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Neues von Starautorin Ljudmila Ulitzkaja

Starke Frauen im Fokus

Münster.

Ludmila Ulitzkaja zählt zu den bekanntesten Gegenwartsautorinnen Russlands. Für ihr literarisches Schaffen hat sie bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten. Sogar für den Literaturnobelpreis war sie nominiert. Jetzt ist ihr neuer Erzählband beim Hanser Verlag erschienen.

Von Margaux de Poortere

Foto: Verlag

Seit mehreren Wochen herrscht in der Ukraine nun Krieg – ein Leid, welches man sich bis vor Kurzem kaum vorstellen konnte. Seither haben viele Größen der Moskauer Kulturszene das Land verlassen, und damit ein Zeichen gegen Putins drastisches und unbegreifliches Vorgehen gegen die Ukraine gesetzt. Auch die 79-jährige Autorin Ljudmila Ulitzkaja ist seit Kurzem in ihre Berliner Wohnung gezogen. Schließlich stößt ihre seit Jahren bekennende Putin-kritische Haltung im eigenen Heimatland auf weniger begeisterten Zuspruch, wie sie es etwa von der internationalen Literaturszene bisweilen gewohnt ist. Schon vor Jahren sorgte sich Ulitzkaja um Russlands Zukunft, beteiligte sich an Protestaktionen, prangerte Stalinkult und Korruptionsskandale an, verkündete offen und direkt ihre Meinung. „Ich lebe in Russland. Ich schäme mich“, liest sich etwa in ihrem Essayband „Die Kehrseite des Himmels“ hinsichtlich der Annexion der Krim 2015.

Starke Frauen statt politischer Tenor

Überraschend unpolitisch erscheint dahingehend ihr kürzlich erschienener Erzählband „Alissa kauft ihren Tod“, der bereits bekannte Erzählungen mit neuer Lesekost aus „Sechs mal sieben Miniaturen“ vereint. Der Erzählband wurde nun erstmals von Ganna-Maria Braungardt ins Deutsche übersetzt.

Treu bleibt sie hingegen ihrer erzählerischen Vorliebe für weibliche Protagonistinnen, ihren alltäglichen Schicksalen, Beziehungsturbulenzen und national geprägten Eigenheiten, denen sie in diesem Werk vorrangig Erzählbühne bietet. Denn „andere brauche ich nicht“, schreibt die Autorin direkt zu Beginn, liebe sie doch gerade diese „leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen“, zu denen sich die Autorin im Übrigen selbst zählt.

Ernst, grotesk und trotzdem mit viel Humor

So verschieden ihre weiblichen Heldinnen aber auch sein mögen, sie alle eint ein auffallend starkes und selbstbestimmtes Porträt einer gewissen (post-)sowjetischer Mentalität: etwa Alissa aus der titelgebenden Erzählung, die ‚mit absoluter Sicherheit weiß, was sie will und was auf gar keinen Fall‘; der aus Moskau stammenden Lidija, die trotz Schlaganfall ihres gerade erst frisch geangelten Schweizer Mannes das gemeinsame Restaurant in „Züüü-rich“ allein zum Erfolg führt oder die Vielzahl an Protagonistinnen, die ihr Leben nach Trennung von trinksüchtigen oder im Krieg gefallenen Ehemännern autonom selbst in die Hand nehmen, in die Hand nehmen müssen.

Nicht zuletzt klärt sie in diesem Zuge über die sozioökonomische Lage, gerade für Frauen in Russland auf, spickt ihre Beschreibungen immer wieder kunstvoll mit folkloristischen Details und spart auch nicht an dem ein oder anderem russischen Klischee – immer in ihrem bekannt präzisen Schreibstil: mal humorvoll, mal ernst und grotesk, teils sogar ins Makabere abdriftend.

Filmtipp: Mehr zur Autorin

Mehr über das Leben der Autorin gibt es im Übrigen noch bis zum 13. Juni in dem Dokumentarfilm „Berühmt und unbequem. Ljudmila Ulitzkaja“ von Regisseurin Eva Gerberding in der ARTE-Mediathek zu sehen. Neben Einblicken in ihre Biografie liest Mechthild Großmann, bekannt aus dem Münster-„Tatort“, passagenweise aus den Werken und Interviews der Autorin vor.

Ljudmila Ulitzkaja: Alissa kauft ihren Tod. Carl Hanser Verlag, 304 Seiten, 25 Euro.

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