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Seemannskneipe in Hamburg

Ulla Müller ist die Chefin vom „Schellfischposten“

Hamburg

Einst hauten hier Seeleute ihre Heuer auf den Kopf - heute ist der Hamburger "Schellfischposten" eine urige Hafenkneipe, die besonders bei Touristen beliebt ist. Bekannt wurde die Pinte durch die Fernsehsendung "Inas Nacht" - doch wie sieht's dort aus, wenn die Fernsehleute nicht da sind? Ein Besuch.

Gunnar A. Pier

Eine Wirtin und ihre Kneipe: Ulla Müller ist die Chefin im Hamburger „Schellfischposten“. Deutsche Fernsehzuschauer kennen ihre Pinte aus „Inas Nacht“. Foto: Gunnar A. Pier

Im „Schellfischposten“ fällt der Blick direkt auf Deutschlands wohl berühmtesten Kneipentresen, aber die beiden Leute auf den Barhockern kennt kein Mensch. Michael Chvala und Philipp Grötzinger aus Bayern sind eigentlich wegen Ina Müller gekommen, jetzt gefällt es ihnen richtig gut: „Das ist noch eine richtig echte Kneipe.“

Und das liegt nicht an Ina Müller, sondern an der anderen „Frau Müller“, die man aus der Fernsehsendung „Inas Nacht“ kennen kann: Ulla Müller ist die Chefin vom „Schellfischposten“ – und möchte mit dem ganzen Fernsehrummel eigentlich gar nicht viel zu tun haben. „Wir wollen eine ganz normale Kneipe sein“, sagt sie. Immerhin: Sie hat die uralte Seemannsspelunke in die Neuzeit geführt.

Ein Relikt aus der Vergangenheit

Die winzige Kneipe, vielleicht einen viertelstündigen Fußmarsch von den Landungsbrücken entfernt, ist deutlich sichtbar ein Relikt aus der Vergangenheit. Aus Zeiten, als von Hamburg aus die Nordsee und der Nordatlantik befischt wurden. Alle zwei Wochen machten um die Ecke die Kutter fest, und die Matrosen hauten die Heuer auf den Kopf. „Die Leute haben oftmals wirklich alles ­versoffen“, erinnert sich Ulla Müller. „Herzliche, raue Kerle“ seien das gewesen. Manchmal aber so rau und so herzlich, dass ihr Vater, der Wirt, seine Frau und die Tochter ­lieber nicht in seiner Kneipe sehen wollte.

Frau Müller aus Düsseldorf

1962 kam Ulla Müller nach Hamburg. Hamburgs berühmteste Hafenkneipen-Wirtin kommt eigentlich gar nicht aus Hamburg, sondern aus Düsseldorf. Ihr Vater hatte bei der Marine gedient, längst floss Salzwasser durch seine Adern. Er war Gastronom, und als er keine Lust mehr hatte, Ruderclubs am Kanal zu bewirtschaften, zog er samt ­Familie in die Hansestadt und erfüllte sich seinen Traum: eine echte Hafenkneipe. „Das war hier eine Goldgrube“, sagt Ulla Müller.

"So etwas gibt man nicht weg"

Als der Herr Papa sich irgendwann in den Ruhestand verabschiedete, mahnte er: „So etwas gibt man nicht weg, so was führt man fort.“ Also behielt Ulla Müller den „Schellfischposten“ und verpachtete ihn an eine ehemalige Bedienung. Doch die hatte mehr Durst als Disziplin, ließ den Laden oft verkatert geschlossen, prellte die Pacht und verschwand irgendwann spurlos. Kurzerhand nahmen Ulla Müller und ihr Mann die Sache selbst in die Hand.

Großartige Lage: Wer vor dem „Schellfischposten“ (rechts) sitzt – da, wo während der Sendung der Shanty-Chor steht – kann über die Elbe auf den Hamburger Hafen blicken. Foto: Gunnar A. Pier

Urige Atmosphäre und schöne Lage

Als sie ablegten, um als Kneipiers in eine neue Zukunft zu segeln, gerieten sie in eine Flaute. Die Fischer machen längst nicht mehr in Hamburg fest, sondern bleiben irgendwo an oder auf der Nordsee. Viele Stammkunden aus der Umgebung waren von der Interims-Pächterin vergrault worden, und die Be­satzungen der Container­riesen, die den Hafen nun prägen, taugen nicht als Kundschaft. Die Liegezeiten sind kurz, die Wege von den Containerterminals auf der anderen Elb-Seite zum „Schellfischposten“ lang, und die Arbeit an Deck machen längst Asiaten: „Die gehen nicht in die Gaststätte, die schicken ihr Geld nach Hause.“

Herr Müller war auf großer Fahrt

Acht bis zehn Jahre habe es gedauert, bis die einstige Goldgrube aus den roten Zahlen kam. „Ganz viel Arbeit und ganz viel Geduld“, habe sie investiert, erzählt Müller heute. So manches Mal musste ihr Mann am Monatsende die Zeche zahlen. Der steuerte als Kapitän auf großer Fahrt Ozeanriesen nach Afrika und Kanada. Seit 1987 arbeitete er als Hafenlotse.

