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Leidenschaft für die „Tragische“

Die Berliner Philharmoniker in Essen

Essen

Eine Viertelstunde lang hat das Orchester keine Themen oder Melodien von sich gegeben, sondern nur Klänge, vielschichtig geheimnisvoll schillernde Riesenakkorde. Nun werden sie immer leiser, nur noch die bewegte Luft in den Instrumenten scheint hörbar zu sein – und dann schält sich aus der spannungsvollen Stille ganz zart der silbrige Klangschimmer des „Lohengrin“-Vorspiels heraus: ein magischer Moment.

unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland

Simon Rattle am Sonntag in Essen. Foto: Sven Lorenz

Um den zu gestalten, braucht ein Dirigent schon die Kultur eines Elite-Orchesters – Sir Simon Rattle hat die Berliner Philharmoniker. Sie ließen György Ligetis „Atmosphères“ beim Abschlusskonzert ihrer Ruhr-Residenz in das Wagner-Vorspiel übergehen. Schon für diese rund halbe Stunde Musik hätte sich die Anreise zur Essener Philharmonie gelohnt.

Aber natürlich brachten Rattle und seine Berliner, wie schon zwei Tage zuvor in Dortmund, auch eine Mahler-Sinfonie mit, die sich besonders gut für den Aufführungsort eignet. In Dortmund war’s die „kleine“ Vierte, im großen Essener Saal die wuchtige sechste Sinfonie, die ja einst in der Ruhrgebietsmetropole uraufgeführt worden ist.

Rattle investierte eine Leidenschaft in seine Interpretation, die man nach dem Dortmunder Konzert nicht unbedingt erwartet hätte, und die Berliner zogen hingebungsvoll mit. Das war kein sachlich-distanziertes Musizieren: Wenn sich aus den wuchtigen Marschklängen der „Tragischen“ das „Alma“-Thema erhob, durfte es sogar ein bisschen wie Filmmusik klingen, und der langsame Satz bot geradezu ekstatische Steigerungen. Dass Rattle ihn an die zweite Stelle setzte (wie es Fabrizio Ventura auch in Münster getan hat), mochte irritieren – allerdings wurde diese Wahl anschließend mit dem direkten Übergang vom Scherzo zum Finale gerechtfertigt. Dessen schmerzhafte Hammerschläge und hart akzentuierte Akkordballungen machten endgültig klar: Hier ging es den Musikern ums Ganze, da fielen auch kleinere Unsauberkeiten nicht ins Gewicht. Ein starker Abschluss der „Ruhr-Residenz“.

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