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„Harold and Maude“ im Borchert-Theater Münster

Die Weisheit der betagten Dame

Münster

Ein Klassiker: Harold und Maud. Der Kultfilm von 1971 ist längst auch ein Bühnenstück. Im Borchert-Theater in Münster ist es jetzt zu sehen. Ein Premierenbericht.

unseremRedaktionsmitgliedJohannes Loy

Der traurig-morbide Harold (Johannes Langer) und die lebenslustige Maude (Monika Hess-Zanger) kommen sich näher. Harold taut allmählich auf. Foto: Silvia Drobny

Man mag sich fragen, wer dieser junge Mann Harold wohl heute wäre: Ein Nerd im Kellerloch, der Ballerspiele spielt? Ein teigiges Muttersöhnchen im Block eines Ultra-Fanclubs? Der Harold in dem Filmklassiker „Harold and Maud“ (Drehbuch: Colin Higgins) aus dem Jahre 1971 war eher ein bemitleidenswerter Spätpubertierender, der die Aufmerksamkeit seiner ebenso hysterischen wie narzisstischen Mutter zu wecken sucht. So kommt dieser Harold auch in der aktuellen Theaterfassung und in der Bühneninszenierung von Kathrin Sievers im Wolfgang-Borchert-Theater in Münster über die Bühne. Das Publikum nimmt diesem blassen, apathischen jungen Mann, den Johannes Langer rollengerecht verkörpert, ab, dass er unter Leidensdruck steht.

Dieser äußert sich im ersten Teil des Abends in den bekannten abstrusen Selbstmord-Inszenierungen. Harold hängt am Strick, schaut als „abgesägter Kopf“ unter einer Speiseglocke hervor, zündet sich im Sarg mit Benzin an und setzt sich unter Strom. Aufmerksamkeit begehrt er, doch die Mutter hat sich an die seltsamen Signale des Sprösslings längst gewöhnt. Nur die Gäste, die ins Haus kommen, der Doktor und die Damen, mit denen Mutter den Nesthocker per Netz-Dating verkuppeln will, springen noch auf die Schreckensszenarien Harolds an.

Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, seinem Unterhaltungsbedürfnis im ersten Teil des Abends zu frönen und im zweiten etwas mehr nachzudenken. Dem Spaßbedürfnis kommt im bewusst überdrehten, aber dadurch nicht unbedingt besseren Spiel die Tatsache zugute, dass Heiko Grosche nicht nur den Nervenarzt, sondern, wie in einer verdichteten Travestie-Schau, auch die herbeizitierten Frauen verkörpert. Diese Schreckschrauben erzeugen erwartungsgemäß Brüller im Publikum. Florian Bender legt als Mrs. Chasen zusätzlich alle möglichen Frau- und-Mutter-Klischees in seine Figur und absolviert einen erstaunlichen Kostümmarathon. So schafft er es auch, binnen Sekunden hinter dem Sofa in die Kluft des Paters Finnigan zu schlüpfen und wieder zurück in die Schale der Mutter.

Aber der überzeugendere, tiefgängigere und stillere Teil des Abends beginnt nach der Pause. Denn Maude (wie immer höchst präsent: Monika Hess-Zanger), die betagte Dame mit der wunderbar optimistischen Lebenseinstellung, liefert in dieser zunächst schwarzhumorigen, dann aber mehr und mehr tragikomischen Thematik die intensivsten Szenen. Wenn sie Harold, den sie passenderweise auf dem Friedhof (wo sie einen Baum vom „Hansaring“ pflanzen wollte!) kennengelernt hat, die schönen Seite des Lebens zeigt, ihren mit allerlei lustigen Gimmicks (Dufterzeuger, Futterschleuder für Singvögel) ausgestatten Baum (Bühne und Kostüme: Annette Wolf) ausprobiert und mit ihrem jungen Freund die Atmosphäre des Waldes erspürt, dann entstehen intime Momente. Augenblicke der Nähe, der Liebe. Das 1971 virulente Tabu-Thema Altersunterschied fällt da heute eigentlich kaum noch ins Gewicht.

Am Ende gibt es langen, herzlichen Applaus für alle Akteure.

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