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Roman

Psychothriller von preisgekrönter Autorin Marie NDiaye

Berlin (dpa) –

In Marie NDiayes neuem Roman verheddert sich eine Anwältin in einem dichten Gestrüpp aus Mutmaßungen, Fantasien und diffusen Erinnerungen.

Von Sibylle Peine, dpa

Die französische Schriftstellerin Marie NDiaye. In NDiayes neuem Roman "Die Rache ist mein" verheddert sich eine Anwältin in einem dichten Gestrüpp aus Mutmaßungen, Phantasien und diffusen Erinnerungen. Foto: Suhrkamp Verlag/dpa

Inwieweit können wir unseren Erinnerungen trauen? Das Gedächtnis ist bekanntlich unzuverlässig. Es selektiert und unterschlägt, es dramatisiert, verschönt oder verfremdet.

Manchmal lässt es uns ganz einfach im Stich, dann wieder quält es uns mit Bildern, die wir am liebsten auslöschen würden, aber nicht können. Um die Widersprüchlichkeit und Rätselhaftigkeit der Erinnerung geht es auch in Marie NDiayes neuestem Roman. Die preisgekrönte französische Autorin, die lange in Berlin lebte, hat mit «Die Rache ist mein» ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Werk vorgelegt.

Über allen Handlungen und Personen liegt ein Schleier des Ungewissen, des Zweifels, des Zwiespältigen, der teilweise so undurchdringlich erscheint wie die Nebel, die durch das winterlich-unwirtliche Bordeaux wabern.

Ruhm und Ehre stehen noch aus

Die Hauptfigur ist eine 42-jährige Anwältin, die nach französischen Gepflogenheiten mit Maître, abgekürzt Me, angeredet wird. Me Susane also, deren Vornamen wir nie erfahren, hat eine kleine Kanzlei in Bordeaux. Zu Ruhm und Ehre ist die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Juristin damit bisher allerdings noch nicht gekommen. Sie schlägt sich so durch. Umso verwunderter ist sie, als sie eines Tages mit einem spektakulären Fall betraut wird.

Sie soll eine Frau verteidigen, die ihre drei Kinder ermordet hat. Der Ehemann persönlich, Gilles Principaux, ein angesehener Bürger der Stadt, bittet sie, den Fall zu übernehmen. Das Seltsame ist: Me Susane meint diesen Mann zu kennen. Verbindet sie nicht ein wichtiges Ereignis aus der Kindheit miteinander? Allerdings hat sie Mühe, dieses Ereignis näher zu bestimmen und Principaux seinerseits scheint überraschenderweise keinerlei Erinnerung an sie zu haben. Doch warum ist er dann ausgerechnet zu ihr, der unbekannten Anwältin, gekommen? Ist das nicht verdächtig?

Was genau geschah damals?

Mit der Zeit wird die Geschichte immer rätselhafter. Wir erfahren, dass Me Susanes Mutter früher als Putzfrau tätig war und möglicherweise auch im Hause Principaux. Me Susane jedenfalls ist fest davon überzeugt, dass sie dabei ihre Mutter begleitet hat. Doch was genau ist damals geschehen? Ist der pubertäre Sohn der reichen Familie der Zehnjährigen zu nahe gekommen? Me Susanes Vater macht dunkle Andeutungen, während die Mutter sich an nichts mehr erinnern will, selbst der Name der Familie scheint ihr entfallen. Die Tochter fischt verzweifelt im Trüben.Mehr und mehr gerät die Leserin in den Sog des komplizierten Innenlebens der Protagonistin. Die soziale Aufsteigerin ist in einer unseligen Melange aus Unsicherheit, Komplexen und Selbstzweifeln gefangen. Voller Widersprüche ist etwa ihr Verhältnis zu Sharon. Me Susane vertritt die junge Frau aus Mauritius mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus nicht nur als Anwältin, sondern beschäftigt sie aus sozialer Fürsorge auch noch für gutes Geld als Putzfrau. Sie bewundert Sharon und verdächtigt sie gleichzeitig, sie eigentlich zu verachten. Auch unterstellt sie ihr, in keiner Weise zur Klärung ihres Aufenthaltsstatus beizutragen. Mit fortschreitender Handlung wird immer klarer, dass in dieser Geschichte vielleicht weniger die lieben Mitmenschen das Problem sind, als vielmehr Me Susane selbst. Diese Erkenntnis ist für die Leserin höchst ungemütlich. Ihr wird regelrecht der Boden unter den Füßen weggezogen. Woran kann man sich hier noch halten? Welche Wahrheit, welche Erinnerung gilt? Ist der Protagonistin überhaupt zu trauen oder ist alles nur ein Wahngebilde? Die Zweifel jedenfalls wachsen und – so viel sei immerhin verraten – die Autorin trägt wenig zu unserer Erlösung bei.

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