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TV-Tipp

20 Jahre Lindholm-«Tatort»: Starke Frauen und Hochspannung

Göttingen (dpa)

Charlotte Lindholm ist seit 20 Jahren im Dienst. In ihrem Jubiläums-«Tatort» geht es düster und hochspannend zu. Und es ist ein «Tatort» mit Gesprächsstoff über heikle Themen.

Von dpa

Charlotte Lindholm (l, Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) ermitteln wieder. Foto: Christine Schroeder/NDR/dpa

Ein gruseliger Mann mit einem Wikinger-Dolch bedrängt eine eingeschüchterte dunkelhaarige Frau an einer einsamen Bushaltestelle. In der nächsten Szene findet ein Spaziergänger eine blonde Joggerin tot im Wald, nachdem ein junger Radfahrer auf verdächtige Art davongedüst war. Hängen beide Fälle zusammen und haben den gleichen Triebtäter?

Die Kommissarin Charlotte Lindholm und ihre Kollegin Anais Schmitz (Maria Furtwängler und Florence Kasumba) machen die sexuellen Übergriffe auf junge Frauen ratlos. Der Mann mit dem Dolch hatte bislang vergewaltigt und noch nie gemordet.

Das 20. Dienstjubiläum der niedersächsischen NDR-Ermittlerin Lindholm (im April 2002 lief einst der erste Fall) fällt mit dem insgesamt 1212. «Tatort» - Titel: «Die Rache an der Welt» - diesen Sonntag (20.15 Uhr im Ersten) eher düster und nachdenklich aus.

Das tote und vergewaltigte Mädchen, Mira, hat Flüchtlingen Deutsch beigebracht, sich für sie eingesetzt und war mit einigen befreundet. Hat ihr Peiniger auch schon in Italien vergewaltigt und getötet? War es ein Flüchtling oder «der Wikinger»?

Den Ermittlerinnen läuft die Zeit davon

Lindholm will für mehr Aufschlüsse die in Deutschland verbotene Herkunftsanalyse der Täter-DNA in den Niederlanden in Auftrag geben. Doch Schmitz ist gegen die Analyse der Vorfahren, weil sie in einer Welt voller verschiedener Kulturen kaum aussagekräftig sein könne.

«Solche Ergebnisse bekommt man, wenn seit tausend Jahren fünf Familien miteinander Kinder zeugen. Wir sind hier in einer Universitätsstadt», sagt Schmitz resolut dazu.

Lindholm sucht unterdessen in Miras Umkreis, also in einer Gruppe mit Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern, nach Spuren. Der sogenannte Wikinger sucht in der Zeit in Göttingen weiter nach neuen Opfern. Den Ermittlerinnen läuft die Zeit davon. Da hilft es nicht wirklich, dass sie verschiedene Theorien haben und verfolgen. Oder doch?

Fremde Kulturkreise, Vorurteile, Gewalt gegen Frauen, Rassismus, Diskriminierung von Flüchtlingen, die Grenze zwischen natürlicher Abneigung gegen einen Menschen und der Ablehnung seiner Herkunft wegen - der Göttinger «Tatort» fasst gesellschaftlich schwierige Themen an und lässt viele Seiten und Zweifel zu Wort kommen.

Das tut er mit Fingerspitzengefühl und mit Offenheit für andere Gedanken. Gleichzeitig lässt er viele Möglichkeiten zu und das macht ihn bis zum Schluss spannend und lässt die Zuschauer mitfiebern.

Furtwängler ist davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, sich mit dem Thema Flucht und Geflüchtete auseinanderzusetzen. «Weil es nicht nur ein Thema ist, das uns 2015 sehr beschäftigt hat und jetzt auch mit den eine Million Flüchtlingen aus der Ukraine. Sondern wir werden durch die Klimaflüchtlinge einen enormen Druck erleben von Menschen, die in unser Land kommen werden und wir tun auf jeden Fall gut daran, eine gewisse gute Willkommenskultur zu pflegen», sagt die 56-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Der «Tatort» wage sich an ein heikles Thema und beleuchte dabei selbstverständlich nur einen kleinen Teil, der mit Migration zu tun habe. «Es wäre fatal, wenn ein "Tatort" so täte, als wäre das Problem von Gewalt gegen Frauen durch Geflüchtete in unser Land gekommen. Davon sind wir wahrlich weit entfernt», sagt Furtwängler.

Das Ermittler-Duo Lindholm/Schmitz bleibt bei der Suche nach dem Täter bei aller Meinungsverschiedenheit gewohnt professionell. Furtwängler: «Ich bin froh, dass wir da so ein starkes, diverses Team sind. Und divers nicht nur von der Hautfarbe, sondern auch charakterlich. Es hat auf jeden Fall eine spannende Reibungsfläche.»

Furtwängler kann in diesem Jahr als Lindholm 20. Dienstjubiläum feiern. Damals war es ein Rollenangebot, das unerwartet kam. «Ich habe immer davon geträumt, mal in einem "Tatort" mitspielen zu dürfen. Und das kam irgendwie nicht zustande und ich war schon ganz unglücklich.» Als der Anruf mit dem Rollenangebot für die «Tatort»-Kommissarin kam, sei sie «echt halb vom Stuhl gefallen». «Das war für mich eine unglaubliche Auszeichnung und ein unglaubliches Glück, diese Chance zu bekommen. Das hat natürlich meiner Karriere damals eine ganz andere Sichtbarkeit und Wendung gegeben.»

Starke Frauen, die sich Schwächen erlauben

Dass sie mehr als 20 Jahre dabei bleiben würde, hätte sie damals nicht gedacht, sagt sie. Wenn es nach ihr gehe, dürfe es gern so weitergehen. «Ich freue mich auf die Fälle, die noch kommen. Weil ich Charlotte gerne mag. Ich spiele die gern. Ich spiele überhaupt gern. Und lasse mich gerne einmal im Jahr von ihr an die Hand nehmen und freue mich natürlich auch, wenn wir Themen setzen können, die mir wichtig sind oder die schauspielerisch herausfordernd und besonders sind.»

Auch der neue «Tatort» ist wieder einer, der zu den vergangenen 20 Jahren der Lindholm-Fälle passt. Es ist ein Sonntagskrimi mit starken Frauen, die sich auch Schwächen erlauben. Und mit Themen, die gesprächswertig sind und zum Nachdenken anregen.

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