faden durch Holofernes' Buch. Wer sich nach der Lektüre einen alten Konzertmitschnitt anschaut und die Sängerin auf einem Stuhl sitzen sieht, wird von nun an unweigerlich an diese drastische Szene denken: Holofernes, die trotz großer Schmerzen im Bein die Bühne betritt, sich erst auf einen Barhocker setzt und am Ende dann doch tanzt - um nach dem Konzert vor Schmerzen zusammenzubrechen. Hinterher zieht sie sich in eine «vertraute Schwärze» zurück, in die sie seit Monaten immer wieder eintauchen konnte, wie sie schreibt.

Einen Großteil des Buches widmet Holofernes ihrem Neubeginn nach der Helden-Zeit. Sie schreibt darüber, wie sie für viele «Die von Wir sind Helden» blieb und ihr Name ohne die Band im Rücken unbekannter war als gedacht. Sie versuchte - mal mehr, mal weniger verzweifelt - ihren eigenen Weg zu gehen, mit eigenen Regeln und niemandem, der ihr reinredete. Ihr Problem, immer wieder: Sie scheint selbst nicht so recht zu wissen, wie genau sie es nun haben möchte.

Der Helden-Erfolg kam jedenfalls nicht wieder. Der Ruhm jener Tage wurde zur Messlatte für andere Leute und damit zur Bürde für die Ex-Heldin. Was sich für Holofernes wie Durchbruch und Aufbruch anfühlte, wurde als Niederlage gewertet. «Was, wenn ich wirklich das Tollste in meinem Leben schon gemacht, schon erlebt hatte und nie wieder etwas so Großes, Bedeutsames, Magisches erschaffen würde?», fragt sie sich an einer Stelle verzagt. Oder war der zu ihr passende Erfolg längst erreicht?

Ein lesenswertes Buch über den eigenen Weg, das Loslassen und Erwachsenwerden. Nicht nur für alte Helden-Fans, aber wohl vor allem.

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