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Ist Asmik Grigorian die Nachfolgerin Anna Netrebkos?

Die beiden Sopran-Rivalinnen

Bayreuth / Salzburg

Anna Netrebko ist der unbestrittene Superstar der Oper. Kann Asmik Grigorian ihr den Rang als meistgefeierte Sopranistin streitig machen? Beide treten in diesem Jahr in Salzburg auf.

Von Harald Suerland

Als Violetta in „La Traviata“ festigte Anna Netrebko ihren Weltruhm.  Foto: Rudi Gigler/imago

Vor zwei Jahren, als die Welt der großen Festivals noch in Ordnung war, blickten selbst Wagner-Abstinenzler gespannt nach Bayreuth: Wie würde das werden mit der berühmtesten Diva unserer Zeit? Anna Netrebko sollte im „Lohengrin“ auftreten, was sie ja schon in Dresden erprobt hatte. Doch dann sagte sie ab: Erschöpfung, lautete eine Begründung der gebürtigen Russin. Zuvor hatte sie aber auch gesagt: „Ich kann keinen deutschen Text memorieren.“ In Dresden half angeblich ein Teleprompter.

Vor einer anderen Herausforderung der deutschen Sprache, der „schnellen Artikulation der Konsonanten“ bei Wagner, hat auch die zehn Jahre jüngere Asmik Grigorian Respekt, wie sie in einem – deutsch-englisch geführten – Interview auf dem Grünen Hügel verriet. Doch die Sängerin aus Litauen stellte sich dem kritischen Ohr des Publikums: Sie singt in dieser Saison die Senta im „Fliegenden Holländer“ und erntet Ovationen.

Seit Asmik Grigorian in Salzburg „Salome“ sang, schaut die Opernwelt auf sie. Foto: Salzburger Festspiele 

Vermeintliche Sänger-Duelle haben das Publikum schon immer fasziniert, sei es die Rivalität zwischen der Dramatik von Maria Callas und der Engelsstimme von Renata Tebaldi, sei es der imaginäre Wettbewerb zwischen dem „König des hohen C“ Luciano Pavarotti und Placido Domingo mit seinem baritonalen Schmelz. Und jetzt wird Anna Netrebko womöglich von Asmik Grigorian verdrängt?

So ganz stimmt das natürlich nicht. Die beiden Sopranistinnen haben etwas gemeinsam: Ihren Durchbruch zum großen Ruhm feierten sie bei den Salzburger Festspielen. An Netrebkos Triumph mit „La Traviata“ im Jahr 2005 hat kürzlich erst ein Dokumentarfilm erinnert. Damals war sie bereits ein Star, nachdem sie wenige Jahre zuvor in Mozarts „Don Giovanni“ alle Welt fasziniert hatte. Seither teilten sich Feuilletons und Klatschspalten die Berichterstattung über Anna Netrebkos künstlerisches und privates Leben mit Heirat und Babyglück. Immerhin: Jener berühmte „Abstieg in den Ruhm“, von dem ein Callas-Kenner schrieb, blieb ihr insofern erspart, als ihre Leistungen solche Episoden wie die Absage in Bayreuth überstrahlen.

Bei Asmik Grigorian liegt der Fall etwas anders. Denn ihr Durchbruch vollzog sich nicht mit dem virtuosen Koloraturgeglitzer einer 30-jährigen Sängerin, sondern mit dem jugendlich-dramatischen Feuer in der Salome-Partie, die sie im Alter von 37 Jahren bei den Festspielen präsentierte. Grigorian hatte zu diesem Zeitpunkt – im Jahr 2018 – bereits an vielen europäischen Häusern gesungen, etwa an der Komischen Oper Berlin oder dem Theater an der Wien. Die zweifache Mutter war also Kennern der Szene bekannt, aber durchaus kein Superstar, als sie in der Richard-Strauss-Oper ähnlich spektakulär abräumte wie jetzt auf dem Bayreuther Hügel. In beiden Fällen fügte sich zum begeisternden Gesang noch die schauspielerische Gestaltung: Grigorian verkörperte auch optisch überzeugend die Rollen selbstbewusst-eigenwilliger junger Frauen. Die Zuschauer waren aus dem Häuschen.

Im Gegensatz zu Anna Netrebko ist Asmik Grigorian auf dem CD-Markt allerdings nicht präsent, auf DVD und BluRay sind vor allem ihre Salzburger „Salome“ und die Nachfolgeproduktion, Strauss’ „Elektra“ mit Grigorian als Chrysothemis, verfügbar. Kein Vergleich also mit Anna Netrebko, die auch auf diesem Feld zu den Topstars der Klassik zählt. Folgerichtig gibt es auch kaum Klatsch und Tratsch von und über Asmik Grigorian. Nicht einmal ihre Absage für ein Konzert in dieser Woche hat Aufsehen erregt, was wohl an der Begründung liegt. Die Nachricht aus Salzburg lautete: Der für den 9. August geplante Liederabend mit Asmik Grigorian und Markus Hinterhäuser werde um ein Jahr verschoben, weil „die Umstände der letzten Monate mit Reisebeschränkungen, Lockdowns und Projektverschiebungen“ keine gute Vorbereitung zugelassen hätten.

Ihre Rolle in der „Elek­tra“-Produktion wird Grigorian aber nach jetzigem Stand singen (ab 18. August). Sie trifft dann bei den Festspielen auf Anna Netrebko, die ab 21. August als Puccinis „Tosca“ auftreten soll. Just diese Netrebko wurde soeben für ihren Gesang in Verona gerühmt: Sie sei „auf dem Zenit ihrer stimmlichen Fähigkeiten“, so die FAZ: „Ihr reifer, runder und abgedunkelter Sopran flackert mit aller nötigen dramatischen Intensität.“

Eines aber geht manchem Netrebko-Fan auf die Nerven: Dass sie kaum mehr ohne ihren Tenor-Lebensgefährten Yusif Eyvazov auftritt. Und der gilt nicht unbedingt als erstklassig. Asmik Grigorian hingegen ist mit einem Regisseur verheiratet.

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