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Interview mit „In aller Freundschaft“-Schauspieler

Udo Schenk: „Auf die Dosis kommt es an“

Berlin

Udo Schenk kennnen viele als Dr. Rolf Kaminski in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“. Wir sprachen mit dem Schauspieler nicht nur über seine aktuelle künstlerische Arbeit, sondern auch über Herkunft, Heimat und seine Sicht auf die jüngere deutsch-deutsche Geschichte.

Von Johannes Loy

Udo Schenk hat ungezählte Rollen in Theater, Film und Fernsehen gespielt. In der Rolle des Urologen Dr. Kaminski in der „Sachsenklinik“ genießt er seit Jahren besondere Popularität. Foto: Rudolf Wernicke

Udo Schenk zählt zu den populärsten Schauspielern und Synchronsprechern in Deutschland. Schenk, der aus Wittenberge an der Elbe stammt und in Leipzig zum Schauspieler ausgebildet wurde, ist als Darsteller in Film und Fernsehen bekannt, zuletzt vor allem durch seine Rolle als Dr. Rolf Kaminski in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“. Seine markante Stimme erklingt in Synchronisationen der US-Schauspieler Ray Liotta und Kevin Bacon sowie der britischen Filmstars Ralph ­Fiennes und Gary Oldman.

Guten Tag, Herr Schenk, mit welcher künstlerischen Arbeit sind Sie gerade beschäftigt?

Udo Schenk: Aktuell arbeite ich an der Synchronisation der Polizei-Serie „City on a Hill“ mit Kevin Bacon. Wir haben vor drei Jahren begonnen, jetzt sind wir in der dritten Staffel. Ich bin ja nun 69 Jahre, also seit vier Jahren Rentner, und versuche mit wenig Erfolg, die Arbeit zu reduzieren, damit ich für die Familie und mich mehr Zeit habe. Ich habe also das Synchronisieren auf die oben genannten Akteure, von denen Ray Liotta leider kürzlich gestorben ist, reduziert.

Ihre Wurzeln liegen in Wittenberge an der Elbe, wo Sie auch Ehrenbürger sind ...

Schenk: Schon als Kind habe ich eine starke emotionale Bindung an meine Heimatstadt gespürt. Nachdem ich 1985 die DDR – ohne „Genehmigung der Partei und Staatsführung“ – verlassen hatte und deshalb als in West-Berlin lebender Schauspieler zu Dreharbeiten in andere Städten fliegen musste, flog ich oft auf dem Weg nach Hamburg über Wittenberge hinweg. Das waren dann immer sehr berührende Momente für mich. Die Stadt mit ihren Straßen zu sehen und zu wissen, dass wenige Kilometer unter mir meine Eltern, Familie und Freunde waren. Unerreichbar für mich. Damals konnte noch niemand ahnen, dass die DDR in wenigen Jahren zum Glück Geschichte sein wird. Die zu Recht gefeierte Wiedervereinigung und der Versuch, eine Gesellschaft und ihre Wirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, gestaltete sich als eine ungeheure und komplexe Aufgabe. Meine „alte Heimat“ wurde wie die meisten Industrieregionen der ehemaligen DDR stark gebeutelt und verlor dabei fast die Hälfte ihrer Einwohner. Es gab und gibt viele Menschen in Wittenberge, die verschiedenste Initiativen für ihre Stadt ergriffen haben, an denen ich mich mit meinen Möglichkeiten unterstützend beteiligen konnte. Das führte dann vor einigen Jahren dazu, dass meine Heimatstadt mich in einem sehr schönen Festakt zu ihrem Ehrenbürger ernannte.

Udo Schenk Foto: Rudolf Wernicke

Wo stehen wir mit der deutschen Einheit heute?

Schenk: Das zunächst genährte Gefühl, dass die Mauer in den Köpfen auf „beiden Seiten“ höher sei als in den Zeiten der Teilung unseres Landes, denke ich, ist passe’. Am Ende des Tages, finde ich, haben wir diesen schwierigen Prozess der Wiedervereinigung alle miteinander ganz gut gemeistert. Heute begleiten ganz andere Probleme unser tägliches Leben. Und als geborener und „gelernter DDR-Bürger“ habe ich den Eindruck, dass uns unsere 40-jährige Diktaturerfahrung bei den vielen manipulativen und ideologischen Beeinflussungen, die demokratische Ordnungen bereithalten, hilft, einen kritischen Blick und ein kritisches Hinterfragen zu bewahren.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Schenk: Heimat und das Gefühl hinter diesem Begriff ist etwas Schönes, und es tut weh, wenn man die Heimat verliert. Die Generation unserer Eltern und Großeltern war millionenfach von diesem Schicksal betroffen. Als meine Frau, die Schauspielerin Marina Krogull, und ich, nach einem langen Prozess der inneren Abnabelung unser Zuhause, unsere Wohnung und Heimat mit allem, was dazu gehört, zurücklassen mussten, weil wir eine Gastspielreise unseres Theaters nutzten, um die DDR zu verlassen, haben wir ein Gefühl dafür bekommen, was unsere Eltern und Großeltern unter ganz anderen Verhältnissen durchleben mussten und Millionen Menschen auf dieser schönen Erde jeden Tag erleben. Heute würde ich sagen, ist die ganze Region Berlin-Brandenburg meine Heimat, denn, obwohl es in Deutschland attraktivere Landschaften gibt, liebe ich die schöne Schlichtheit der „brandenburgischen Streusandbüchse“ und ihrer Wälder.

Sie haben sich nach Flucht und Wendezeit mehr und mehr dem Film und dem Fernsehen gewidmet. Hat Sie die Bühne damals nicht mehr gereizt?

