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TV-Tipp

Ein harter Film über unsere Polizei: «Am Ende der Worte»

Hamburg (dpa)

Rund 340 000 Polizistinnen und Polizisten sorgen auf Deutschlands Straßen für Ordnung. Dennoch wissen wir von ihrem Alltag nicht viel. Ein Spielfilm zeigt, wie Beamte an unserer Gesellschaft kaputtgehen.

Von Christof Bock, dpa

Laura (Lisa Vicari), Lupus (Ludwig Trepte, M) und Igor (Pascal Houdus) müssen beim Chef antreten. Foto: Alena Sternberg/NDR/dpa

Die junge Polizistin Laura (Lisa Vicari) erzählt am heimischen Kaffeetisch so wenig wie möglich von ihrer Arbeit. Sie erzählt nichts von der ermordeten Frau, die sie in deren Wohnzimmer am Boden gefunden hat. Nichts von dem Täter und Ehemann, der sich ein Stockwerk höher erhängt hat. Nichts von dem Hass, der ihr und ihrem Team auf Hamburgs Straßen entgegenschlägt.

Irgendwann presst sie es heraus: «Also, wir machen halt viel so Fußballspiele, Demos. Manchmal sitzen wir auch nur tagelang herum und warten. Und dann im Einsatz ist es natürlich mal schwierig, je nach Klientel. Manchmal warten sie auch nur, dass es abgeht, dass sie ihre Aggressionen an uns auslassen können. Gewaltfähigkeit, das war das erste, was ich lernen musste. Die Leute haben einfach keinen Respekt mehr vor der Polizei.»

Das Drama «Am Ende der Worte» von Regisseurin Nina Vukovic zeigt in teils drastischen Bildern, wie junge Polizisten in der zerrissenen deutschen Gesellschaft an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen. Am Dienstag um 22.00 Uhr läuft es im NDR-Regionalfernsehen. Dieser versteckte Sendeplatz ist zu bedauern. Dafür ist der Film für den 3satPublikumspreis im Rennen, das Aushängeschild für Top-Fernsehen.

Zu Recht. Seit der Tragödie «Die Hoffnung stirbt zuletzt», in der Anneke Kim Sarnau 2002 eine grandiose Darbietung als Streifenbeamtin in einer Mobbinghölle ablieferte, gab es wohl kaum einen so harten Film über den Polizeialltag im Fernsehen. Und das ist 20 Jahre her. Obwohl rund 340 000 Menschen bei der Polizei in Deutschland Dienst tun, wird ihr Bild von ein paar Dutzend neurotischen TV-Ermittlerfiguren geprägt.

Die famose Lisa Vicari («Isi & Ossi») ist da anders. Sie ist in jeder Szene zu sehen und zerbricht als Laura vor den Augen des TV-Publikums nach und nach an den Extremen, die sie bei Hamburgs Bereitschaftspolizei erlebt. An der gähnenden Langeweile in der Kaserne, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen mit Alkoholexzessen und seltsamen Ritualen verdrängen wollen. An der Brutalität, die von einer Sekunde auf die andere ohne jede Vorwarnung ausbricht. Mit ihrem Kollegen Lupus (herrlich fies: Ludwig Trepte) verbindet sie erst eine Affäre, dann nur Hass. Als Laura im Dienst ein verheerender Fehler passiert, gerät sie in eine Spirale zwischen Schuldgefühlen und Korpsgeist. Schon bald wird sie selbst zur Mittäterin bei einem Verbrechen.

Drehbuchautorin Lena Fakler und Regisseurin Vukovic machen die Gefahren von Machtmissbrauch und exzessiver, willkürlicher Gewalt zum Thema. Es gehe oft darum, zu entscheiden, «wann und wie der Einsatz von Gewalt gerechtfertigt ist, manchmal binnen weniger Sekunden», schildert Vukovic auf der Webseite der Firma Klinkerfilm. «Der Leerlauf, das streng definierte Innen und Außen dieser Einsatztruppe und die unmittelbare Gefahrensituation, die aus den banalsten Momenten urplötzlich umschlägt in Lebensgefahr – all das sind die faszinierenden Momente, die mich an der Geschichte gereizt haben.»

Symbolisch ist das Nachttischfoto von zu Hause, das Laura bei sich aufstellt. Ihr später dement gewordener Vater steht stolz in seiner moosgrünen 90er-Jahre-Polizeiuniform, vor sich Laura als Kind mit rausgestreckter Zunge. Ein Bild aus besseren Zeiten, dessen Glas bald in Scherben springt. Was hat sie mit seiner Dienstwaffe vor?

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