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Interview mit Autor Michel Birbæk

"Prince hat mich verändert"

Köln/Münster

Sein letzter Roman ist vor acht Jahren erschienen. Erst der Tod von Popstar Prince bringt Michel Birbæk dazu, sich wieder dem Schreiben zu widmen. „Das schönste Mädchen der Welt“ ist bereits sein sechstes Werk. Es handelt natürlich von Musik, aber ist zugleich auch eine witzige und warmherzige Liebesgeschichte. Nicht verwunderlich, weil Birbæk selbst Sänger in einer Rockband war und später als Drehbuchautor für deutsche TV-Serien („Danni Lowinski“) und als Gagschreiber für Harald Schmidt und Stefan Raab arbeitete. Der gebürtige Däne lebt mittlerweile in Köln. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit ihm gesprochen.

Carsten Vogel

Der Schriftsteller Michel Birbæk hat 2016 – als sein Idol Prince starb – den Roman „Das schönste Mädchen der Welt“ zu schreiben, um seine Gefühle zu kanalisieren. Foto: Simin Kianmehr

Zu welchem Genre oder welcher Gattung würden Sie Ihr Buch “Das schönste Mädchen der Welt” zuordnen?

Michel Birbæk: Man steckt mich gerne in die Ecke der „Frauenliteratur“, weil ich Liebesgeschichten erzähle, aber da sehe ich mich eigentlich nicht. Neulich nannte eine Journalistin meine Art zu schreiben “Erwachsene-Romantik.” Das fand ich ganz schön, wobei mir da das Drama fehlt, das ich immer unter meine Geschichten lege.

Ich hätte Popliteratur gesagt: Nick Hornby, John Niven, Stuckrad-Barre mit „Soloalbum“. Aber es gibt einen großen Unterschied. Die anderen haben mich zwar auch unterhalten. Aber Ihres hat mich insbesondere am Ende - ohne, dass ich jetzt etwas verraten will - sehr bewegt. Was halten Sie denn von der eher deutschen Unterscheidung zwischen E- und U-Literatur?

Birbæk: Ich möchte sowohl das E als auch das U anbieten. Meine bisherigen Romane bieten Themen wie Sterbehilfe, Trennung, sexueller Missbrauch - mit leichtem Ton erzählt. Es ist in Deutschland leider noch nicht so verbreitet, dass man E und U vermischt, während es für mich als Skandinavier völlig normal ist.

In etwa wie bei dem Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“?

Birbæk: Ein gutes Beispiel. Der Film hat mich so mitgerissen, dass ich direkt das Drehbuch heruntergeladen habe - die Oscar-nominierten kriegt man legal - und noch am selben Abend eine ähnliche Frauenrolle geschrieben habe.

Ich hätte ja die Sorge, dass Ihr Roman im Laden neben Stapeln von Comedy-Künstlern einsortiert würde.

Birbæk: Da stand ich ja mal, weil ich früher Gagschreiber war. Das Problem ist einfach, dass meine Geschichten für die sogenannte „Frauenliteratur“ zu tief sind. Ich schreibe für Erwachsene, und liebe es Drama und Humor miteinander zu verbinden.

Der Romantitel ist sehr vieldeutig. Vor allem aber ist es die Übersetzung eines Prince-Songs. Sind Sie selbst ein großer Fan?

Birbæk: Er ist der Künstler meines Lebens. Ich hoffe, dass nochmal jemand in mein Leben tritt, der diese Bedeutung haben wird, aber ich glaube, das ist gar nicht möglich. Als ich Prince damals entdeckt habe, habe ich mich noch selbst gesucht. Ich war jung und unsicher. Er hat meine Art zu texten geändert, meine Band und unsere Live-Shows verändert, meine persönlichen Grenzen verschoben. Jetzt, wo ich erwachsen bin, ist es viel schwieriger für einen Künstler eine solche Bedeutung für mich zu bekommen.

Es gab so viele fingierte Künstler-Battles: Beatles gegen Stones, Blur gegen Oasis, Michael Jackson gegen Prince. Die einzig richtige Antwort geben Sie in Ihrem Buch.

Birbæk: (lacht) Danke! Die Stelle habe ich extra eingebaut, weil es mich früher so genervt hat, wenn ich gesagt habe, ich sei Prince-Fan und jemand anderes erwidert hat, er mochte Michael Jackson lieber. Wie kann man einen der beiden ausschließen? Es ist wirklich so, wie mein Protagonist im Roman sagt: „Bei Gesang bin ich polygam“.

Wie viel Autobiografisches steckt denn noch in dem Roman?

Birbæk: Das muss natürlich mein Geheimnis bleiben, aber ich nenne meine Art zu schreiben semibiografisch. Meine bisherigen Romane sind vielleicht etwas näher an meinem wirklichen Leben gewesen, doch in „Das schönste Mädchen der Welt” ist vor allem das emotionale auch wieder sehr aus meinem Leben herauserzählt. Vor allem auch der Schock, als Prince starb. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass mich das so mitnehmen würde.

Foto:

Der Allersee in Wolfsburg ist aber nie lila eingefärbt worden, oder?