Schenk: Ja und nein. Ich habe mir damals Inszenierungen an Theatern angeschaut, an denen ich gerne gespielt hätte, anschließend mit Kollegen in Kneipen gesessen, diskutiert und bemerkt, dass dort eine sehr linke und undifferenzierte DDR-Bewunderung gepflegt wurde. Bei dem Versuch, dieses „Weltbild“ geradezurücken, wurde ich in eine Ecke gestellt, in die ich nicht hingehörte. In Anlehnung an einen Ausspruch von Wolf Biermann, wenige Wochen nach seiner „Ausbürgerung“ aus der DDR, musste ich mir damals eingestehen, dass mich ein Engagement in einem solch geistigen Klima „vom Regen in die Jauche“ gebracht hätte. Soziale Abhängigkeiten und Ängste sind unter uns Menschen gern eingesetzte Waffen. Insofern bin ich mit meinem freiberuflichen Schauspie­lerdasein der letzten Jahrzehnte ganz zufrieden.

Welche besonders markanten Rollen waren für Sie Schlüsselerlebnisse?

Auch in der Wilsberg-Episode „Mundtot“ (2014) in Münster war Udo Schenk zu sehen, hier in einer Szene mit Rita Russek als Kommissarin Springer. Foto: Thomas Kost / ZDF

Schenk: Natürlich habe ich mit der Situation, nicht zu einem Theaterensemble zu gehören, anfangs gehadert, aber meine wenigen Gastrollen an einigen Theatern wie zum Beispiel dem Kölner Schauspielhaus haben meine Entscheidung, „frei“ zu arbeiten und ab 1989/90 ausschließlich für Film und Fernsehen, für mich bestätigt. Ich habe sehr viel gedreht und großartige Regisseure kennengelernt. Aus jeder Arbeit ergab sich eine Neue. Ich bin wirklich glücklich, dass ich so viele Produktionen als Schauspieler begleiten und mich weiterentwickeln konnte.

Ein Schlüsselerlebnis war der 1993 entstandene Film „Die Bombe tickt“, ein Film über Wurzeln und Erscheinungsformen des Rechtsradikalismus von Thorsten Näter, mit dem ich viele Jahre gearbeitet habe. 1989 war ich mit dem Film „Der Geschichtenerzähler“ nach einem Roman von Patricia Highsmith unter der Regie von Rainer Boldt als deutscher Wettbewerbsbeitrag zum Filmfest in Montreal. Bei der Pressekonferenz dort saßen übrigens zwei Stasileute unter den Journalisten, um zu hören, ob ich etwas „Böses“ über die DDR sage. Drei Monate später haben sie vermutlich ihre Fahnen in den „wind of change“ gehängt. Bei Rainer Boldt habe ich 1995 eine meiner schönsten Rollen in dem Film „Der Richter und das Mädchen“ gespielt. Ein Film der mit zu diesen prägenden Erlebnissen gehört.

Schauen wir einmal in die Sachsenklinik. Die Outtakes, also die in der Mediathek zu sehenden Szenen mit Pannen, signalisieren, dass Sie viel Spaß beim Drehen haben...

Schenk: Die Outtakes suggerieren das natürlich, aber einen authentisch wirkenden Mediziner und Menschen entstehen zu lassen, ist für mich zumindest ein anstrengender schauspielerischer Prozess, der, wenn er erfolgreich ist, natürlich Freude bereitet. Den Erfolg messe ich nicht nur an den Einschaltquoten, sondern auch daran, ob, wie und welche Menschen mich auf den Urologen Dr. Kaminski ansprechen. Da mich auch immer wieder Mediziner auf diese Rolle angesprochen haben und damit zeigten, dass sie sich gut von uns unterhalten fühlten, sagte ich mir, dass wir offensichtlich vieles richtig machen. Der „Beweis“ dafür war 2020 die Auszeichnung des „Dr. Kaminski“ durch die Deutsche Gesellschaft für Urologie.

Der Urologe Kaminski befasst sich mit dem menschlichen Südpol, aber er ist mit Nietzsche-Zitaten, Whisky und Tango-Tanz ja zugleich ein kultivierter, intellektueller Typ. Was ist Drehbuch, und wie viel von Udo Schenk steckt in Kaminski?

Schenk: Ja, der „menschliche Südpol“ ist für uns ein heikles Thema und dazu gehört auch die sogenannte „kleine Hafenrundfahrt“. Eine Bezeichnung unter Urologen für das Abtasten der Prostata durch den Anus. Das verriet mir ein Urologe, der mich auf meine Rolle hin ansprach, und so konnte ich diesen Begriff, auch wenn er nicht im Drehbuch stand, des Öfteren einbringen. Auf ähnlich kreative Weise entstanden in den letzten 15 Jahren in gegenseitigem Einvernehmen zwischen Dramaturgie und mir viele der Dinge, welche die Figur Dr. Kaminski „rund“ werden lassen und dem Publikum gefallen. Was in den ersten Sendemonaten auch dazu führte, dass die Saxonia Media den Umfang der Rolle in der Anzahl der Drehtage verdoppeln wollte, aber ich war und bin der Meinung, dass die Rolle von der richtigen Dosierung lebt – und so blieb es dabei.

Träumen Sie von einem Schlussakkord? Salzburger Festspiele oder ein Ein-Personen-Stück am Thalia-Theater?

Schenk: Für Überraschungen bin ich immer offen, aber unser Schlussakkord kommt von woanders her. Hoffentlich lässt er noch lange auf sich warten. Meinen Vertrag für Dr. Kaminski habe ich um ein Jahr verlängert, dann bin ich 70 Jahre alt, und dann sehen wir weiter.

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