„Wir haben einfach ausgeharrt“

Wie haben die beiden die Neuausrichtung angegangen? „Wir haben einfach ausgeharrt.“ Oft saßen Herr und Frau Müller alleine an den ­Tischen vor dem Lokal, damit es so aussieht, als sei wenigstens irgendein Gast da. Die Standhaftigkeit hat sich gelohnt: Der „Schellfischposten“ hat wieder Rückenwind. Dank der urigen Atmosphäre und der schönen Lage – von der Außenterrasse aus sieht man die großen Pötte auf der Elbe fahren – ist die einstige Kutterfahrer-Kaschemme zur kultigen Touristenattraktion geworden.

Frau Müller ist Teil der Sendung

Fluch und Segen zugleich ist für den „Schellfischposten“ die Fernsehsendung „Inas Nacht“. Regelmäßig wird die klitzekleine Kneipe zum TV-Studio. Dann lädt Entertainerin Ina Müller zu ihrer Show mit dem Untertitel „Singen, Sabbeln, Saufen“. Vor zehn Jahren tauchte die Wahl-Hamburgerin im „Schellfischposten“ auf und fragte, ob man sich so was vorstellen könnte. „Da habe ich gesagt: Joa, das könnt ihr mal machen.“ Wenig später kamen Techniker und sagten: Das geht hier nicht! Zu klein, zu dunkel. Aber es geht.

Die Gäste Michael Chvala (links) und Philipp Grötzinger im Schellfischposten an Deutschlands wohl bekanntestem Kneipentresen. Foto: Gunnar A. Pier

Jetzt rücken vier Mal im Jahr für eine knappe Woche die Fernsehleute an, bauen ein bisschen um und zeichnen drei Sendungen auf. Ulla Müller findet das spannend, viele ihrer Helden hat sie so schon getroffen. „Ich finde das ganz toll! Neulich waren sogar die Toten Hosen da.“ Die Hausherrin wird für das TV-Theater keineswegs ausquartiert: Sie ist längst Teil der Sendung. „Frau Müller“, wie Ina Müller sie vor der Kamera kon­sequent nennt, steht hinter dem Tresen und versorgt Akteure und Zuschauer mit Frischgezapftem. „Das sind hier Gäste wie alle anderen.“

Idee für den Ruhestand

In der fernsehfreien Zeit möchte Ulla Müller die Popularität gerne vergessen machen. Nahezu nichts deutet dann in der Kneipe darauf hin, was hier gelegentlich abgeht. Autogramme mit Widmungen der prominenten Gäste hängen an der Wand, aber das gibt’s in anderen Kneipen auch. Regelmäßig verirren sich Besucher mit Kamera und ohne Durst in den Schankraum und sagen: „Wir wollen nur mal gucken.“ Ulla Müller versteht das, ärgert sich aber darüber: „Das macht es hier ungemütlich.“ Da sind ihr Gäste wie die beiden Bayern lieber: Bei einer Hafen­rundfahrt hatte der Ansager auf den „Schellfischposten“ hingewiesen. Beide gingen also anschließend hin und bestellten an Deutschlands berühmtestem Kneipentresen zwei große Pils.

Ganz schön klein und sehr vertraut: Der Schellfischposten. Foto: Gunnar A. Pier

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Zukunftspläne

Ulla Müller schaut derweil hinter der Theke nach dem Rechten. 65 Jahre alt ist sie – wie lange will sie weiter­machen? „Na, ja, es macht mir doch Spaß“, sagt sie. „Warum soll ich nicht weitermachen?“ Trotzdem, eine Idee für den Ruhestand hat sie bereits: „Wenn ich nicht mehr arbeiten muss, möchte ich hier draußen vor dem ,Schellfischposten’ sitzen und Schiffe und Leute angucken.“ Wie jetzt ihre Gäste. „Die beneide ich manchmal richtig.“

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