Birbæk: (lacht) Darüber nachgedacht, habe ich! Aber nein, das wäre eine Riesensauerei und logistisch zu aufwändig.

Spotify ist an die Börse gegangen. In Ihrem Buch wettert die Hauptfigur gegen den Streaming-Dienst. Wie stehen Sie selbst dazu?

Birbæk: Ich lehne Flatrate für mich ab. Immer wenn es ein Überangebot gibt, dann verfällt die Bedeutung des Einzelnen. Früher hat man sich eine Platte gekauft und bevor man sich eine weitere leisten konnte, hat man die erste immer wieder aufgelegt und sie viel intensiver wahrgenommen. Wenn man Flatrate nutzt, zappt man viel zu schnell weiter, immer weiter, immer neu, vieles bleibt so an der Oberfläche, und kann nicht diese Bedeutung bekommen, die unsere Lieblingsplatten von früher hatten.

Ich finde es gut, dass man bei Vinyl die Reihenfolge auch mithört, weil sich der Künstler sich etwas dabei gedacht hat.

Birbæk: Ja, aber manchmal hatten die Künstler nicht genügend gute Songs, die Platte sollte aber vor der Tour veröffenlicht werden, und so wurde schnell irgendwas auf die Platte gepackt, daher finde ich es eigentlich gut, dass man heute einzelne Songs kaufen kann. Ich bin ja nicht gegen den Fortschritt, ich glaube nur nicht an Flatrate und permanentes Überangebot. Kennt ja jeder aus Kinderzimmern, die voller Spielzeug sind. Wird "Spielen" für ein Kind dadurch schöner? Oder vielleicht etwas stressiger?

Es gibt eine US-Serie, in der der Comedian Jerry Seinfeld andere Comedians zum Kaffee einlädt, sie interviewt und auch mit ihnen in extravaganten Autos unterwegs ist. In Ihrem Buch erwähnen Sie einen alten Ford Taunus. Wäre das so ein Auto, dass Sie sich aussuchen würden, um mit anderen ins Gespräch zu kommen?

Birbæk: Für eine solche Show, würde ich entweder einen total bizarren amerikanischen Sechzigerjahre-Schlitten wählen oder einen Citroën DS 17.

Und welcher Comedian dürfte mitfahren?

Birbæk: Keiner. Mich interessiert Comedy nicht mehr. Ich mag eher Kabarett, weil da auch Informationen fließen. „Die Anstalt“ zum Beispiel ist eine großartige Sendung. Wenn ich Uthoff, von Wagner und Krauß in diesen Wagen mitnehmen dürfte, das wäre bestimmt derb.

Würden Sie sagen, dass es auch hier einen Unterschied zu den Amerikanern gibt?

Birbæk: Im Humorbereich? Auf jeden Fall. In Deutschland wird gute Unterhaltung, die zum lachen anregt, immer noch belächelt. Aber “Die Anstalt” ist ja trotzdem informativ und brutal ernst, obwohl viel gelacht wird. Andere Länder sind da lockerer. Mir wurde mal von einem deutschen TV-Produzenten vorgeworfen, dass man meinen Drehbüchern anmerken würde, dass ich Spaß beim Schreiben hätte. Als Vorwurf! Das ist schon irgendwie sehr deutsch, ändert sich aber auch langsam.

Jetzt, nachdem das Buch fertig ist, sind Sie wieder auf den Geschmack gekommen oder gibt es erneut mehrere Jahre Pause?

Birbæk: Ich habe bereits sieben Kapitel vom kommenden Buch fertig. Die Literatur hat mir gefehlt, aber ich hätte mich nie wieder ein Jahr allein vor den Rechner gesetzt, wenn Prince nicht gestorben ware. Doch nun sprudelt es nur noch so heraus. Die nächsten zwei Bücher stehen inhaltlich bereits fest.

Wenn man Musiker fragt, was sie von ihren Alben am besten finden, dann nennen sie in der Regel immer das aktuelle. Wie ist das bei Ihren Büchern?

Birbæk: Das ist ja, als müsste ich jetzt meine Ex-Freundinnen miteinander vergleichen! Ich habe sie aber alle geliebt und jede von ihnen hat mich glücklich gemacht. Jede von ihnen war Jahrelang die wichtigste Person für mich auf der Welt. Sie gegeneinander aufzustellen, würde keiner gerecht. Letztes Jahr habe ich den Satz gelesen: „Vergleichen macht unglücklich.” Seitdem versuche ich das zu vermeiden.

Werden Sie auf Lesereise gehen?

Birbæk: Ja. Manchmal lese ich solo, manchmal ist ein Musiker dabei, der Prince spielt, und manchmal mit DJ, der anschließend Party macht. Die größte Prince-Party in Deutschland findet am 7. Juni in Köln statt. Da lese ich vorweg, dann kommt eine Live-Band und danach ein DJ. Es wäre sein 60. Geburtstag. Und an genau dem Tag erscheint auch “Das schönste Mädchen der Welt” übersetzt in Amerika. Das wird ein Spaß.

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