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Christian Kracht beglückt die Literaturkritik mit seinem „Eurotrash“

Ökopullover statt Barbourjacke

Münster

Eine Reise von Sylt aus durch Deutschland in die Schweiz und jede Menge Markennamen: Das ist vielen Lesern von „Faserland“ in Erinnerung. Jetzt spielt der Autor Christian Kracht mit den alten Motiven.

 Von Harald Suerland

Christian Kracht variiert im neuen Roman die Motive seines literarischen Debüts „Faserland“. Foto: dpa/Kiepenheuer & Witsch

„Dieses Buch ist ein Roman“, heißt es ganz vorne kleingedruckt, „wenn auch wie in vielen Romanen einige seiner Charaktere Vor- und Urbilder in der Realität haben ...“ Das klingt für halbwegs geübte Leser banal, ist aber bedeutsam, weil sich der Ich-Erzähler sofort als Autor des Romans „Faserland“ vorstellt. Und den hat bekanntlich Christian Kracht geschrieben, der sich hier nun selbst zur Romanfigur macht.

Wenige Buch-Neuerscheinungen der letzten Monate haben so großes Interesse ausgelöst wie der neue Roman des Schweizers, Ijoma Mangold von der „Zeit“ greift gar zum Etikett „Meisterwerk“. Was vor allem damit zusammenhängt, dass Kracht hier an sein legendäres, als Wegmarke der Popliteratur berühmt gewordenes Debüt anknüpft. Wieder wird gereist, wieder ist das Ziel (aber auch der Ausgangspunkt) die Schweiz, und als handgreiflichen Zitat-Hinweis spendiert der Autor seinen Lesern die identischen Anfangs- und Schlussworte „Also" und „bald“.

Aber „Eurotrash“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, weniger eine Fortsetzung als eine selbstironische Rückschau und zugleich ein vergnügliches Spiel mit literarischen Debatten. Als liebevoll-bissige Kritikerin seines Schaffens installiert Kracht die eigentliche Heldin des neuen Romans: seine Mutter, die zwischenzeitlich schon im Heim gelandet war und nun mit dem herbeitelefonierten Sohn verreisen möchte, am liebsten bis nach Afrika, um dort Zebras zu betrachten. Während das ungleiche Paar nun per Taxi die ersten Stationen einer Erinnerungsreise absolviert – und natürlich in der Heimat bleibt –, liest die Mutter ihrem erfolgreichen Autorensohn die Leviten: „Solche Sachen solltest Du mal schreiben, wie Marcel Beyer. Das ist ein guter Schriftsteller. Nicht so einen belanglosen Unsinn, wie Du ihn schreibst, den ohnehin keiner lesen will.“ Sie verlangt also jene Literatur von ihm, die sich mit den Schrecknissen der Vergangenheit auseinandersetzt, statt sich in Hedonismus und Konsum zu ergehen. Zu den feinen Pointen, mit denen Kracht arbeitet, gehört einige Seiten später die Mutter-Kritik an seinem kratzigen Ökopullover – er habe doch früher in seiner Barbourjacke so „manierlich“ ausgesehen. Dabei ist nichts so sehr zum Synonym für „Faserland“ geworden wie das vermeintliche Feiern der Barbourjacke.

Und Kracht, der Autor, gibt Kracht, dem Ich-Erzähler, reichlich Gelegenheit, sich aus den Fängen der Vorurteile herauszuschreiben. Er erzählt von seiner Familiengeschichte, vom unverbesserlichen Nazi-Großvater und vom Vater, der bei Axel Springer Karriere machte. Das Markennamen-Dropping des alten Buches wird ins Gegenteil verkehrt, wenn er über Bulgari lästert oder leitmotivisch die lebenswichtigen Medikamente der Mutter aufzählt. Und diese mit Geld um sich werfende Greisin mit ihrem künstlichen Darmausgang, um den sich der Sohn zu sorgen hat, kommt bei ihren Ausfällen gegen das eigene Land wie eine grelle Verwandten der zeternden Thomas-Bernhard-Greise daher.

Zum Spiel mit literarischen Haltungen und Modellen gehören die Erzählungen, die die Mutter auf der Reise vom Autorensohn einfordert und die wunderbar zwischen Realität und grotesker Fiktion pendeln; gehört, dass der Ich-Erzähler Christian Kracht sich zwischendurch gern mal mit Daniel Kehlmann verwechseln lässt; gehört schließlich der Friedhofsbesuch à la „Faserland“, der jetzt aber nicht mehr dem Grab von Thomas Mann gilt, sondern von Jorge Louis Borges. Und dass man auf keinen Fall die erzählte Handlung mit der sehr ähnlichen Realität verwechseln sollte, weiß sogar die Mutter des Erzählers Christian Kracht: Sie fragt ihren Sohn beim Mittagessen: „Wusstest Du, dass wir gerade in einem Buch beschrieben werden?“

Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 210 Seiten, 22 Euro

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