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Wettbewerbsfilme erzählen von kaputten Schlagersängern und lustfreudigen Witwen

Die Bärenjagd als großes „Trotzdem“

Berlin

Die Berlinale lässt Erwartungen aufkommen – an den Aufmarsch von Weltstars, die in schillernden Roben über den roten Teppich flanieren. Sie waren am Wochenende eher rar gesät – doch einige treue Gäste glänzten durch launige wie glamouröse Auftritte.

Von Gian-Philip Andreas

Emma Thompson (gr. Bild) hatte ihren Kollegen Daryl McCormack am Wickel und zeigte sich auf dem roten Teppich wie gewohnt zu Scherzen aufgelegt. Auch Juliette Binoche war zur Berlinale Foto: imago

Ohne Partys, ohne angeregte Foyergespräche, dafür im Eiltempo rumpelt sie dahin, die diesjährige Trotzdem-Berlinale: trotz Corona, trotz des akuten Starmangels. Die Festival­leitung ist bei alldem nicht zu beneiden, denn selbst die Stars, die eigentlich zugesagt hatten, bleiben nun doch fern.

Sigourney Weaver zum Beispiel. Die 72-jährige „Alien“-Legende spielt in „Call Jane“ die Anführerin einer klandestinen Frauengruppe, die 1968 in Chicago heimliche und höchst illegale Abtreibungen organisiert. Auch Hausfrau Joy (Elizabeth Banks) aus der Vorstadt, wendet sich in großer Not an diese Gruppe namens „Jane“ – und wird bald selbst zu deren Mitglied.

„Call Jane” ist ein ­solide gebauter In­dependent-Film mit Sixties-Kolorit, dezent kauzigem Humor und klassischer Empowerment-Botschaft, zudem die einzige US-Produktion, die dieses Jahr um den Goldenen Bären konkurriert. Das ist fast ein Minusrekord, aber natürlich keine Katastrophe, wenn denn der Rest des in alle Welt ausgreifenden Wett­bewerbsprogramms hält, was er verspricht.

Einer der ersten Besuche auf dieser Kinoreise führte ins italienischen „Rimini“. Die Bettenburg an der Adria ist Schauplatz des gleich­namigen neuen Films von

Ulrich Seidl, eine verlässlich un­bequeme Abgrunderkundung vom Rand des Bürgertums. Diesmal exerziert der österreichische Publikumsschreck das am Beispiel eines abgehalfterten Schlagersängers durch (ein Ereignis: Michael Thomas), der sich in der Wintersaison mit Playback-Konzerten vor apathischen Seniorinnen über Wasser zu halten versucht.

Die Szenen im windig-nebligen Badeort werden durch beklemmende Szenen aus einem Sterbehospiz gespiegelt, in denen der (nach Drehschluss gestorbene) Hans-Michael Rehberg als Vater des Sängers vor sich hinvegetiert. Ein intensiver Film, nachdem man sich ­jedoch erst mal gründlich duschen will.

In einem verschneiten Tal der Romandie erzählt Ursula Meier („Winterdieb“) derweil in „Die Linie“ von einer jungen Frau, die sich ihrer Mutter (überspannt: Valeria Bruni Tedeschi) nach einer At­tacke nur noch auf hundert Meter nähern darf. Kein vollends überzeugendes Drama leider, mit Sänger Benjamin Biolay in einer mürrischen Nebenrolle.

Überzeugend dagegen der neue Film von Claire Denis: Im überraschend schonungslosen Ehedrama „Both Sides of the Blade“ steht ­Juliette Binoche im Zentrum eines toxischen Liebes­dreiecks. Binoche ist ein Berlinale-Dauergast, und auch in diesem Jahr kam sie natürlich vorbei.

Abseits des Wettbewerbs gab es sogar was zu lachen: Emma Thompson, bekanntlich mit einem begnadeten komischen Timing ausgestattet, trifft sich im Hotelkammerspiel „Good Luck, Leo Grande“ mit einem Callboy, um sich nach dem Tod ihres lieblosen Ehemanns endlich so etwas wie sexuelle Erfüllung abzuholen. Ein sympathischer Mix aus Therapiekomödie und „Pretty Woman“, den Thompson in Berlin auch persönlich vorstellte. Es gibt sie also doch noch: Weltstars auf der Ber­linale.

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