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Droste-Tage auf Burg Hülshoff

Durch den Zeittunnel der Gegenwart geschleust

Havixbeck

Die Prophetin radikaler Empfindsamkeit und Naturekstase und der Sprengmeister der Metaphysik: Vielleicht hätten sich Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951) gut verstanden, fühlten sie sich doch von Gegenpositionen magisch angezogen.

unseremMitarbeiterGünter Moseler

Im Arena-Ambiente der Stallungen präsentierte das integrative „Volx-theater“ die Performance „Irgendwo fällt ein Stein“. Foto: Lennart Lofink

Zur Eröffnung der Droste-Tage 2018 feuerten drei Eröffnungsreden generelle Global-Positionen ab. Der Vortrag von Peter Waterhouse über Lust und Leid der Übersetzungstätigkeit glich der Gondelfahrt über einen imaginären Canal Grande luxuriösen Literatur-, Sprach- und Weltwissens. Die Schriftstellerin Kübra Gümüşay intonierte apodiktische Fanfarenstöße: „Sprache kann Wirklichkeit zum Gefängnis machen – oder unendlich weit.“ Und Jörg Albrecht, der neue Geschäftsführer der Annette-von-Droste-zu-Hülshoff-Stiftung, zog gegen die „Diskriminierungspraxis“ eskalierender Netzwelten zu Felde und schwärmte von Literatur als „gelebter realistischer Fiktion“. Albrecht ist zugleich Gründungsdirektor des „Center for Literature“: Burg Hülshoff soll in Zukunft als Laboratorium für künstlerische und soziale Prozesse gelten: Drostes Rückzugskastell als Kulturherzmitte.

„Die Burg muss voller Wärme sein“, beschwor Al-brecht, während hinter ihm ein flatternder Goldvorhang die glitzernde Grenze zwischen Varieté und Wagnis suggerierte. „Come Cross Me“ lautete das Motto der „Droste-Tage“: „Komm mir nahe“ – Grenzüberschreitung als ultima ratio.

Die Theater-Performance „Irgendwo fällt ein Stein“ des inklusiven „Volxtheaters“ der Theaterwerkstatt Bethel im Arena-Ambiente der Stallungen scheuchte irrlichternde Gestalten über den Bühnensand, provozierte mittels wüster Zitaten-Rundumschläge theatralische Krisen und Antikrisen. Zwei Musiker lieferten den Soundtrack ungefährer Bedrohlichkeiten.

Sven Stratmann ließ in seiner Videoinstallation „Trans Castle“ die Rückfront des Herrenhauses wie in einer Meeresströmung dahingleiten oder von Kletterpflanzen überwuchern, als versiegelten sie die Gemächer der Droste in ihrem Dornröschenschlaf. Manchmal leuchteten Fenster auf, vielleicht aufgeschreckt in Vorahnung des Ramba-Zamba-Sounds der Combo „The Dorf“ mit Saxofonist Jan Klare.

Die deutsch-niederländische Coproduktion „Across the borders“ in der Burgkapelle präsentierte „Poesiefilme“ als visualisierte Reflexionen auf Gedichte, die sowohl live vortragen wurden als auch integraler Bestandteil des Films sein konnten. So entstanden zwei Geschichten, die ihrerseits den Endlosschatten zukünftiger Narrative vorauswarfen. Auch die unsterbliche Droste wurde durch den Zeittunnel der Gegenwart geschleust: In den „Droste Lectures“ „performten“ Liat Fassberg, Barbara Köhler und Tilman Rammstedt diverse Texte der Dichterin – denn das Beste an der Vergangenheit ist immer modern!

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