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Literatur-Tipp

Tove Ditlevsens «Gesichter»: Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Berlin (dpa)

Nach dem Erfolg der Kopenhagen-Trilogie kommt mit «Gesichter» ein weiterer Roman der dänischen Schriftstellerin. Er zieht die Leser meisterhaft hinein in den Strudel einer beginnenden Psychose.

Von Renate Grimming, dpa

Cover des Buches «Gesichter» von Tove Ditlevsen. Foto: Aufbau-Verlag/dpa

Ende der 60er Jahre in Kopenhagen. Lise Mundus lebt als erfolgreiche Autorin von Kinderbüchern mit ihrem Mann Gert, ihren drei Kindern und der Hausangestellten Gitte in der dänischen Hauptstadt. Doch nach und nach verstellen ihr reale und imaginierte Gesichter und Stimmen zusehends die Realität.

Immer mehr entgleitet ihr der Alltag ins Groteske. Und Angst ist ihr Begleiter - Angst vor der Untreue ihres Mannes, vor Verlust, aber auch vor dem leeren Blatt Papier.

Mit «Gesichter» bringt der Aufbau-Verlag das vierte Werk der dänischen Journalistin, Schriftstellerin und Lyrikerin Tove Ditlevsen in deutscher Übersetzung (Ursel Allenstein) auf den Markt. In ihrem bislang bekanntesten Roman schildert sie darin minutiös und mit eindringlicher Intensität die beginnende Psychose einer Frau und ihren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

Sukzessive verschwimmen der jungen Frau die Konturen und Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. Fremde Gespräche, die über die Wasserleitung des Hauses an ihr Ohr gelangen, Misstrauen gegen den Ehemann, «vertauschte» Gesichter und Personen - kann sie sich auf ihre Wahrnehmungen noch verlassen? Oder könnte ihr nicht anders herum der Wahn die nötige Sicherheit bieten? Bei ihren Schilderungen greift Ditlevsen auch in diesem Fall auf eigene Erfahrungen zurück - «Gesichter» gilt zumindest als autobiografischer Schlüsselroman.

Seelische Abgründe

Geschickt verwebt Ditlevsen in klarer und prägnanter Sprache die Wahrnehmungsebenen und nimmt so auch ihre Leser mit auf den Weg in die seelischen Abgründe. Bildreiche Schilderungen gleiten immer wieder in surreale Szenen ab. Stets geht es der Hauptfigur - wie auch der Autorin - aber auch um die Kunst und den Literaturbetrieb. Was ist eigene Kunst, was Plagiat? Vordergründig oder auch zwischen den Zeilen thematisiert Ditlevsen stets Fragen nach Kreativität und Authentizität.

In der Psychiatrie wirft eine «bösartige Frau» der Protagonistin Lise etwa Plagiat vor. «Wir haben durchschaut, was du für eine bist. Wenn du ein Buch schreibst, läufst du durch die Gegend und guckst in alle möglichen anderen Bücher, die von Leuten geschrieben wurden, die was davon verstehen. Du klaust aus jedem Buch einen Satz und setzt sie zusammen wie ein Puzzle, und dann redest du den Leuten ein, du hättest alles selbst geschrieben.» «Das ist eine Lüge», schreit Lise außer sich vor Wut.

Die Selbstzweifel am eigenen literarischen Können gehören in Ditlevsens «Gesichter» zu den Grundakkorden. Die Erzählung ist reich gespickt mit literarischen Verweisen. Ob Baudelaire und Rilke oder Hans-Christian Andersen und die Gebrüder Grimm - Verweise, Anspielungen und Zitate eröffnen immer wieder einen doppelten Boden im Geschriebenen. Oder treiben auch die Erzählung voran, wie im Fall des Romans «Lolita» von Vladimir Nabokov.

Autobiografische Erzählungen

Einen kleinen Überraschungserfolg landete der Verlag bereits im vergangenen Jahr mit der Kopenhagen-Trilogie von Ditlevsen, die ursprünglich Ende der 60er Jahre in Dänemark erschien. In «Kindheit», «Jugend» und «Abhängigkeit» zeichnet Ditlevsen ihren Lebensweg in autobiografischen Erzählungen nach.

1917 geboren, wächst sie im ärmlichen Viertel Vesterbro in Kopenhagen als Arbeiterkind auf, entdeckt aber schon frühzeitig ihre Leidenschaft für die Lyrik. Ihr Poesiealbum ist wichtigster Begleiter in der engen, rauen und verarmten Umgebung. Nur von Ferne klingen in ihren Schilderungen das Aufkommen von Faschismus und Weltkrieg an.

Mit 14 Jahren geht sie von der Schule ab, eine weitere Ausbildung können die Eltern nicht finanzieren. Mit 17 verlässt sie ihr Elternhaus und hält sich als Hausangestellte und Bürohilfe über Wasser. Kurz darauf lernt sie den ersten ihrer vier Ehemänner kennen, einen rund 30 Jahre älteren Mann, Schriftsteller und Herausgeber einer Literaturzeitschrift. Im selben Jahr, 1939, veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband.

Hierzulande lange nahezu unbekannt, erhielt Ditlevsen aber auch in ihrem Heimatland wohl zu Unrecht erst spät literarische Anerkennung. 1976 starb sie an einer Überdosis Schlaftabletten.

- Tove Ditlevsen: Gesichter, Aufbau Verlag; Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-351-03938-7.

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