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Salzburger Festspiele mit „Jedermann“ Lars Eidinger eröffnet

Eine Gesellschaft gerät aus den Fugen

Salzburg

Mit einer „Jedermann“-Neuinszenierung haben die Salzburger Festspiele begonnen. Die Reaktionen auf das von Michael Sturminger provokant in Szene gesetzte Spiel einer morbiden Gesellschaft sind geteilt. Aber Lars Eidinger als Jedermann und Edith Clever als Tod überstrahlen es.

Von Johannes Loy

Jedermann (Lars Eidinger) klammert sich an seine Buhlschaft (Verena Altenberger). Foto: imago images/Future Image

Auch am Alpenrand schüttete es am Wochenende bedrohlich aus Kübeln. Fast schon erwartungsgemäß musste also der „Jedermann“ zur Premiere und zur Eröffnung der Salzburger Festspiele wieder einmal vom Domplatz ins Große Festspielhaus ausweichen. Um kurz nach 23 Uhr am Samstagabend schloss der erst schwarz, dann am Ende in einer Art Katharsis weiß gewandete Tod, dargestellt von der großartigen Edith Clever, den sanft entschlafenen „Jedermann“, den jetzt der Berliner Schauspielstar Lars Eidinger verkörpert, in die Arme. Das Schlussbild erinnerte nicht von ungefähr an eine Pietà.

Was die über 2000 Zuschauer mit und ohne Maske zuvor erlebten, glich einer emotionalen Achterbahnfahrt. Hier ein Befremden, dort ein beklommenes Schweigen, dann aber auch nachdenkliches Staunen über eine provokante Neudeutung des alten Stoffes vom Sterben des reichen Mannes. Regisseur Michael Sturminger liefert, zumal er das Ensemble völlig durcheinanderwirbelte und teilweise spektakulär neu besetzte, eine Neuinszenierung. Ob diese sich trotz des zehnminütigen Schlussbeifalls länger behaupten kann oder solitäres Produkt der Salzburger Jubelfeiern bleibt, wird sich weisen.

Die rund 120 Minuten Spielzeit sind klar auf Lars Eidinger zugeschnitten, der klar und verständlich deklamiert, und, wie gewohnt, mit großem Körpereinsatz auf der Bühne unterwegs ist. Er wählte sich unter anderem einen Fatsuit als Kostüm, was ihn nicht gerade aufhübscht, aber den reichen Mann um so abstoßender zur Geltung bringt.

Später wird der schlaksige Schauspieler dann nur noch in roten Shorts zu sehen sein, getrieben, gehetzt, angstbesetzt. Ein psychisches Wrack, das so gar nicht mehr an den virilen Managertypen erinnert, dem Tobias Moretti in den vergangenen Jahren Leben einhauchte.

Die Bühne bleibt abstrakt und unwirtlich. Die Anfangsidee, den Jedermann mit dem Schuldknecht in ein slapstickartiges Boxduell zu verwickeln, verpufft als schwacher Gag. Im zweiten Teil wird das Spiel stärker. Sturminger setzt hier im Wortsinn auf das Dialogische. Jedermann klammert sich in Todesnot an seine tänzerische Buhlschaft (Verena Altenberger), er zerrt an seinem guten Gesell (Sonderapplaus: Anton Spieker), der Mammon (Mirco Kreibich, zugleich Schuldknecht) ringt mit ihm, streut Münzen und setzt ihm einen Eisenkübel auf den Kopf.

Sturminger und die Ausstatter Renate Martin und Andreas Donhauser haben die morbide Feiergesellschaft mit genderfluiden Kostümen ausgestattet, die dem aktuellen Neutralisierungstrend huldigen, ihn aber eigentlich mehr karikieren. Denn die Figuren mit abenteuerlichen Perücken und flatternden Fummeln wirken wie aus einer anderen Welt und sind kaum noch voneinander zu unterscheiden. Ja wirklich, so wird mancher denken, diese seltsame Sippschaft hier befindet sich auf dem absteigenden Ast.

Angela Winkler bleibt als Jedermanns Mutter ohne Konturen, Edith Clever spielt einen kühlen, gleichwohl bedrohlichen Tod. Mavie Hörbiger, anfangs eine seltsame weiße Gottfigur, liefert am Ende eher ein harmlos kicherndes Teufelchen als einen bedrohlichen Teufel. Das Ensemble 021 grundiert das bewegungsreiche Spiel mit Klängen und Gesängen zwischen Choral und ab­straktem Tongewirr.

Hier und da nimmt man im Publikum Kopfschütteln wahr, am Ende überstrahlt Lars Eidinger in seiner Bühnenpräsenz das mysteriöse Treiben und heimst viel Applaus ein. An einer Stelle übrigens hat der Berliner auch einen sozialkritischen Brecht-Text (aus: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“) über die aus den Fugen geratene Gesellschaft als „Schaukelbrett“ eingeflochten. Tiefsinnig!

Mal schauen, wie das mit Lars Eidinger und dem Jedermann in Salzburg so weitergeht.

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